Aktualisiert 20.06.2008 10:58

Holocaust-KontroverseDas Schweigen des Hirten

Vor 50 Jahren starb Papst Pius XII., doch die ewige Ruhe hat er bis heute nicht gefunden. Sein Schweigen zum Judenmord der Nazis sorgt nach wie vor für rote Köpfe. Derzeit streiten der Vatikan und jüdische Organisationen um die Öffnung der Archive.

von
Peter Blunschi

Für die einen ist Eugenio Pacelli ein Heiliger, für die anderen ein Handlanger des Bösen. 1939 war er unter dem Namen Pius XII. zum Papst gewählt worden. Während des Zweiten Weltkriegs schwieg er zum Holocaust, obwohl man heute weiss, dass der Vatikan bestens über die Verbrechen an den Juden informiert war. Seine Kritiker sind überzeugt, dass ein Machtwort des Papstes die Welt aufgerüttelt und viele Juden gerettet hätte. Sie sehen in Pacelli, der zwölf Jahre lang Botschafter des Vatikans in Deutschland war, einen heimlichen Sympathisanten des Nazi-Regimes.

Die Anhänger des Papstes hingegen verweisen darauf, dass Pius befürchtet habe, mit einer klaren Verurteilung alles nur noch schlimmer zu machen und die Nazis zu verschärften Repressalien gegen Juden und Katholiken zu provozieren. Die Kirche habe zudem vielen Juden das Leben gerettet. Dieser Aspekt ist unbestritten, doch die Kontroverse um das Schweigen des Papstes ist bis heute nicht abschliessend geklärt, wovon auch zahllose Bücher und Websites im Internet zeugen.

Archive bleiben verschlossen

Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt die restriktive Archivpraxis der Kurie in Rom. Vor zwei Jahren ordnete Papst Benedikt XVI. unter starkem öffentlichen Druck an, alle vatikanischen Archive bis 1939 zugänglich zu machen. Die entscheidenden Dokumente aus der Zeit des Krieges bleiben dagegen unter Verschluss, sehr zum Ärger von Historikern und jüdischen Organisationen. Eine jüdisch-katholische Expertenkommission scheiterte unter anderem an der mangelnden Transparenz.

An einer Medienkonferenz in Rom, die über die Gedenkveranstaltungen zum 50. Todestag von Pius XII. am 9. Oktober informierte, drehte der Vatikan den Spiess um. Jüdische Organisationen und der Staat Israel sollten ihre eigenen Archive aus der Kriegszeit öffnen, bevor sie sich über den Vatikan beschweren, sagte Walter Brandmüller, der «Chefhistoriker» der Kurie: «Bis heute sind etwa 15 israelische und jüdische Archive nicht ausgewertet worden, darunter jene des Jüdischen Weltkongresses. Deshalb kann ich die Klagen nicht verstehen.»

Seligsprechung bleibt hängig

Auf jüdischer Seite herrscht Unverständnis. «Sämtliche Archive aus jener Zeit wurden dem zionistischen Zentralarchiv in Jerusalem übergeben, und meines Wissens bestehen dort keine besonderen Einschränkungen», sagte ein Sprecher des Jüdischen Weltkongresses der Agentur Reuters. Auch Rabbi David Rosen, ein führender Vertreter jüdischer Organisationen, zeigte sich sehr überrascht: «Soviel ich weiss unterliegen unsere Dokumente keinen Geheimnissen oder Restriktionen.»

Die anhaltende Kontroverse überschattet auch den Prozess der Seligsprechung von Pius XII., der bereits 1967 begonnen hatte. Letztes Jahr hatte der Vatikan die «heroischen Tugenden» des Papstes anerkannt, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Kanonisierung. Ein israelischer Diplomat hatte dagegen noch im Jahr davor gewarnt, die Seligsprechung Pius' wäre «eine schallende Ohrfeige für jeden Juden». Papst Benedikt XVI. zögert denn auch, den Prozess voranzutreiben. Die Seligsprechung finde «irgendwann in der Zukunft» statt, sagte ein Sprecher des Vatikans gemäss Medienberichten.

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