Aktualisiert 29.06.2016 17:55

IS, PKK, YPG, AssadDas sind die Feinde der Türkei

Lange hat sich die Türkei im Kampf gegen den Terror auf die PKK konzentriert. Nach dem Anschlag am Istanbuler Airport könnte der IS in den Fokus rücken.

von
M. Rehberg
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Unter Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Türkei die Gefahr, die von der Terrormiliz Islamischer Staat ausgeht, lange vernachlässigt. Anschläge wie der auf den Flughafen Atatürk in Istanbul am 28. Juni 2016 häufen sich, ...

Unter Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Türkei die Gefahr, die von der Terrormiliz Islamischer Staat ausgeht, lange vernachlässigt. Anschläge wie der auf den Flughafen Atatürk in Istanbul am 28. Juni 2016 häufen sich, ...

Keystone/AP/Murat Cetinmuhurdar
... seit die Türkei auf der Seite der Koalition gegen die Terrormiliz steht. Für den IS ist die Türkei ein wichtiges Transitland für Jihadisten.

... seit die Türkei auf der Seite der Koalition gegen die Terrormiliz steht. Für den IS ist die Türkei ein wichtiges Transitland für Jihadisten.

Keystone/AP
Drahtzieher des Anschlags am Atatürk-Airport könnte der IS-Terrorist Ilhami Bali alias Ebu Bekir sein.

Drahtzieher des Anschlags am Atatürk-Airport könnte der IS-Terrorist Ilhami Bali alias Ebu Bekir sein.

Screenshot Twitter

Der Terror in den türkischen Metropolen Istanbul und Ankara ist beinahe alltäglich geworden. In den vergangenen Monaten starben hunderte Menschen bei Anschlägen, für die mal die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), mal kurdische Terroristen verantwortlich gemacht wurden. Beim Istanbuler Flughafen Atatürk gibt es laut dem türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim Hinweise darauf, dass der IS hinter der Attacke steckt. Die kurdische Arbeiterpartei PKK hat sich vom Anschlag distanziert.

Die Ermittler vermuten, dass der IS hinter den Anschlägen steckt. (Video: Reuters)

Fakt ist: Die Türkei hat Feinde an mehreren Fronten. Vor allem bekämpft Ankara die verbotene PKK und deren Splittergruppen, wie etwa die «Freiheitsfalken Kurdistans» (TAK). Ganz oben auf der Feindesliste steht zudem Syriens Machthaber Bashar al-Assad. Der einstige «Bruder» des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gilt als Gegner, seit er nach Ausbruch des Bürgerkriegs zugesagte Reformen nicht umsetzte. Und schliesslich ist da noch der IS, der der Türkei im Oktober 2015 den Krieg erklärt hat, dessen Bekämpfung aber lange nicht oberste Priorität hatte.

Experten warnen Türkei seit langem

Während die Kurden für ein von der Türkei unabhängiges Kurdistan kämpfen und damit ihre Anschläge rechtfertigen, schlägt der IS im Namen des radikalen Islam zu. Neben Syrien, Irak und Libyen ist er dabei zunehmend auf türkischem Boden aktiv: Seit die Türkei die US-geführte Koalition gegen den IS-Terror unterstützt, mehren sich die Anschläge im Land. Über Jahre liess Erdogan die Terrormiliz weitgehend gewähren. Dabei warnten Militärexperten bereits vor zwei Jahren davor, dass der IS die Sicherheit der Türkei bedrohe, und nannten dafür zahlreiche Gründe.

Die Türkei galt damals schon als wichtigstes Durchgangsland für ausländische Jihadisten auf dem Weg nach Syrien oder in den Irak. Doch auch das Land selbst war und ist ein Rekrutierungsort für IS-Anhänger. Geheimdienste schätzten im Jahr 2014 den Anteil der Türken innerhalb des IS gemäss SRF auf zehn Prozent. Gerade in Istanbul würde die Terrormiliz junge Männer in Koranschulen und Teehäusern ansprechen und eigens Wohnungen in der Metropole anmieten. IS-Devotionalien wie Banner und Aufkleber würden frei verkauft, hiess es.

Öl und Flüchtlinge

Kritiker monierten, Ankara hätte sich zu sehr darauf konzentriert, Assad zu stürzen. Der IS und andere Extremisten seien unterstützt statt bekämpft worden – nicht nur durch geöffnete Grenzen. Immer wieder wurden Vorwürfe laut, die Türkei lasse es zu, dass der IS Öl aus dem Irak ins Land schmuggle, es dort in Raffinerien aufbereiten lasse und wieder in IS-Gebiete transportiere. Mit dem Geld aus dem Ölverkauf soll sich die Terrormiliz finanzieren.

Zusätzliche Gefahr geht von der Flüchtlingskrise aus: Unter den Millionen Syrern, die Zuflucht in der Türkei gesucht haben, sind laut CNN viele Jihadisten – für deren Existenz die Türkei jedoch lange blind war. Diese Politik der Ignoranz rächt sich nun.

Ändert Erdogan seine Strategie?

Türkei-Experten gehen jetzt davon aus, dass Ankara seine Strategie künftig ändern wird. Soner Cagaptay, Chef des Türkei-Forschungsprogramms am Washington Institute, schreibt in einem Beitrag für CNN, dass Erdogan den jüngsten Anschlag als Kriegserklärung auffassen und seine Rache den IS «wie Regen aus der Hölle» treffen werde.

Zwar habe es bereits in der Vergangenheit IS-Anschläge gegeben, so Cagaptay, doch dieser habe die Türkei ins Herz getroffen und mehr Opfer gefordert. Dass der IS sich wie bei anderen Anschlägen nicht zum Istanbuler Attentat bekannt hat, wertet der Experte als Zeichen dafür, dass die Terrormiliz Misstrauen und Zwietracht in der türkischen Gesellschaft säen will. Drahtzieher hinter der Bluttat am Atatürk-Airport könnte der IS-Terrorist Ilhami Bali gewesen sein, mutmasst Bild.de.

Angst vor einem Kurdenstaat

Anders als den IS bekämpft die Türkei die PKK dagegen schon seit Jahrzehnten. Die Partei repräsentiert nach eigenen Angaben die grösste ethnische Minderheit im Land – rund 20 Prozent der türkischen Bevölkerung sind Kurden. Den 2012 in Gang gesetzten Friedensprozess mit der Organisation erklärte Erdogan im Juli 2015 für gescheitert, nachdem die Gewalt wieder deutlich angestiegen war. Für mehrere Anschläge in den vergangenen Monaten übernahmen kurdische Extremisten die Verantwortung.

Skeptisch sieht die Türkei auch die in Syrien gegen den IS kämpfende YPG-Miliz. Sie gilt als bewaffneter Arm des syrischen PKK-Vertreters, der PYD. Ihre Erfolge machen sie zum wichtigsten Verbündeten des Westens im Kampf gegen den IS – bei der Türkei schüren sie jedoch Ängste vor der Schaffung eines Kurdenstaates.

Der jüngste Anschlag in Istanbul ist einer von vielen, die die Türkei in den vergangenen Wochen und Monaten erschüttert haben. (Quelle: Reuters)

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