So klein die Tiere, so gross ihr Leid: Das schwere Schicksal der Teetassen-Hunde
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So klein die Tiere, so gross ihr LeidDas schwere Schicksal der Teetassen-Hunde

Die Hunde, die unter dem Hashtag #teacuppuppies auf Social Media geteilt werden, sind so klein, dass sie in Teetassen Platz finden. Und genau das ist ihr Problem.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Wie die Hunde, die in den sozialen Medien unter dem Hashtag #teacuppuppies gepostet werden, zu ihrem Spitznamen kamen, muss nach Anblick dieses Bildes wohl nicht mehr erklärt werden.

Wie die Hunde, die in den sozialen Medien unter dem Hashtag #teacuppuppies gepostet werden, zu ihrem Spitznamen kamen, muss nach Anblick dieses Bildes wohl nicht mehr erklärt werden.

Instagram/rollyteacuppuppies
Die maximal 23 Zentimeter grossen und 1,5 Kilogramm schweren Hunde haben auf Instagram und Co. teilweise Hunderttausende Fans.

Die maximal 23 Zentimeter grossen und 1,5 Kilogramm schweren Hunde haben auf Instagram und Co. teilweise Hunderttausende Fans.

Instagram/prime_teacup_puppies
Die Meinung von Tierschützern ist da weniger gut: Sie sprechen von Tierquälerei.

Die Meinung von Tierschützern ist da weniger gut: Sie sprechen von Tierquälerei.

Instagram/yomiyomi_ilsan

Darum gehts

  • Auf Social Media erfreuen sich winzig kleine Hunde grosser Beliebtheit.
  • Dabei handelt es sich bei den Teacup-Hunden um Qualzuchten.
  • Ohne die Rund-um-die-Uhr-Betreuung von Menschen wären sie nicht lebensfähig.

Sie sind winzig und flauschig. Und würden sie sich nicht bewegen, würden die meisten Menschen wohl denken, sie hätten es nicht mit einem lebendigen Wesen, sondern mit einem Stofftier zu tun. Die Rede ist von den sogenannten Teacup-Hunden (siehe Box), die unter dem Hashtag #teacuppuppies in den sozialen Medien regelrecht inszeniert werden.

Dabei handelt es sich nicht um eine offizielle Hunderasse. Die Teetassen-Hunde sind vielmehr die Folge bewusster Kleinzüchtungen bekannter Zwerghunderassen. Dazu gehören beispielsweise der Chihuahua, Zwergpinscher, Yorkshire Terrier oder Toy-Pudel.

Erste Probleme oft schon bei der Geburt

Um deren Miniaturausgaben zu züchten, werden jeweils die kleinsten und schwächsten Tiere eines Wurfs dieser Rassen ausgewählt und gezielt miteinander verpaart. Die aus dieser Paarung resultierenden Nachkommen sind dann besonders klein und leicht. Oft bringen sie nicht einmal 1,5 Kilogramm auf die Waage.

Die Kleinzüchtung bringt eine ganze Reihe Probleme mit sich, wie die Welttierschutzgesellschaft auf ihrer Website schreibt: «Schon bei der Geburt kann es für das Muttertier zu Schwierigkeiten kommen.» Trotz der kleinen Grösse seien die Köpfe der ungeborenen Welpen oft so rund, dass sie nicht durch den Geburtskanal passen und ein Kaiserschnitt notwendig wird. Unter Umständen überleben Hündin und Welpen die Geburt nicht.

Zucht von Teacup Dogs in der Schweiz verboten

Rechtlich ist die Sache klar: So darf in der Schweiz nicht mit Hunden, die leichter als 1,5 Kilogramm sind, gezüchtet werden. Auch die Schweizer Tierschutzverordnung untersagt die Zucht der Miniaturhunde, denn Tiere mit extremen Abweichungen von der Normalform, die ohne menschliche Hilfe nicht überleben könnten oder die deswegen nicht vorschriftsgemäss gehalten werden können, gelten in der Schweiz als Qualzucht.

Epilepsie und starke Schmerzen

Doch auch danach leiden die Teacup-Hunde weiter: «Die Tiere haben meist ein trauriges Leben», weiss Julika Fitzi, Veterinärin und tierärztliche Beraterin beim Schweizer Tierschutz STS. Die Tiere seien häufig degeneriert und besonders krankheitsanfällig. Gerade die von vielen als niedlich empfundenen Merkmale der Kleinstzüchtungen – ein überproportional grosser und runder Kopf mit grossen, hervorstehenden Augen zum Beispiel – können für die Tiere gravierende gesundheitliche Probleme mit sich bringen.

«Wenn der Schädel so wasserköpfig gezüchtet ist, hat das Gehirn vielfach keinen Platz mehr und rutscht dann in Richtung Rückenmark», so die Expertin. Das führe über kurz oder lang zu Problemen in Rücken und Nacken.

Auch Kopfschmerzen und epileptische Anfälle könnten die Folge sein, was Auswirkungen auf die Lebenserwartung der Tiere habe: «Stellen wir eine Epilepsie fest, sind Tierärzte gezwungen, sehr starke Medikamente zu geben – und die haben oft heftige, lebensverkürzende Nebenwirkungen.»

Herausspringende Augäpfel

Weil die Augenhöhlen nicht tief genug ausgeprägt seien, würden die Augäpfel bei solchen Mini-Hunden zudem bei Unfällen oft herausspringen, so Fitzi. «Sie werden dann nur noch vom Sehnerv gehalten.» Auch Hornhautverletzungen und Augeninfektionen sind bei den Teacups häufig.

Solch kleine Züchtungen sind laut der Veterinärin überhaupt nicht resistent: «Sie frieren schnell, haben Probleme mit dem Energiehaushalt und sind häufig unterzuckert.» Letzteres kann schon durch eine verpasste Mahlzeit entstehen, zitiert Stern.de Lisa Hoth vom Deutschen Tierschutzbund. «Und das, obwohl die zugrunde liegenden Rassen eigentlich gesundheitlich gut ausgestattet sind und auch alt werden können», so Fitzi, vor allem Chihuahuas, Zwergpinschers und Yorkshire-Terrier.

Tinkerbell, der wohl bekannteste Teacup

Hotelerbin Paris Hilton löste mit ihrem Mini-Chi­huahua Tinkerbell in den USA einen ersten Teacup-Dog-Boom aus. Als «Tinky» starb, trauerte Hilton um sie wie um ein Familienmitglied (siehe Bildstrecke). Dass solche Kleinsthunde aus Jetsetter-Sicht überaus praktisch sind, ist laut Julika Fitzi logisch: «Sie sind leicht zu tragen, passen in eine Handtasche und können, da sie weit unter acht Kilogramm wiegen, im Passagierraum mitfliegen.» Doch der Preis, den die Tiere dafür zahlen, ist hoch.

Schon Sprung vom Sofa kann lebensgefährlich sein

Aufgrund der widernatürlichen Auswahl der Zuchttiere könne man die Tiere draussen niemals frei rumlaufen lassen. «Sie haben normal gezüchteten und grösseren Hunden nichts entgegenzusetzen», erklärt die Expertin. «Sie draussen frei laufen zu lassen, ist problematisch.» Im Gegenteil: Die Zwerghunde seien oft auf Rund-um-die-Uhr-Betreuung angewiesen.

Doch auch in den eigenen vier Wänden droht Gefahr, denn viele Tiere weisen eine glasknochenartige Struktur auf. «Da kann es auch dramatische Folgen haben, wenn sie vom Sofa springen.» Wie schnell die Knochen der Winzlinge brechen, hat Fitzi schon einmal mit eigenen Augen beobachten müssen, als sich ein Exemplar bei einer Hundeausstellung unter die Menschen mischte und sich dabei beide Vorderläufe brach.

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