Sektenähnliche Gemeinschaft: Psychiatrie Münsingen entlässt ärztlichen Direktor wegen Kirschblütler-Affäre

Sektenähnliche GemeinschaftPsychiatrie Münsingen entlässt ärztlichen Direktor wegen Kirschblütler-Affäre

Die Psychiatrie Münsingen hatte sektennahe Mitarbeitende angestellt. Am Dienstag präsentierte die Klinik die Ergebnisse einer externen Untersuchung.

von
Monira Djurdjevic
Chantal Gisler
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Verwaltungsratspräsident Jean-Marc Lüthi und PZM-Direktor Ivo Spicher informierten am Dienstag über die Ergebnisse und die beschlossenen Massnahmen.

Verwaltungsratspräsident Jean-Marc Lüthi und PZM-Direktor Ivo Spicher informierten am Dienstag über die Ergebnisse und die beschlossenen Massnahmen.

20min/Matthias Spicher
«Uns ist es wichtig, Ihnen zu sagen, dass wir die Vorwürfe und Befürchtungen sehr ernst genommen haben», sagte Verwaltungsratspräsident Jean-Marc Lüthi vor den Medien.

«Uns ist es wichtig, Ihnen zu sagen, dass wir die Vorwürfe und Befürchtungen sehr ernst genommen haben», sagte Verwaltungsratspräsident Jean-Marc Lüthi vor den Medien.

20min/Matthias Spicher
Während mehrerer Jahre arbeiteten Kirschblütler-Gemeinschaftsangehörige in Münsingen.

Während mehrerer Jahre arbeiteten Kirschblütler-Gemeinschaftsangehörige in Münsingen.

Tamedia AG

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Dienstag, 21.06.2022

Zusammenfassung

Das Psychiatriezentrum Münsingen (PZM) ergreift Massnahmen in der Organisation und Führung. Diese stützen sich unter anderem auf eine Untersuchung von vier unabhängigen externen Experten. Die Untersuchung zeigt: Aufgrund der Anstellung von drei ehemaligen Mitarbeiterinnen aus der umstrittenen Kirschblüten-Gemeinschaft sind keine Patienten und Patientinnen zu Schaden gekommen.

Die Experten bestätigen jedoch Schwachstellen namentlich in Bezug auf die Klinik für Depression und Angst. Als Konsequenz setzt das PZM die ärztliche Direktion neu kollegial zusammen. Die medizinische und pflegerische Leitung der Klinik für Depression und Angst wird neu besetzt.

Das PZM hält an seiner diskriminierungsfreien Anstellungspraxis fest. Seit diesem Frühjahr verzichtet das PZM jedoch aufgrund der laufenden Untersuchungen auch seitens des Kantons Bern auf die Anstellung von Mitgliedern der Kirschblüten-Gemeinschaft. Das PZM wird sich dazu unter anderem mit der kantonalen Gesundheitsdirektion und den UPD vertieft austauschen und das Vorgehen anschliessend festlegen.

Das PZM distanziert sich nach wie vor und ausdrücklich von den von der Kirschblüten-Gemeinschaft praktizierten Therapien und lehnt diese mit Nachdruck ab. Diese umstrittenen, pseudowissenschaftlichen Praktiken sind am PZM tabu. Für die Behandlungen am PZM gelten für alle Mitarbeitenden verbindlich die Richtlinien der anerkannten Fachgesellschaften sowie nationaler und internationaler Organisationen.

Medienkonferenz beendet

Die Pressekonferenz ist beendet.

Anonyme Meldestelle für mögliches Fehlverhalten

Das Psychiatriezentrum trennt sich laut Lüthi von seinem ärztlichen Direktor Thomas Reisch. «Wir sind überzeugt, dass das der richtige Schritt ist. Wir wollen Thomas Reisch für die Zusammenarbeit danken. Er hat als Psychiater sehr viel Gutes geleistet. Wir haben aber gesehen, dass eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist und eine gemeinsame Basis fehlt.»

Reisch hatte intern darüber informiert, dass er eine Beziehung mit einer Kirschblütlerin führe. Er selbst sei aber kein Mitglied. Genaue Angaben könne man nicht machen. «Hier geht es um den Persönlichkeitsschutz. Ich kann nur sagen, dass es ein Führungsproblem war», so Lüthi.

Laut Lüthi werden zudem weitere Änderungen an der Organisation der ärztlichen Direktion vorgenommen. Auch soll eine externe, anonyme Meldestelle für mögliches Fehlverhalten geschaffen werden. Die Untersuchung habe unter anderem gezeigt, dass es keine gute Führung gab. Dies habe sich die Stimmung beim Personal ausgewirkt.

«Distanzieren uns von dem Gedankengut»

Laut Lüthi wurde entschieden, vorerst keine Kirschblüten-Mitglieder mehr anzustellen. «Wir distanzieren uns von dem Gedankengut und den Therapievorstellungen der Kirschblütengemeinschaft. Unsere Mitarbeitenden haben die Verpflichtung, anerkannte Behandlungsmethoden anzuwenden.» Lüthi betont aber auch: «Wir lehnen jegliche Diskriminierung ab und distanzieren uns klar davon.»

Niemand zu Schaden gekommen

«Es gibt keinen Zweifel, dass sich die drei ehemaligen Mitarbeitenden keines Fehlverhaltens schuldig gemacht haben. Es ist kein Patient zu Schaden gekommen. Zudem gibt es keine Hinweise, dass es zu einer Anwendung von nicht erlaubten Behandlungen oder Medikamenten gekommen ist», so Lüthi.

Ergebnisse seit einer Woche zur Verfügung

Jetzt beginnt die Pressekonferenz. «Uns ist es wichtig, Ihnen zu sagen, dass wir die Vorwürfe und Befürchtungen sehr ernst genommen haben. Diese wollten wir aber von einer externen Stelle untersuchen lassen», sagt Verwaltungsratspräsident Jean-Marc Lüthi. Die Ergebnisse stehen laut Lüthi seit einer Woche zur Verfügung.

Kirschblütengemeinschaft

Die Kirschblütengemeinschaft ist eine sektenähnliche Gruppierung, die 1996 vom Psychiater Samuel Widmer gegründet wurde. Die Gruppierung vertritt die sogenannte «Echte Psychotherapie», bei der auch Tantra-Sexualpraktiken angewendet werden.

Der umstrittenen Therapie- und Lebensgemeinschaft wird zudem vorgeworfen, inzestuöse Handlungen sowie sexuelle Kontakte zwischen Therapeuten und Patienten nicht auszuschliessen.

Zudem sollen bei der «Echten Psychotherapie» illegale Drogen wie LSD und MDMA verabreicht werden. Der Dachverband der psychiatrischen Kliniken und Dienste, Swiss Mental Healthcare (SMHC), distanziert sich von der Gruppierung.

Medienkonferenz

Während mehrerer Jahre arbeiteten im Psychiatriezentrum Münsingen (PZM) drei Therapeutinnen, die der umstrittenen Kirschblütengemeinschaft angehören. Auch die Tochter des Gründers der esoterischen Gemeinschaft soll dort als Psychologin tätig gewesen sein. Das Anstellungsverhältnis der Mitarbeiterinnen wurde aufgelöst. Das Psychiatriezentrum distanzierte sich laut einer Mitteilung von den «pseudowissenschaftlichen Therapien, die von der Kirschblütengemeinschaft praktiziert werden».

Dem Verwaltungsrat des Psychiatriezentrums Münsingen (PZM) liegen nun die Ergebnisse der externen unabhängigen Untersuchung zu den Anstellungen von drei Mitarbeiterinnen der Kirschblüten-Gemeinschaft vor. Verwaltungsratspräsident Jean-Marc Lüthi und PZM-Direktor Ivo Spicher werden am Dienstag über die Ergebnisse und die beschlossenen Massnahmen informieren.

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