Aktualisiert 11.11.2011 14:10

Besuch im Schlachthof

«Das Schlimmste waren die Geräusche»

«Einstein» entführte die Zuschauer in den Schlachthof. Mit dabei waren zwei Fleischesser und eine Veganerin. «Ich sehe die Bilder noch immer vor mir», sagt sie.

von
Amir Mustedanagic
«Einstein» im Schlachthof - mit dabei waren drei Zuschauer: «Um uns herum hingen zuckende Tiere - ein schreckliches Bild», sagt Veganerin Patrizia Truniger (ganz rechts).

«Einstein» im Schlachthof - mit dabei waren drei Zuschauer: «Um uns herum hingen zuckende Tiere - ein schreckliches Bild», sagt Veganerin Patrizia Truniger (ganz rechts).

In der Schweiz landen jedes Jahr über 50 Millionen Tiere im Schlachthof. Was dort geschieht, wissen die wenigsten. Grund genug für einen Ausflug der Sendung «Einstein» des Schweizer Fernsehens in einen industriellen Grossbetrieb. «Einstein» betrachtete in ihrer Sendung den heutigen Fleischkonsum aus ethischer Sicht und begleitete ein Rind vom Bauernhof bis auf den Teller. Live dabei waren drei Zuschauer: Eine überzeugte Fleischesserin, ein bewusster Fleischesser und die Veganerin Patrizia Truniger. 20 Minuten Online sprach mit der 30-Jährigen über den Besuch im Schlachthof und den Knall des Bolzengewehrs.

Frau Truniger, wie hat Ihnen das Rindsplätzli nach dem Schlachthofbesuch mit «Einstein» geschmeckt?

Patrizia Truniger: Ich habe es nicht gegessen. Ich bin erschrocken, als es mir vorgesetzt wurde. Und ganz ehrlich: Ich denke, meine Begleiter haben es auch nicht wirklich bewusst gegessen und schon gar nicht genossen. Die waren auch noch unter Schock. Es war eine komische Situation, nach dem Schlachthof-Besuch dieses fast noch zuckende Fleisch auf dem Teller zu haben.

Wie schlimm war für Sie die Tour durch den Schlachthof?

Es war eine krasse Erfahrung und schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich kannte Schlachtszenen nur von Bildern und obwohl ich diese schon schlimm finde, sind sie nur halb so krass wie die realen Szenen. Das Schlimmste waren die Geräusche und all die Bewegungen der Tiere und Menschen im Schlachthof.

Sie meinen das Brüllen der Rinder?

Wie uns erklärt wurde, reagieren Rinder im Gegensatz zu Schweinen seltener panisch, bevor sie geschlachtet werden. Der Knall des Bolzengewehrs, das Geräusch, wenn ein 500 Kilo schweres Rind einfach auf den Boden knallt, das Rasseln der Ketten, wenn es aufgehängt wird - diese Geräusche der Schlachtung machten die unheimlichen Szenen noch gewalttätiger.

Warum haben Sie sich diesen Besuch überhaupt angetan?

Ich wollte die Schlachtung mit eigenen Augen sehen. Als Veganerin muss ich mich oft dafür verteidigen, dass ich kein Fleisch esse. Ich argumentiere dann mit der Schlachtung, bisher konnte ich dabei nur auf Vorstellungen zurückgreifen. Nun habe ich es mit eigenen Augen gesehen.

Ändert diese Erfahrung etwas an Ihrer Überzeugung?

Ich habe mich bisher damit zurückgehalten, den Leuten das Fleisch auszureden. Ich wollte nicht die Spielverderberin sein. Nun werde ich das nicht mehr tun. Ich bin immer noch der Meinung, dass jeder selber wissen muss, ob er Fleisch isst oder nicht. Die Leute müssen aber auch wissen, was das bedeutet: Die meisten Fleischesser haben keine Ahnung, was in einem Schlachthof passiert. Ich verstehe nicht, warum ich mich dafür verteidigen muss, dass ich kein Fleisch esse, aber Fleischesser sich nicht eine Sekunde Gedanken machen, was ihr Fleischkonsum bedeutet.

Sie finden, jeder Fleischesser sollte sich einen Schlachthof ansehen?

Ja, Fleisch essen sollte ein bewusster Entscheid sein, wie es mein bewusster Entscheid war, keines zu essen.

Warum haben Sie sich für ein veganes Leben entschieden?

Die Umstellung verlief schrittweise. Ich habe mit 14 oder 15 Jahren zunächst aufgehört Fleisch zu essen. Mir war der Tierschutz immer wichtig. In einer Themenwoche in der Schule haben wir uns mit Tierhaltung und ihrer Auswirkung auf die Umwelt beschäftigt. Nach dieser Woche war für mich klar: Ich esse kein Fleisch mehr. Mit 20 Jahren musste ich feststellen, dass ich die Nutztierhaltung an sich ablehne und nur als Veganerin eine konsequente Tierschützerin sein kann.

Sie verzichten nicht nur auf Fleisch, sondern essen auch keine Milchprodukte, keine Eier und keinen Fisch. Sie tragen auch keine Kleider aus Leder oder Wolle. Wie schwierig war für Sie die Umstellung?

Überhaupt nicht schwer. Wenn man überzeugt ist, fällt einem die Umstellung sehr leicht. Es hat aber bestimmt geholfen, dass es inzwischen zu allem Alternativen gibt. Es gibt veganen Schlagrahm oder auch vegane Glaces. Vor allem bei den Milchprodukten habe ich mich gefragt, wie ich das schaffen soll: Nun gibt es für alles Alternativen. Ausserdem habe ich meine Ernährung grundsätzlich umgestellt. Früher habe ich zum Znacht ein Joghurt gegessen, nun koche ich mir etwas.

Ist Einkaufen und Kochen nicht unglaublich anstrengend?

Ach was, ich kenne inzwischen das Sortiment der grossen Läden. Ich weiss, in welchem Produkt was drin ist. Ausserdem gibt es immer mehr Produkte, die rein pflanzlich sind. Ich kaufe auch sehr gerne im Reformhaus oder im Asia-Laden ein. Mit dem veganen Essen kam bei mir auch die Lust aufs Kochen. Seither koche ich jeden Tag und probiere immer neue Sachen aus. Es ist eine richtige Herausforderung gewesen, bis ich das erste Mal eine Béchamel-Sauce geschafft hatte, die allen schmeckt.

Gibt es auch kein Fleisch für Freunde, wenn Sie kochen?

Nein, die meisten Leute finden das vollkommen okay und sind überrascht, was man alles vegan zubereiten kann. Ein Mousse-au-Chocolat beispielsweise ohne Eier kann sich kaum einer vorstellen, aber es schmeckt.

Etwas anderes können Sie ja auch schlecht sagen.

Im Büro hat noch keiner gemerkt, dass meine Kuchen mit einem Eierersatz-Pulver gemacht sind.

Wie ist es im Restaurant?

Auswärtsessen ist tatsächlich schwierig. Vegetarisches Essen gibt es oft, meistens wird es aber mit Milchprodukten zubereitet. Ich esse in der Regel auswärts deshalb Pommes oder Salat. In den gehobenen Restaurants lässt sich der Koch aber oft auch etwas einfallen, das geniesse ich dann.

Veganer werden gerne als Ess-Extremisten beschimpft. Verletzt Sie das?

Ich finde es schlimm, dass die Leute nicht besser Bescheid wissen. Gerade in letzter Zeit sind Veganer in den Fokus geraten, weil es irgendwelche Spinner gibt, die aus komischen Gründen eine Mangelernährung ihrer Kinder in Kauf nehmen und ihnen keine Nahrungszusätze geben wollen. Für so etwas kann ich doch keine Verantwortung übernehmen! Ich würde nie die Gesundheit meiner Kinder aufs Spiel setzen. Vitamin B12 können wir in unserer hygienischen Gesellschaft nicht durch Gemüse aufnehmen und weil ich nicht im Dreck wühlen will, nehme ich eben Vitamin-Präparate. Ich treibe viel Sport und nehme auch dort Präparate, die mir helfen.

Jetzt kommt die Saison des Fondues und Raclettes. Fehlt Ihnen das nicht?

Sie werden staunen, aber auch dafür gibt es Alternativen. Ich habe vergangenes Jahr ein Fondue gemacht mit einer Art Pseudo-Käse. Das schmeckt sogar nach Käse. Aber ganz ehrlich gesagt: Ich setze mich gerne zur Runde und geniesse die Gesellschaft – den Käse vermisse ich aber nicht.

Sie sahen aus, als ob sie nächstens umkippen würden. War die Erfahrung für Sie dermassen schlimm?

Um uns herum hingen zuckende Tiere und wir sahen gerade, wie ein zweites Rind geschlachtet wird. Eine schreckliche Szene, wenn man sieht, wie das Tier noch zuckt, während es verblutet. Ich sehe die Bilder noch immer vor mir.

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