Das sagt Heinz Günthardt über Roger Federer und Wimbledon
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Tennis-Experte des SRF im InterviewDas sagt Heinz Günthardt zu Federers Titel-Chancen und seiner SRF-Zukunft

Roger Federer steht wieder einmal im Viertelfinal von Wimbledon. Nun geht es gegen den Polen Hubert Hurkacz. Heinz Günthardt schätzt für uns die Chancen von Federer ein.

von
Sven Forster

Dank diesem Punkt zog Federer in den Viertelfinal ein.

SRF 

Darum gehts

  • Roger Federer steht mit 39 Jahren im Viertelfinal von Wimbledon.

  • Am Mittwoch trifft er auf den Polen Hubert Hurkacz.

  • Wir haben mit Heinz Günthardt, dem langjährigen Tennis-Experten des SRF, über Federer, Golubic und seine persönliche Zukunft gesprochen.

Herr Günthardt, wovon dürfen Federer-Fans träumen? Wie schätzen Sie seine Chancen ein?

Heinz Günthardt: Federer wurde jede Runde besser. Klar war schon vor dem Turnier, dass die erste Woche wichtig ist. Natürlich hat Federer auch Glück gebraucht. Man muss aber gut genug sein, dass man mit bisschen Glück über die Ziellinie kommt. Gegen Mannarino hat er schon einen Satz gewonnen und führte mit Break im Vierten, als sich Mannarino verletzte. Es ist so, dass Federer mehr vom Service abhängt als früher, er hat weniger Marge, aber der Trend zeigt in die richtige Richtung. Die Auslosung ist auch eine gute mit Hurkacz. Er ist keiner, der so serviert und spielt, dass es extrem unangenehm ist. Er spielt gut, aber ist nichts Ungewöhnliches. Ein Gegner, gegen den man so in der Art und Weise schon öfters gespielt hat. Ich glaube das kommt Roger entgegen.

Was macht Federer aktuell so stark?

Der Service war bislang extrem gut. Praktisch in jedem Match wurden 40 Prozent seiner Aufschläge nicht retourniert. Das ist eine Grundvoraussetzung, dass er seine Servicegames kurz halten kann und einfach durchbringt. Danach ist es schwierig für den Gegner. Federer kann jederzeit in einem Ballwechsel explodieren. Wenn er seine Servicegames durchbringt, kann er auch die Returns attackieren. Wenn er den Rhythmus gefunden hat, ist er sehr unangenehm, da er alle Möglichkeiten hat, die Ballwechsel sehr kurz zu halten.

Wo liegt seine Schwäche?

Schwäche ist vielleicht das falsche Wort. Wenn er nicht gut serviert und auch im eigenen Aufschlagspiel lange Ballwechsel spielen muss, gibt es andere, die das besser können. Das hat man auch im ersten Spiel gesehen. Für Federer ist es zwar in Ordnung, längere Ballwechsel zu spielen, aber nicht auf Dauer. Vor allem nicht, wenn er selber serviert. Kurze Ballwechsel bei eigenem Aufschlag sind die Grundvoraussetzung, dass er bei längeren Ballwechseln beim Service der Gegner die Energie und geistige Frische hat, um diese zu gewinnen.

Können Sie sich vorstellen, dass er bei einem Titelgewinn in Wimbledon seine Karriere beendet?

Ich weiss da auch nicht mehr als andere. Alles ist denkbar, aber ich glaube, wenn er den Titel holt, denkt er sich, warum nicht auch beim US Open?

Glauben Sie, er nimmt an den Olympischen Spielen teil?

Ich denke, er weiss es noch nicht. Das hängt wohl davon ab, wie er sich nach dem Turnier fühlt.

Möglicherweise im Einzel- und Mixed-Wettbewerb?

Er und Belinda haben bewiesen, dass sie gut Mixed spielen. Aber es wäre auch eine grosse Aufgabe, beides zu spielen an Olympia. Es kommt darauf an, wie er Wimbledon verdaut und das wissen wir erst, wenn das Turnier vorbei ist.

Hättest du dieses englische Sprichwort verstanden?

SRF

Wie sehen Sie die Zukunft des Schweizer Tennis bei den Männern?

Dominik Stricker ist ja nicht alleine. Es gibt ja noch Leandro Riedi und Jérôme Kym. Dazu gibt es auch noch Jüngere, die das Potenzial haben vorne mitzuspielen, das heisst für mich irgendwann in den Top 100 zu sein. Es gibt ein Haufen Leute mit Potenzial. Die Frage ist, wieviel kann man davon abrufen. Wir haben aber einige Junge mit Potenzial und das stimmt mich positiv.

Viktorija Golubic hat an Wimbledon für Furore gesorgt. Was hat im Viertelfinal gefehlt?

Der Unterschied beim Service war sehr gross. Wenn man Pliskova schlagen will, muss man das Defizit ausgleichen, aber Pliskova hat kaum Fehler gemacht von der Grundlinie.

Haben Sie vor dem Spiel gedacht, dass es klappen könnte?

Ja absolut, es müssen ein paar Sachen zusammenkommen. Aber wenn Karolina Pliskova so aufschlägt, dann kann sie so befreit aufspielen und es gibt so viele Gratispunkte durch den Service. Die Hoffnung war, dass Viki den Service besser retournieren kann. Aber sie konnte sich zu wenig in die Servicegames hineinspielen.

Was fasziniert Sie an ihrem Spiel?

Sie ist athletisch absolut top, eine Grundvorraussetzung. Sie hat von den Schlägen alle Mögllichkeiten variabel zu spielen. Der Schwachpunkt ist der zweite Aufschlag. In der letzten Woche hat sie da aber zugelegt. Das hat auch mit dem Selbstvertrauen zu tun. Wenn sie dort konstant zulegen kann, dann bin ich der Ansicht, dass sie sich in den besten 50 festsetzen kann und wenn gewisse Sachen zusammenkommen, sie auch an grossen Turnieren für Furore sorgen kann.

Was macht ihren Charakter aus?

Sie hat richtig Biss. Wenn sie arbeitet, dann macht sie es so, dass nichts mehr geht. Sie setzt alles ein und glaubt daran, dass sie es schaffen kann. Auch wenn sie drei Mal scheitert, probiert sie es ein viertes und fünftes Mal.

Wie sehen Sie die Chancen für eine Schweizer Medaille an den Olympischen Spielen?

Wenn sie den Schwung mitnimmt, hat sie durchaus Medaillenchancen. Bei den Frauen ist es einfach auch extrem ausgeglichen. Fast alle können sich Chancen ausrechnen. Vieles ist eine Frage der Einstellung, der Tagesform und des Selbstvertrauens, aber da hat sie hoffentlich genug getankt. Bei Belinda Bencic ist es ähnlich: Belinda muss einfach in die Gänge kommen. Was wäre gewesen, wenn sie die erste Runde gewonnen hat. Momentan ist bei den Frauen eine so grosse Leistungsdichte, dass alles möglich ist.

Ihr langjähriger Partner Stefan Bürer verlässt das SRF. Machen Sie weiter?

Momentan weiss ich gar nicht wie die Planung im nächsten Jahr ist. Es hängt auch davon ab, was wir übertragen. Ich mache jetzt sicher Wimbledon und die US Open sind auch mit Stefan geplant. Dann lasse ich das ganze an mich herankommen. Klar, hatten wir eine gute Zeit. Aber jetzt geht es auch mal zu Ende, das ist ja mit den meisten Dingen so.

Sie schliessen also nicht aus aufzuhören, aber auch nicht aus weiterzumachen?

Genau, das ist so.

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Heinz Günthardt kommentiert seit Jahren die Tennis-Spiele beim SRF

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Urs Lindt/freshfocus
Roger Federer kennt er seit vielen Jahren.

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Urs Lindt/freshfocus
Im Interview mit 20 Minuten meint er: «Ich weiss da auch nicht mehr als andere. Alles ist denkbar, aber ich glaube, wenn er den Titel holt, denkt er sich, warum nicht auch beim US Open?»

Im Interview mit 20 Minuten meint er: «Ich weiss da auch nicht mehr als andere. Alles ist denkbar, aber ich glaube, wenn er den Titel holt, denkt er sich, warum nicht auch beim US Open?»

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