Silenzio Stampa mit Sex: Das Schweigen der (Hockey-)Lämmer
Aktualisiert

Silenzio Stampa mit SexDas Schweigen der (Hockey-)Lämmer

Redeverbot, kein Training, Frauenbesuch: Mit ungewöhnlichen Massnahmen versucht Nati-Trainer Simpson den Negativtrend zu stoppen.

von
Klaus Zaugg
Mannheim

«Silenzio Stampa», das Redeverbot mit den Medien, gehört zur Kultur des italienischen Sportes. Das berühmteste Beispiel: An der Fussball-WM 1982 tobte der Sturm der Polemik nach den drei Remis zum Auftakt (0:0 gegen Polen, 1:1 gegen Peru und 1:1 gegen Kamerun) in der italienischen Medienlandschaft so heftig, dass Nationaltrainer Enzo Bearzot «Silenzio Stampa» verhängte. Die Folge: Die Italiener wurden Weltmeister.

Die Coaches des Schweizer Eishockey-Nationalteams haben seit Menschengedenken nie ein Redeverbot verhängt. Nicht einmal Simon Schenk, wenn er grantig war. Auch Ralph Krueger nicht. Sean Simpsons Massnahme hat also sozusagen historische Dimensionen. Er ist damit die Eishockey-Antwort auf Enzo Bearzot und begründet die Massnahmen so: «Wir müssen jetzt vorwärts schauen. Es ist sehr wichtig, dass sich die Spieler auf die Partie gegen Deutschland einstellen. Es bringt jetzt nichts, über die Niederlagen gegen Norwegen und Schweden zu sprechen.»

Kein Training, dafür Frauenbesuch

Simpson hat auch das Eistraining am Tag vor dem Spiel gestrichen. «Es ist wichtig, dass die Spieler für einen Tag die Eishalle nicht sehen und relaxen können.» Dass nach zwei Pleiten (2:3 gegen Norwegen, 0:5 gegen Schweden) kritische Fragen von Reporterinnen und Reportern kein geeignetes Mittel zum Aufbau des Selbstvertrauens, zur Verbreitung von guter Laune, zur Befeuerung des Optimismus und zur Konzentration auf kommende historische Spiele sind, leuchtet ein. Während der Kontakt mit den Medienschaffenden untersagt ist, dürfen die Frauen und Freundinnen der Spieler gemäss Sean Simpson ins Hotel kommen. Es handelt sich also um eine ganz besonders lustvolle Variante der Medienruhe: «Silenzio Stampa mit Sex.»

Misserfolge ein mentales Problem

Die Frage ist natürlich: Ist dieses historische Redeverbot das Schweigen der (Hockey)-Lämmer oder ist es das grimmige Schweigen von Hockeyhelden, die jetzt die Kräfte zum wagnerianischen Spektakel gegen Deutschland sammeln? Simpson sieht kein Energie-Problem. Er ortet die Ursache eher im mentalen Bereich. «Das grosse Ziel war das Viertelfinale. Das haben wir bereits am Sonntag erreicht. Und was jetzt? Deshalb war ich von allem Anfang an dagegen, dass ein Minimalziel formuliert wird. Ich bin gegen diese Unsitte der Zielsetzung. Die gibt es in Nordamerika nicht. Wenn wir zu einem Turnier fahren, dann wollen wir doch das Beste herausholen, und das Beste ist der WM-Titel.» Will heissen: Werden Ziele zu tief angesetzt, geht der Drive verloren, wenn dieses Minimalziel zu früh erreicht ist.

Inzwischen überschattet der Negativ-Trend nach den beiden Niederlagen gegen Norwegen (2:3) und Schweden (0:5) den besten WM-Start (vier Siege in Serie) seit 1939. Sean Simpson hat nach gut und gerne 20 WM-Absagen mit einer «B-Nationalmannschaft»" beim WM-Start alle Erwartungen (bzw. Zielsetzungen) weit übertroffen. Vier Siege hintereinander, Platz zwei in der Zwischenrunde und damit erstmals die historische Chance, im Viertelfinale gegen einen Gegner antreten zu können, der in der Weltrangliste hinter uns liegt. Die Schweiz ist die Nummer 8, Deutschland die Nummer 12 der Weltrangliste.

«Wie vor einem siebten Playoff-Finalspiel

Nun steht Simpson vor der ultimativen Herausforderung: Er muss während eines WM-Turniers einen Negativ-Trend umkehren, damit er diese historische Viertelfinalchance nützen kann. Simpson: «Es ist eine sehr ähnliche Situation wie vor einem siebten Playoff-Finalspiel, zu dem wir auswärts in einem ausverkauften Stadion antreten müssen.» Tatsächlich ist die Viertelfinalpartie gegen Deutschland das siebte Spiel der Schweizer an dieser WM.

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