Dreiländereck: «Das schlimmste Szenario wurde übertroffen»
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Dreiländereck«Das schlimmste Szenario wurde übertroffen»

Das Rekord-Hochwasser in Deutschland, Polen und Tschechien bedroht tausende Menschen in ihrer Existenz. Wie bereits vor acht Jahren.

Manchmal steht ein einzelnes Bild für eine ganze Katastrophe. Als Passanten am frühen Sonntagmorgen in Ostritz bei Görlitz einen völlig erschöpften Mann an einen Brückenpfeiler geklammert entdecken, beginnt ein Wettrennen gegen die Naturgewalten in Sachsen.

Ein Luftretter der DRK-Wasserwacht seilt sich 70 Meter zu dem Mann ab und rettet ihn vor dem Ertrinken. In Neukirchen bei Chemnitz dagegen verlieren drei Menschen den Kampf gegen die entfesselten Wassermassen. Sie ertrinken in einem Keller.

Das ostdeutsche Bundesland Sachsen hat am Wochenende die schlimmste Naturkatastrophe seit der Jahrhundertflut im August 2002 erlebt. Erneut mussten die Rettungskräfte im Dauereinsatz Menschen in Sicherheit bringen, Schlammlawinen beseitigen, Keller leer pumpen und unterspülte Strassen absperren.

Es war fast so, als hätte der Wettergott seine Uhr gestellt: Vor acht Jahren begann die Katastrophe am 12. August, diesmal kam die Flut fünf Tage früher. «Das schlimmste Szenario wurde übertroffen», sagt Umweltminister Frank Kupfer. 24 Stunden nach Beginn der neuerlichen Sintflut kann er es immer noch nicht fassen.

Klar, es habe Prognosen für starken Regen gegeben. Dass sich Regenwolken aber faktisch an einer Stelle entluden und scheinbar nicht weiterwanderten, sei überraschend gewesen. Daher wurde Sachsen wie durch Nadelstiche nur punktuell getroffen. Erst war Chemnitz betroffen, dann setzte die Katastrophe in der Sächsischen Schweiz ein, wenig später in Zittau ganz im Osten.

Nach der Sintflut die Sonne

Damit sind vor allem Gebiete betroffen, die bei der Jahrhundertflut vor acht Jahren glimpflich davonkamen. Ein anderer Umstand stimmt mit dem damaligen Lagebild überein: Am Tag nach der Katastrophe begleitet vielerorts Sonnenschein die Aufräumarbeiten.

Ein unwirkliches Bild: In Görlitz oder Sebnitz nehmen Touristen neue «Sehenswürdigkeiten» in den Fokus ihrer Kameras: Kaputte Brücken, aufgerissene Strassen, erschöpfte Feuerwehrleute und deprimierte Einwohner. Die Behörden warnen vor «Katastrophentourismus», er behindere nur die Aufräumarbeiten.

Vor dem Görlitzer Berufsschulzentrum haben Hilfskräfte ein Notlager eingerichtet. Immer wieder halten Busse mit Menschen, die wegen des Neisse-Hochwassers ihre Wohnungen verlassen mussten. In der Turnhalle sind Feldbetten für etwa 180 Personen aufgestellt.

«Wir haben bisher etwa 340 Leute betreut», sagt Bernhard Wittig von den Maltesern. Viele Betroffene kommen bei Verwandten unter. Die Menschen hätten bei der Evakuierung in der Regel besonnen reagiert. Nur in Einzelfällen wollten die Leute nicht aus ihren Häusern.

Besser organisiert

Auch wenn die exakte Schadensbilanz noch nicht feststeht, in einem Punkt sind sich viele einig: Das Krisenmanagement war deutlich besser als in den ersten Fluttagen 2002. Während die Einwohner von Görlitz, Sebnitz oder Chemnitz aufatmen, richten sich nun bange Blicke auf die Elbe. Sie hat das Flussbett an manchen Stellen schon verlassen. Kommt neuer Regen hinzu, wird es auch für Dresden eng - genau wie 2002.

(sda)

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