Aktualisiert 07.12.2016 10:07

Pisa-Studie

«Das Schulschwänzen ist ein riesiges Problem»

Die Zahl der Schulschwänzer in der Schweiz ist gemäss der neuen Pisa-Studie doppelt so hoch wie vor drei Jahren. Schweizer Lehrer bestätigen das Problem.

von
Marco Lüssi
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Rund zehn Prozent der Schweizer Teilnehmer der neuen Pisa-Studie gaben an, in den letzten zwei Wochen einmal die Schule geschwänzt zu haben.

Rund zehn Prozent der Schweizer Teilnehmer der neuen Pisa-Studie gaben an, in den letzten zwei Wochen einmal die Schule geschwänzt zu haben.

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Bei der letzten Erhebung im Jahr 2012 waren es erst fünf Prozent gewesen.

Bei der letzten Erhebung im Jahr 2012 waren es erst fünf Prozent gewesen.

Kentaroo Tryman
Trotz der Verdoppelung sind die Schweizer Schüler jedoch verhältnismässig brav, wie diese Grafik aus der neuen Pisa-Studie 2015 zeigt. Die Schweiz liegt noch immer unter dem OECD-Durchschnitt. Am meisten geschwänzt wird in Montenegro, Italien und Urugay, am wenigsten in Taiwan, Südkorea und Japan.

Trotz der Verdoppelung sind die Schweizer Schüler jedoch verhältnismässig brav, wie diese Grafik aus der neuen Pisa-Studie 2015 zeigt. Die Schweiz liegt noch immer unter dem OECD-Durchschnitt. Am meisten geschwänzt wird in Montenegro, Italien und Urugay, am wenigsten in Taiwan, Südkorea und Japan.

OECD/Pisa-Studie 2015

«Hast du in den letzten zwei Wochen einen Schultag geschwänzt?» Das war eine der Fragen, die die Teilnehmer der neuen Pisa-Studie beantworten mussten. Bei den Schweizer Resultaten zeigt sich ein deutlicher Anstieg: Gaben 2012 noch fünf Prozent der befragten 15-jährigen Schülerinnen und Schüler an, in den letzten zwei Schulwochen einmal gefehlt zu haben, waren es 2015 bereits rund zehn Prozent.

Der Schweizer Lehrerverband (LCH) hat zwar gewisse Zweifel, ob die aktuellen Ergebnisse mit jenen der vorherigen Pisa-Studie verglichen werden können. Dennoch mache dieser Unterschied hellhörig, sagt Jürg Brühlmann, Leiter Padägogik des LCZ, zu 20 Minuten. «Wir müssen das Thema Schwänzen genau im Auge behalten.»

«Eltern tolerieren das Schwänzen vermehrt»

Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbandes, sagt gar: «Schwänzen ist an unseren Schulen ein riesiges Problem.» Es sei wichtig, dass die Lehrer konsequent dagegen vorgehen und niemanden damit durchkommen lassen würden.

Fragwürdig sei hierbei auch die Rolle vieler Erziehungsberechtigter: «Es gibt leider vermehrt Eltern, die das Schwänzen ihrer Kinder tolerieren und es ihnen erlauben, sich mit einer Ausrede wie etwa ‹Kopfschmerzen› zu entschuldigen.»

«Schweizer Lehrer haben eine strikte Linie»

Wichtig ist das Vorgehen gegen das Schwänzen laut Brühlmann, weil es «ein frühes Anzeichen für spätere Probleme des Jugendlichen» sei. Seiner Meinung begegnen Schweizer Lehrer dem Problem jedoch bereits heute mit einer strikten Linie – gerade im internationalen Vergleich.

Brühlmann: «Dass ein Schüler tagelang nicht zur Schule gehen kann, ohne dass es Folgen hat, ist eine absolute Ausnahme.» Einzelne Kantone hätten zudem die Regelungen in den letzten Jahren verschärft, indem sie beschlossen hätten, unentschuldigte Absenzen im Zeugnis zu vermerken.

In der Agglo wird am meisten geschwänzt

Doch warum schwänzen Schüler? Betroffen sind laut Brühlmann vor allem schwächere und frustrierte Schüler. «Sie erkennen keinen Sinn mehr im Unterrichtsbesuch und gehen irgendwann einfach nicht mehr hin.»

Das Problem sei lokal sehr unterschiedlich ausgeprägt. «Am häufigsten kommt es in Agglomerationen mit geringer sozialer Kontrolle vor, in denen es viele Familien gibt, in denen beide Elternteile arbeiten.» Und in Klassen, die von vielen verschiedenen Lehrpersonen unterrichtet würden, falle das Schwänzen weniger rasch auf.

Im internationalen Vergleich sind Schweizer brav

Auch wenn es gemäss der Pisa-Studie zunimmt: Schwänzen ist in der Schweiz deutlich weniger verbreitet als in den meisten anderen Ländern. Den Länder-Durchschnitt von 20 Prozent unterbieten die Schweizer Schüler klar. Betrachtet man die Nachbarländer, sind nur die Deutschen braver, in Italien, Frankreich und Österreich wird häufiger geschwänzt als bei uns.

Italien liegt weltweit mit einer Schwänzer-Quote von über 55 Prozent gar weltweit auf dem zweiten Platz – hinter Montenegro (60 Prozent) und vor Uruguay (52 Prozent). Am seltensten bleiben Schüler dem Unterricht in Taiwan, Südkorea und Japan fern. Dort liegt der Anteil der Schwänzer nur wenig über einem Prozent.

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