«Dialog ist sehr wichtig»: Das sagt die Covid-19-Taskforce zu den Corona-Skeptikern
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«Dialog ist sehr wichtig»Das sagt die Covid-19-Taskforce zu den Corona-Skeptikern

Impfzwang, Angstmacherei, Überwachungsstaat: Zwei Expertinnen der Corona-Taskforce des Bundes nehmen Stellung zur Kritik von Corona-Skeptikern.

von
Daniel Krähenbühl
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Wie eine nicht repräsentative 20-Minuten-Umfrage unter 25’000 Lesern zeigt, betrachtet ein grosser Teil die Corona-Massnahmen kritisch.

Wie eine nicht repräsentative 20-Minuten-Umfrage unter 25’000 Lesern zeigt, betrachtet ein grosser Teil die Corona-Massnahmen kritisch.

KEYSTONE
Jeder Fünfte zählt sich zu den Corona-Skeptikern oder sagt, dass es «Ungereimtheiten in Zusammenhang mit Corona» gibt.

Jeder Fünfte zählt sich zu den Corona-Skeptikern oder sagt, dass es «Ungereimtheiten in Zusammenhang mit Corona» gibt.

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Die Skeptiker ziehen sich oftmals in geschlossene Facebook- oder Telegram-Gruppen zurück, um Pläne zu schmieden, «um die schlafenden oder untätigen Bürger zu motivieren, aufzustehen und die Demokratie zurückzufordern».

Die Skeptiker ziehen sich oftmals in geschlossene Facebook- oder Telegram-Gruppen zurück, um Pläne zu schmieden, «um die schlafenden oder untätigen Bürger zu motivieren, aufzustehen und die Demokratie zurückzufordern».

Screenshot Telegram

Darum gehts

  • Laut einer Leserumfrage zählt sich rund jeder Fünfte zu den Corona-Skeptikern oder sagt, dass es «Ungereimtheiten in Zusammenhang mit Corona» gibt.
  • Trotzdem haben sich Bundesrat oder BAG kaum öffentlich zu den Skeptikern geäussert.
  • Diese ziehen sich oftmals in geschlossene Facebook- oder Telegram-Gruppen zurück.
  • Nun nehmen Samia Hurst, Direktorin des Instituts für Biomedizinische Ethik an der Universität Genf und Claudine Burton-Jeangros, Soziologieprofessorin an der Uni Genf, zwei Expertinnen in der nationalen Corona-Taskforce, Stellung.

In diesen Tagen liegen bei den Corona-Skeptikern Angst und Wut nahe beieinander. Angst um die eigene Freiheit, um die Schweizer Demokratie, Angst vor einem zweiten Lockdown oder vor einem staatlich verordneten Impfzwang. Und Wut über die wirtschaftlichen Konsequenzen, den drohenden Jobverlust oder die befürchtete Einschränkung der Grundrechte.

Die Corona-Skeptiker sind nicht nur eine Splittergruppe: Wie eine nicht repräsentative 20-Minuten-Umfrage unter 25’000 Lesern zeigt, betrachtet ein grosser Teil die Corona-Massnahmen kritisch. Jeder Fünfte zählt sich zu den Corona-Skeptikern oder sagt, dass es «Ungereimtheiten in Zusammenhang mit Corona» gibt. Der Bundesrat oder das Bundesamt für Gesundheit haben sich bisher kaum öffentlich dazu geäussert.

Die Skeptiker ziehen sich oftmals in geschlossene Facebook- oder Telegram-Gruppen zurück, um Pläne zu schmieden, «um die schlafenden oder untätigen Bürger zu motivieren, aufzustehen und die Demokratie zurückzufordern» (Zitat aus dem Telegram-Kanal der «Corona-Rebellen Schweiz»). Oder sie radikalisieren sich, warten auf den «Tag X», an dem «das Volk» mit Gewalt gegen die Staatsmacht vorgeht. Bestärkt fühlen sich die Skeptiker gerade durch Vorgänge wie etwa in Serbien, wo Protestierende erreicht haben, dass die zuvor beschlossene zweite Corona-Ausgangssperre aufgehoben wird.

Social Media fördern Corona-Skepsis

Die relativ hohe Zahl der Corona-Skeptiker habe verschiedene Ursachen, sagen Samia Hurst, Direktorin des Instituts für Biomedizinische Ethik an der Universität Genf und Claudine Burton-Jeangros, Soziologieprofessorin an der Uni Genf, zwei Expertinnen in der nationalen Corona-Taskforce. Einerseits handle es sich bei Covid-19 um eine neuartige Krankheit, mit zahlreichen noch offenen Fragen. Andererseits erleichterten Social Media die Verbreitung von irreführenden und falschen Theorien. «So zeigte eine Studie der Universität Oxford, dass Menschen, die sich hauptsächlich über soziale Netzwerke informieren, häufiger an Verschwörungstheorien um Covid-19 glaubten.»

Es sei bekannt, dass man in einer Krise oder Katastrophe versuche, der Bedrohung Sinn zu geben. Viele Theorien versuchten dabei, die Schuldfrage zu beantworten – in der Annahme, dass es immer jemanden gebe, der für diese Krise zur Verantwortung gezogen werden kann, sagt Burton-Jeangros. «Gewissermassen spiegelt diese Vorstellung eine gewisse Vision der Moderne: nämlich die Idee, dass die Natur nichts tut, was sich unserer Kontrolle entzieht.»

Fokus auf Individuum

Hurst sagt, sie könne die Skepsis gegenüber den Corona-Massnahmen nachvollziehen: «Die vom Bund ergriffenen Massnahmen waren restriktiv.» Gleichzeitig hätten sie eine grosse Anzahl von Opfern vermieden. «Weil die Anzahl dieser vermiedenen Opfer unsichtbar ist, wird der Eindruck erweckt, dass die Massnahmen überzogen waren.» Der Effekt sei auch als «Präventionsparadox» bekannt.

Die Corona-Massnahmen hätten sich direkt und spürbar auf die wirtschaftliche und persönliche Situation einer grossen Anzahl von Menschen ausgewirkt. Hurst: «Während der Fokus zunächst auf den hohen Sterblichkeitszahlen lag, relativierte das Bewusstsein für die unmittelbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Eindämmung dann die Auswirkungen der Krankheit.» Die vermiedenen Opfer – die der Pandemie und die der Wirtschaftskrise – seien abstrakt gewesen, die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen jedoch konkret.

Um die Corona-Skeptiker nun wieder ins Boot zu holen und um ihnen die Wichtigkeit der getroffenen Massnahmen vor Augen zu führen, müssten die Behörden darum auf eine kontinuierliche Kommunikation setzen, sagt Burton-Jeangros. «Der Dialog mit den Corona-Skeptikern ist sehr wichtig.» Bund, Kantone und Institutionen müssten nicht nur informieren, sondern auch zuhören und die Unsicherheiten und Ängste anerkennen, die es in der Bevölkerung gebe. «Eine herablassende Haltung gegenüber den Skeptikern wird sie nur noch in ihren Überzeugungen stützen.»

Das sagen die Taskforce-Expertinnen zu folgenden Aussagen

Unsere Grundrechte sind in Gefahr.

«Das vom Volk im Jahr 2013 angenommene Epidemiengesetz verleiht dem Bund im Falle einer Epidemie weitgehende Machtbefugnisse. Die Entscheidung, eine Balance zwischen dem Schutz der Bevölkerung und der Aufrechterhaltung der Grundrechte zu finden, wurde dabei an gewählte Politiker delegiert. Die von ihnen als notwendig erachteten Entscheidungen basierten sie auf dem aktuellen Wissensstand – und innerhalb eines demokratisch festgelegten rechtlichen Rahmens.»

Es droht ein Impfzwang.

«Es ist unwahrscheinlich, dass die Schweiz eine Impfpflicht einführen wird. Viel wahrscheinlicher ist etwa, dass der Bund eine Empfehlung zur Impfung aussprechen wird, wie das bereits bei anderen Impfungen der Fall ist.»

Die Corona-Massnahmen waren viel zu einschneidend, die Pandemie eine Angstmacherei.

«Bund und Experten haben ihre Verantwortung in einem Kontext grosser Unsicherheit wahrgenommen. Mittlerweile weiss man mehr über das Virus – und ist nun auch besser darauf vorbereitet, bei künftigen Fällen mit anderen Mitteln als einem Lockdown zu reagieren. Aber die Massnahmen wirkten, das Virus breitete sich nicht unkontrolliert aus. Der Erfolg der damals ergriffenen Massnahmen erweckt den Eindruck, dass diese exzessiv waren.»

Die Corona-Warn-App führt zu einem Überwachungsstaat.

«Die Schweizer Entwickler haben erfolgreich dafür gekämpft, dass bei der Schweizer Corona-App extrem viel Wert auf den Datenschutz gelegt wurde und die Identität der Benutzer nicht rückverfolgbar ist. Die Sorge ist aber nachvollziehbar – vor allem, wenn man sieht, wie gewisse ausländische Staaten mit den privaten Daten ihrer Corona-Apps umgehen, schürt das Ängste. Aber auch wir gewähren im täglichen Umgang privaten Unternehmen, etwa Google, Amazon oder Facebook, viele Daten, ohne uns gross Sorgen darüber zu machen.»

In der Schweiz bahnt sich eine Diktatur an

«Mittlerweile hat der Bund die durch das Epidemiengesetz erlangten Kompetenzen wieder an die Kantone zurückgegeben. Sobald es möglich war, tagte zudem das Parlament wieder. Und die politischen Rechte, wie etwa das Recht, Unterschriften zu sammeln, oder das Versammlungsrecht – bestehen und werden aktiv ausgeübt. Die Bemühungen der Regierung, die Menschen für ihre wirtschaftlichen Verluste zu entschädigen, waren und sind noch immer beträchtlich. Dies sieht nicht wirklich danach aus, dass wir in eine Diktatur hineinschlittern.»

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