«Bund bremst uns»: Impf-Schlusslicht Thurgau wehrt sich gegen Trödel-Vorwurf
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«Bund bremst uns»Impf-Schlusslicht Thurgau wehrt sich gegen Trödel-Vorwurf

«Wir sehen die Impfung der Bevölkerung nicht als Wettbewerb»: Der Kanton Thurgau rechtfertigt das Tempo seiner Impfkampagne – und schiebt einen Teil der Schuld auf den Bund ab.

von
Pascal Michel

Darum gehts

  • BAG-Zahlen zeigen: Beim Impf-Tempo gibt es grosse kantonale Unterschiede.

  • Am wenigsten Personen im Verhältnis zur Bevölkerung geimpft hat bisher der Kanton Thurgau.

  • Ein Sprecher sagt: «Wir sehen allerdings die Impfung der Bevölkerung nicht als Wettbewerb.»

  • Auch der Bund trage Verantwortung, weil er zu wenig Impfstoff geliefert habe.

Am Freitag hat das Bundesamt für Gesundheit die mehrmals angekündigten Zahlen zur Impfsituation in den Kantonen veröffentlicht. Die Unterschiede sind gross. Am meisten Impfungen pro 100 Einwohner hat bisher der Kanton Basel Stadt durchgeführt. Am unteren Ende der Skala rangiert der Kanton Thurgau (siehe Grafik oben).

Der Kanton war erst am Donnerstag in die Negativschlagzeilen geraten, weil eine der ersten Impfdosen im Impfzentrum Frauenfeld einem aus Südafrika eingeflogenen Milliardär gespritzt worden war.

«Nicht nur die Schnelligkeit ist wichtig»

Auf Anfrage von 20 Minuten rechtfertigt der Kanton sein gemächliches Tempo. «Was die relative Zahl geimpfte Dosen pro 100 Einwohner betrifft sind wir auf dem letzten Platz», gesteht Sprecher Thomas Walliser Keel ein. «Bei der Anzahl tatsächlich verimpfter Dosen stellt sich die Aufstellung dagegen etwas anders dar.» Laut BAG-Zahlen hat der Kanton dort von 15’075 gelieferten Dosen 2980 verimpft.

«Wir sehen allerdings die Impfung der Bevölkerung nicht als Wettbewerb zwischen den Kantonen an», so Keel. Jeder Kanton versuche mit seinen Möglichkeiten, eine optimale Impfkampagne durchzuführen. «Dabei ist nicht nur die Schnelligkeit wichtig. Zudem handelt es sich bei der Übersicht um eine Momentaufnahme. Wir sind zuversichtlich, dass wir den Anteil der geimpften Bevölkerung in den nächsten Wochen steigern können.»

Bund habe Lieferungen gekürzt

Der Kanton wälzt die Verantwortung auch auf den Bund ab. «Einerseits bremsen uns die Entscheide des Bundes, der unser Kontingent an Impfdosen dreimal innert weniger Tage gekürzt hat. Zudem hat es bei uns seit Beginn der Kampagne Priorität, dass wir immer die zweite Impfdosis vorhalten.» Ebenfalls halte man immer eine zweite Impfdosis vor. Ein weiterer Grund für das Abschneiden im Ranking: Andere Kantone hätten die Impfkampagne vor dem Kanton Thurgau gestartet.

Laut Keel sind nächste Woche 2000 Impfungen geplant. Das Impfzentrum in Frauenfeld wird am 2. Februar in Betrieb genommen. Das am Donnerstag von Alain Berset vorgegebene Ziel von täglich 525 Dosen pro 100'000 Einwohner ab Februar will der Thurgau einhalten.

«Wir sind zuversichtlich, dass wir allen impfwilligen Thurgauerinnen und Thurgauern bis Juni den Zugang zu einer Impfung gegen das Coronavirus ermöglichen können und den von BAG angedachten Zeitrahmen für die Impfkampagne einhalten.»

«Fallzahlen haben sich in den letzten Wochen halbiert»

Und was sagen die Verantwortlichen zur Negativpresse, die der Kanton Thurgau nach der Aufregung um den südafrikanischen Impf-Milliardär sowie nun mit den Impf-Ranking erhalten hat? «Die Impfkampagne ist zwar ein wichtiger Teil der Bewältigung der Coronapandemie. Aber sie ist eben nur ein Teil. Wenn man die Fallzahlen anschaut, sieht man, dass der Thurgau im schweizweiten Vergleich sehr gut da steht. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, die Bevölkerung zieht mit. Die Fallzahlen haben sich in den letzten Wochen halbiert.»

Das sagen andere Kantone

Kanton Aargau (1,76 geimpfte Dosen pro 100 Einwohner): «Die aargauische Impfkampagne ist voll auf Kurs. Wir verimpfen alle Impfdosen, die wir erhalten. Allerdings behalten wir 50 Prozent der Impfdosen für die Zweitimpfungen zurück, wie es das BAG allen Kantonen am 31. Dezember 2020 empfohlen hat. Unter Berücksichtigung der Reserven für die Zweitimpfungen verimpft der Kanton Aargau alles, was er erhält. Die Impfzentren können leider nicht auf Volllast betrieben werden, weil es an Impfdosen mangelt, auch weil sich die Lieferungen gegenüber dem Lieferplan des BAG schon mehrmals verzögert und reduziert haben.»

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Deine Meinung

126 Kommentare
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Gesnargumente

23.01.2021, 19:00

Typisch Bern. Machen aus der verpönten Impfumg einen Wettbewerb. Das einfach nur ein NO GO.

Zuversicht

23.01.2021, 16:58

Ich lebe gerade ganz gut auch ohne Impfung. Werde ja wohl kaum gleich tot umfallen ohne. Und ein Wunderheilmittel für alle, ist auch diese Impfung nicht. Kein Grund zum Panik schieben. Die Welt geht gerade noch nicht unter.

Versagen auf nationaler Ebene

23.01.2021, 16:36

Es ist nicht nur der Kanton TG. Das Departement Berset hätte rund 9 Monate Zeit gehabt, die Impfstrategie zu planen. Was haben Sie gemacht? Gar nichts. Nun herrscht ein heilloses Chaos, welches möglicherweise gewisse Menschen mit ihrem Leben bezahlen werden. Wir können nur hoffen, dass wir als Land daraus lernen und dass dieses Versagen auch personnelle Veränderungen mit sich bringen wird.