Kriegsberichterstatter: «Das Schlimmste ist der Anblick verletzter Kinder»
Aktualisiert

Kriegsberichterstatter«Das Schlimmste ist der Anblick verletzter Kinder»

Goran Tomasevic hat die Kriege in Irak, Libyen und zuletzt in Syrien fotografiert. Im Interview spricht er über die Schwierigkeit, in Bildern festzuhalten, wofür es keine Worte gibt.

von
Kian Ramezani

Sie waren in Aleppo, als dort die japanische Reporterin Mika Yamamoto getötet wurde. Wie reagieren Sie auf solche Nachrichten?

Es machte mich traurig, auch wenn ich die Person nicht gekannt habe. Manchmal reicht alle Erfahrung und Vorsicht dieser Welt nicht.

Wie konzentieren Sie sich auf Ihre Arbeit und gleichzeitig auf Leib und Leben?

Ich schaue voraus: Welches ist der sicherste Fluchtweg, wo kann ich am besten in Deckung gehen, sollte es wirklich brenzlig werden. Gleichzeitig muss ich meine Arbeit tun und Bilder schiessen. Wenn ich mir selbst gut Sorge trage, aber nichts fotografiere, bin ich umsonst vor Ort. Letztlich ist es immer ein Kompromiss.

Tragen Sie bei Ihrer gefährlichen Arbeit eigentlich eine Schutzausrüstung?

Das ist Vorschrift, ich trage schusssichere Kleidung und einen Helm. In Aleppo war es allerdings manchmal so heiss, dass ich ihn abnehmen musste.

Sind Sie jemals verletzt worden?

Nicht ernsthaft. Letztes Jahr wurde mir bei einer Demonstration in Kairo ins Bein geschossen.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht aufzuhören?

Solche Unfälle passieren, aber sie haben mich nie davon abgehalten, meinen Job zu machen. Irgendwann werde ich aufhören müssen, aber mit 43 bin ich noch nicht so weit. Ich glaube, dass es noch mehr gibt, was ich mit meinen Bildern zeigen kann. Ich will auch weiter lernen und mich verbessern.

Was bedeuten Tod und Leid für Sie?

Der Tod ist traurig, aber die Betroffenen haben es hinter sich. Das Schlimmste sind verletzte Menschen und das Allerschlimmste verletzte Kinder. Es gibt keine Worte, diesen Anblick zu beschreiben. Ich habe in meiner Karriere viel Leid gesehen, aber die Sprachlosigkeit bleibt. Es war so bei meinem ersten Einsatz in Jugoslawien und genau gleich bei meinem letzten in Syrien. Es immer wieder zu sehen, stumpft nicht ab.

Gibt es eine Szene, die sie besonders verfolgt?

Ja, aus dem Kosovokrieg. Nach einem Luftangriff der Nato ging ich in ein Spital in Pec. Da lag ein albanisches Mädchen und sah mich an. Genau in jenem Moment begann ihr das Blut aus dem Mund zu laufen. Das werde ich nie vergessen.

Die Jugoslawienkriege waren ihre erste Berufsstation. Wie ist es, in einem Konflikt zu arbeiten, in den man selbst involviert ist?

Es war mein bisher schwierigster Auftrag. Über einen bewaffneten Konflikt in deinem eigenen Land zu berichten, ist sehr emotional, und ich empfehle es niemandem. Deine eigenen Mitbürger leiden zu sehen, ist sehr hart. Du bist Teil der Geschichte, ob du willst oder nicht. Die Leute sind misstrauisch und zweifeln an deiner Objektivität.

Haben Sie selbst auch Militärdienst geleistet?

Ja, ein obligatorisches Jahr in der Jugoslawischen Volksarmee. Ich begann mit 21 frisch aus dem Dienst, für Lokalmedien über den Krieg zu berichten. Ich würde nicht sagen, dass ich mit Krieg aufgewachsen bin, aber danach ging es immer weiter. Vom Balkan in den Nahen Osten, Afghanistan und Schwarzafrika.

Vor Syrien berichteten Sie aus Libyen. Ein Unterschied?

Ein grosser Unterschied. Libyen war ein Wüstenkrieg unter freiem Himmel, Syrien ist ein Häuserkampf. Eine Granate, die im Sand einschlägt, ist etwas ganz anderes als eine, die ein Gebäude trifft. Alle Einsätze sind grundverschieden.

Gibt es Dinge, die gleich sind?

Im Kosovokrieg sah ich, wie eine F-16 eine Bombe abwarf. Im Südsudan war es eine Mig-21. Eine Bombe ist eine Bombe.

Was ist ein gutes Kriegsfoto?

Eines, das die Gefahren und das Elend des Kriegs zeigt. Manchmal ist ein Bild, das etwas sehr Schlimmes darstellt, ein sehr gutes Bild.

Wo ziehen Sie die Grenze und fotografieren nicht?

Ich fotografiere keine gestellten Szenen. Dinge, die nur passieren, weil ich da bin. Im Irak und in Afghanistan schickte ich keine Bilder von toten US-Soldaten. Sonst hätte die Gefahr bestanden, dass ihre Familien auf diesem Weg von ihrem Verlust erfahren. Grundsätzlich bin ich ein News-Fotograf, also berichte ich über das, was Menschen tun.

Würden Sie eine Hinrichtung fotografieren?

Ja.

Haben Sie jemals eine fotografiert?

Nein.

Haben Sie ein Lieblingsfoto aus all den Jahren?

Ja, «Close Call» aus Afghanistan, als ich einfing, wie eine Kugel einen US-Soldat knapp verfehlte. Zuerst dachte ich, er sei tot. Doch er hatte Glück und darüber war ich sehr froh. Es ist ein sehr starkes Bild.

Wie lange wollen Sie ein Kriegsfotograf bleiben?

Ich war eigentlich auf dem Weg an die Olympischen Spiele, als mich mein Vorgesezter bat, nach Syrien zu gehen. Ich habe viel aus Kriegsgebieten berichtet, aber ich mache auch andere Sachen.

Dann werden Sie nicht arbeitslos, wenn es eines Tages keine Kriege mehr gibt.

Genau. Aber natürlich wird es immer Kriege geben.

Goran Tomasevic (43) ist Chef-Fotograf für Afrika bei der Nachrichtenagentur Reuters und in Nairobi, Kenia stationiert. Kürzlich ist er von einem Einsatz im umkämpften Aleppo zurückgekehrt. Seine ersten journalistischen Erfahrungen sammelte der Serbe in jungen Jahren während des Jugoslawienkriegs. Später fotografierte er die Konflikte in Irak, Afghanistan, Libyen, Ägypten, Syrien und Südsudan. Tomasevic ist verheirat und hat eine 17-jährige Tochter.

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