Sommer nach Sandy: Das schrägste US-Politpaar an der Jersey Shore
Aktualisiert

Sommer nach SandyDas schrägste US-Politpaar an der Jersey Shore

Sieben Monate nach Supersturm Sandy haben US-Präsident Barack Obama und New Jerseys Gouverneur Chris Christie die Badesaison an der Atlantikküste eröffnet. Noch sind aber nicht alle Schäden beseitigt.

von
Martin Suter
New York

So als seien sie die «dicksten» Freunde, haben sich der Demokrat Barack Obama und der Republikaner Chris Christie am Dienstag zum Rendez-vous getroffen. Amerikas ranker Präsident und der korpulente Gouverneur traten gemeinsam in New Jersey vor die Kameras, um am Tag nach dem «Memorial Day», dem offiziellen Sommeranfang in den USA, den Fortschritt beim Wiederaufbau der vom Hurrikan Sandy zerstörten Strandanlagen zu feiern.

Zuerst tourte das Politikerduo durch den Badeort Point Pleasant, wo die übel zugerichtete hölzerne Strandpromenade zum grossen Teil wieder aufgebaut worden ist. Auf dem Boardwalk begrüssten Obama und Christie Touristen und sprachen mit einem Künstler, der die grösste Sandburg der Welt bauen will. In einer Bude versuchten sich die zwei ungleichen Politiker mit Football-Werfen. Erst verfehlte Obama fünfmal das Ziel, dann gelang Christie auf Anhieb ein Touchdown. «Das liegt daran, dass er einen Wahlkampf bestreitet», kommentierte Obama. Christie stellt sich im Herbst zur Wiederwahl.

Umstrittene Wahlkampfhilfe

Vor sieben Monaten stand Obama mitten im Wahlkampf. Nach dem Supersturm Sandy am 29. Oktober 2012 besuchte er New Jersey, um die Verheerungen an der 200 Kilometer langen Atlantikküste in Augenschein zu nehmen. Christie dankte ihm wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl überschwänglich für die Hilfe in der Not. Die Umarmung Obamas wurde ihm von republikanischen Parteikollegen als Verrat angekreidet. Obama könnte der medienwirksame Auftritt ein paar zusätzliche Prozentpunkte für den Sieg beschert haben.

Diesmal war der Anlass freudig. «Die Küste von New Jersey ist bereit für die Saison», erklärte Obama in Asbury Park, nahe dem Geburtsort des Rockstars Bruce Springsteen. «Amerika», rief Obama aus, «bring deine Familie und deine Freunde mit. Gib ein bisschen Geld an der Jersey-Küste aus!» Snooki, das Starlet aus der Reality-Serie «Jersey Shore», hatte am bereits Freitag einen Auftritt mit dem Gouverneur am Fernsehen. Danach eröffnete Christie den Sommer, indem er mit der Schere ein fast neun Kilometer langes Band durchtrennte, das die vom Sturm am schwersten getroffenen Badeorte einfasste.

Hausbesitzern droht Enteignung

Die Sturmschäden allein in New Jersey belief sich auf 38 Milliarden Dollar. Im ganzen Gliedstaat wurden 360'000 Häuser und Wohnungen in Mitleidenschaft gezogen. Während die Badesaison einigermassen aufgegleist ist und die Behörden auf Umsätze von 40 Milliarden Dollar hoffen, wissen viele Liegenschaftsbesitzer noch nicht, wie es weitergeht. Im schlechtesten Fall sind ihre Häuser Wracks, die abgerissen werden müssen. Im zweitschlechtesten können sie Opfer von Enteignungen werden, wenn der Staat den Wiederaufbau an kapitalkräftige Investoren übergibt.

Auch im benachbarten Staat New York sind die Badestrände mit ganz wenigen Ausnahmen für die Sommersaison gerüstet. New York City hat 270 Millionen Dollar und eine halbe Million Mannstunden zur Sanierung der fast 23 Kilometer langen Stadtstrände aufgewendet. Bei einem Augenschein auf Coney Island präsentierte sich der breite Strand am Sonntag in überraschend guter Verfassung. Der Boardwalk ist weitgehend repariert und im Vergnügungspark locken so viele Bahnen wie seit Jahren nicht mehr. Einzig der fast 350 Meter weit ins Meer ragende «Steeplechase Pier», dessen Fundamente Sandy unterspülte, ist nicht fertig repariert.

Beide können profitieren

Während des Sommers laufen die Arbeiten entlang der Atlantikküste weiter. Strände werden mit frischem Sand verbreitert, Dünenwälle zum Schutz der wassernahen Gebäude aufgeschüttet. Für Politiker bieten die Fototermine im Nachgang zu Sandy einigen Nutzen. Gouverneur Christie kann den Auftritt mit Obama als Beleg für seine Konsensfähigkeit verwenden, was ihm im mehrheitlich demokratischen New Jersey sicher nicht schadet.

Der Präsident muss sich keiner Wiederwahl mehr stellen. Angesichts des politisch vergifteten Klimas in Washington hat aber auch er ein Interesse daran, über dem Parteiengezänk zu stehen. Nach all den Grossunfällen und Naturkatastrophen seiner Amtszeit weiss Obama, wie das geht. Die Rolle des Mut zusprechenden Landesvaters hat er bestens eingeübt.

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