Prämienschock: Das sind die Gründe für die Explosion der Krankenkassen-Prämien

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PrämienschockDas sind die Gründe für die Explosion der Krankenkassen-Prämien

Heute Nachmittag wird Gesundheitsminister Alain Berset (SP) erneut einen Prämienschock verkünden müssen. Experte Andreas Faller erklärt, weshalb die Prämien ständig steigen.

von
Daniel Graf
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Die Krankenkassenprämien werden 2023 wohl wieder um rund acht Prozent steigen. 

Die Krankenkassenprämien werden 2023 wohl wieder um rund acht Prozent steigen. 

20Min/Carole Alkabes
Gesundheitsminister Alain Berset wird an der heutigen Pressekonferenz erklären müssen, weshalb es erneut nicht gelungen ist, den Kostenanstieg zu dämpfen. 

Gesundheitsminister Alain Berset wird an der heutigen Pressekonferenz erklären müssen, weshalb es erneut nicht gelungen ist, den Kostenanstieg zu dämpfen. 

20min/Stefan Lanz
Sparpotenzial ergibt sich auch dieses Jahr bei einem Wechsel der Krankenkasse. Bis zu 1000 Franken pro Jahr können gespart werden, in Extremfällen hätten Personen in den letzten zehn Jahren 3000 Franken pro Jahr sparen können. 

Sparpotenzial ergibt sich auch dieses Jahr bei einem Wechsel der Krankenkasse. Bis zu 1000 Franken pro Jahr können gespart werden, in Extremfällen hätten Personen in den letzten zehn Jahren 3000 Franken pro Jahr sparen können. 

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

Rund zehn Prozent müssten die Prämien laut den Versicherern 2023 steigen. Erwartet wird, dass Gesundheitsminister Alain Berset (SP) heute Nachmittag einen Anstieg von acht oder neun Prozent verkünden wird. Mit Ausnahme von 2008 kennen die Prämien seit 25 Jahren fast nur eine Richtung: nach oben.

Andreas Faller, Jurist, Gesundheitsberater und ehemaliger BAG-Vize, erläutert die Gründe – und erklärt, wo aus seiner Sicht gespart werden könnte.

Demografie
«Der hauptsächliche Kostentreiber im Gesundheitswesen ist, dass die Menschen immer älter werden. Vor ein paar Jahrzehnten lag die Lebenserwartung bei 70 Jahren, in meiner Generation bei 80 und wer heute geboren wird, hat gute Chancen, über 90 zu werden. Das braucht mehr Geld für die medizinische Versorgung.»

Innovation
«Ein zweiter Grund ist medizinische Innovation. Die Schweiz will Forschung und Innovation im medizinischen Bereich. Das ist nicht gratis zu haben.»

Folgen von Corona
«Covid-19 hat Spuren hinterlassen. In Form von Long Covid, aber auch bei der psychischen Volksgesundheit. Auch das schlägt sich in höheren Gesundheitskosten nieder.»

Spitalplanung
«Wir müssen uns fragen, ob nicht deutlich weniger Spitäler ausreichen würden. Hier gilt es aber zwei Faktoren zu beachten: Die Gesundheitsversorgung ist ein Markt, der fast ausschliesslich in der Schweiz wirtschaftet. Mit jeder Spitalschliessung vernichten wir Arbeitsplätze. Und oft wehrt sich die Bevölkerung gegen die Vorhaben.»

Falsche Anreize
«Es werden Leistungen abgegolten, die nicht zwingend notwendig wären. Das verlockt die Leistungserbringer dazu, zu viele Leistungen zu verrechnen. Hier würden klare Regeln Abhilfe schaffen.»

Kurzsichtige Politik
«In den letzten zehn Jahren ist keine bedeutsame Reform im schweizerischen Gesundheitswesen durchgekommen. Das Kostendämpfungspaket 1 wurde komplett verwässert. Das gleiche droht jetzt mit dem zweiten Paket, dessen Spareffekt im Übrigen völlig unklar ist. Auf Bundesebene wird häufig aus der Hüfte geschossen, statt nachhaltige Reformen umzusetzen und dabei die Akteure von Anfang an zu Beteiligten zu machen.»

Macht dir die Krankenkassen-Prämie zu schaffen? 

Digitalisierung
«Der Digitalisierungschef beim BAG hat mit einem Burnout und viel Frust gekündigt. Das ist, gelinde gesagt, kein gutes Zeichen. Eine echte Digitalisierungsstrategie und Prozessoptimierungen könnten viel Geld einsparen und gleichzeitig die Behandlungsqualität erhöhen. Würden wir all die vorhandenen Daten digital verknüpfen und auswerten, nähmen auch die therapeutischen Fehldiagnosen ab. Hier wird leider viel geredet und wenig ernsthaft angepackt.»

Ineffizientes System
«Unser Gesundheitswesen leidet an überbordender Bürokratie und unklaren Spielregeln. Ein Beispiel: Eine Person geht zum Hausarzt und lässt sich röntgen. Der Hausarzt überweist die Person an ein Spital und gibt ihr die Röntgenbilder mit. Das Spital findet, es brauche eigene Röntgenaufnahmen und schickt die Person unter Umständen noch einmal zum exakt gleichen Röntgeninstitut. Hier könnte viel eingespart werden.»

Unklare Regeln
«Wir haben seit 25 Jahren ein Krankenversicherungsgesetz, aber noch immer fehlt eine verbindliche Anleitung, wie es anzuwenden ist. Das Gesetz besagt, dass eine Massnahme wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein muss, sonst bezahlt die Kasse nicht. Doch es gibt keine verbindlichen Normen und Auslegungen dazu. Das trägt zur erwähnten Ineffizienz bei: Wenn eine Krankenkasse nicht sicher ist, ob eine Leistung übernommen wird, bezahlt sie im Zweifelsfall häufig, weil die Abklärungen zu kompliziert, langwierig und bürokratisch wären.»

Fehlende Kostenwahrheit
«Die Krankenversicherer beklagen sich ständig über steigende Kosten. Sie können aber nicht benennen, wie sich der jährliche Kostenanstieg verteilt. So weiss niemand, wo genau der Hebel angesetzt werden müsste.»

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