Aktualisiert 27.03.2013 14:34

Mordprozess

Das sind die offenen Fragen im Fall Knox

Der Mordprozess gegen die US-Amerikanerin Amanda Knox wird neu aufgerollt. Das Kassationsgericht in Rom sah offenbar einen hohen Aufklärungsbedarf.

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Das höchste italienische Gericht hob am Dienstag den Freispruch für die 25-jährige Amanda Knox - auch «Engel mit den Eisaugen» genannt - sowie für ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito auf. Eine Urteilsbegründung lag am Dienstag noch nicht vor. Doch der Fall war von Beginn weg kompliziert. Die Verteidigung konnte erfolgreich beweisen, dass die Forensiker bei ersten Untersuchungen am Tatort «schlampig» gearbeitet hatten.

Dennoch standen die widersprüchlichen Aussagen der Angeklagten Amanda Knox und Raffaelle Sollecito immer wieder im Vordergrund. Im neuen Prozess sollte nun versucht werden, einige offene Fragen zu klären.

Wer ist der Mörder von Meredith Kercher?

Knapp ein Jahr nach dem Mord an der britischen Austauschstudentin wurde der Ivorer Rudy Hermann Guede in einem Schnellprozess wegen Mordes und sexuellen Übergriffs schuldig gesprochen und zu 30 Jahren Haft verurteilt. Guede appellierte und gab an, nicht der Haupttäter gewesen zu sein. Am 22. Dezember 2009 revidierte ein Berufungsgericht sein Urteil. Guedes Haftstrafe wurde aufgrund der neuen Beweislage wegen Mittäterschaft und nicht wegen Mordes auf 16 Jahre reduziert. Wenn also Guede nicht der Mörder ist und Amanda Knox und Rafaelle Sollecito freigesprochen wurden, wer tötete dann Meredith Kercher mit 43 Messerstichen?

Wieso gehen die Forensiker davon aus, dass es mehrere Täter gab?

Laut den Ermittlern wurde Meredith Kercher mit zwei verschiedenen Messern getötet. Die Fahnder gehen davon aus, dass Rudy Guede in der Mordnacht nicht allein war. Zudem hat eine Nachbarin der Studentinnen, Nara Capezzali, bei ihrer Einvernahme behauptet, «mindestens zwei Leute durch das Haus in verschiedene Richtungen rennen» gesehen zu haben.

Wer hat das Fenster zerschlagen?

Ein strittiger Punkt in diesem Mordfall war schon immer das zerbrochene Fenster im Zimmer von Mitbewohnerin Filomena Romanelli. Laut Untersuchungen war die Scheibe mit einem 20 mal 15 Zentimeter grossen Stein von innen eingeschlagen worden. Aus Sicht der Experten konnte dies nur bedeuten, dass der Mörder im Haus wohnte und versuchte, einen Einbruch vorzutäuschen. Bei Romanelli war aber nichts entwendet worden. Das Fenster soll ausserdem am Morgen nach dem Mord zerbrochen worden sein. Diese Behauptung der Forensiker wird von den Aussagen Romanellis gestützt, sie habe die Glassplitter in ihrem Bett erst am nächsten Tag gefunden.

Amanda Knox: Das ist ein «unsinniger Ärger»

Wie steht es um die Alibis von Amanda Knox und Raffaelle Sollecito?

Verschiedene Zeugenaussagen werden neu überprüft werden. Knox und ihr Ex-Freund behaupteten zunächst, in der Mordnacht zusammen in Sollecitos Wohnung gewesen zu sein. Ein Obdachloser widersprach beim ersten Prozess jedoch dieser Aussage: Der 52-jährige Antonio Curatolo will in der Mordnacht Amanda Knox und Raffaele Sollecito auf einem Basketball-Spielfeld in der Nähe des Tatorts gesehen haben. Sie sollen sich «angeregt unterhalten» haben. Insgesamt habe er das Paar zwischen 21.30 Uhr und Mitternacht fünfmal gesehen. Laut forensischen Untersuchungen ist Meredith Kercher zwischen 21.00 und 23.00 Uhr an ihren Verletzungen gestorben.

Knox und Sollecito hatten von Anfang an unklare Angaben über ihren Aufenthalt gemacht: In ihrer ersten Version, zu der sie im Laufe des Prozesses zurückkehrte, beteuerte Knox, dass sie die Nacht vom 1. zum 2. November in Sollecitos Wohnung verbracht habe. Sie sei am nächsten Morgen gegen 10.30 Uhr zurück ins Haus gegangen und habe «einige Blutflecken» in der Badewanne entdeckt. Erschrocken sei sie wieder zu Sollecito zurückgekehrt und habe ihm davon erzählt. Sie habe Meredith und die anderen beiden italienischen Mitbewohnerinnen auf deren Handy angerufen. Tatsächlich sind einige Anrufe wenige Minuten nach 12.00 Uhr registriert. Nach dem Frühstück sei sie zusammen mit Sollecito ins Haus gegangen, um «genauer nachzuschauen».

Für die Ermittler klang Knox' Aussage etwas «einfach» - Forensiker haben am Tatort 13 Blutspuren im Haus gefunden, darunter einen 25 Zentimeter langen Blutstreifen an der Badezimmertür. Das Lavabo war laut dem Bericht der Experten «erheblich befleckt».

Nach ihrer Verhaftung am 6. November 2007 gestand Knox, in jener Nacht im Haus gewesen zu sein und sich die Ohren zugehalten zu haben, um Merediths Schreie nicht hören zu müssen, während Patrick Lumumba ihre Mitbewohnerin erdrosselte. Lumumba, ein Kongolese, in dessen Bar Knox als Teilzeit-Barmädchen arbeitete, wurde allerdings nach seiner Festnahme wieder freigelassen, da er ein Alibi hatte.

Knox' Aussagen werden wahrscheinlich erneut der Kernaspekt in diesem neuen Prozess sein. Obwohl die Amerikanerin damals ihr Geständnis unterschrieben hatte, war das Dokument problematisch, denn Knox hatte es morgens um 5.45 Uhr unterschrieben - nach 14 Stunden ohne Nahrung, ohne Beistand eines Anwalts und ohne Übersetzer. Zum Zeitpunkt des Mordes war die Amerikanerin erst seit zwei Monaten in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht beherrschte. Später sagte Knox, sie sei auch während der Einvernahme auf den Kopf geschlagen worden, wenn sie einen Namen oder ein Datum vergass. Ihre Fürsprecher konnten vor Gericht geltend machen, dass ihre Mandantin in «die klassische Verhörfalle» geraten sei: Man habe ihr gesagt, dass es bereits unwiderlegbares Beweismaterial gegen sie gebe.

Doch auch Sollecito hatte wie Knox seine Aussage mehrmals geändert. Er verstrickte sich in verschiedene Versionen: Mal sei er während der Tatnacht am Computer gewesen, mal habe er Fernsehen geschaut, mal sei seine Freundin Amanda bei ihm gewesen. Einige Gedächtnislücken liessen sich damals mit der Tatsache erklären, dass Sollecito Cannabis geraucht hatte. Doch schon damals kamen dem Richter einige von Sollecitos Aussagen merkwürdig vor. Der Student hatte behauptet, nicht mehr zu wissen, ob er in jener Nacht Sex mit seiner Freundin hatte. «Wenn man 20 ist, vergisst man gewisse Dinge nicht», meinte der Richter.

Das Gericht wird zudem klären wollen, wieso die zwei Angeklagten fast gleichzeitig ihre Handys um 20.40 Uhr in der Mordnacht ausschalteten.

Hatten Knox und Sollecito einen Grund, Meredith umzubringen?

Mittäter Rudy Guede belastete Knox im Mordprozess schwer. Er erzählte dem Gericht, wie sich Meredith Kercher bei ihm über Amanda Knox beklagt habe. Sie klaue immer ihr Geld, habe die Britin gegenüber Guede gemeint. Meredith Kercher habe Knox zudem «nicht ausstehen» können, sagte er vor Gericht aus.

Werden die USA Amanda Knox ausliefern?

Im Interview nimmt der in New York geborene Anwalt Ernesto Gregorio Valenti, der seit 1998 in Italien als Anwalt tätig ist, Stellung zu den drängendsten Fragen im Fall Amanda Knox.

Sollte Amanda Knox verurteilt werden: Was sind die möglichen Szenarien für eine Auslieferung durch die USA an Italien? Ernesto Gregorio Valenti: Wenn Knox in zweiter Instanz verurteilt werden sollte, ist es denkbar, dass Italien aufgrund des Abkommens mit den USA eine Auslieferung verlangt. Grundsätzlich sind die USA aber sehr zurückhaltend, wenn es um die Auslieferung eines US-Bürgers geht. Der Prozess war zudem in den USA ausgesprochen negativ dargestellt worden. Amerikanische Medien haben Italien harsch kritisiert.

Sollte Amanda Knox verurteilt werden: Was sind die möglichen Szenarien für eine Auslieferung durch die USA an Italien? Ernesto Gregorio Valenti: Wenn Knox in zweiter Instanz verurteilt werden sollte, ist es denkbar, dass Italien aufgrund des Abkommens mit den USA eine Auslieferung verlangt. Grundsätzlich sind die USA aber sehr zurückhaltend, wenn es um die Auslieferung eines US-Bürgers geht. Der Prozess war zudem in den USA ausgesprochen negativ dargestellt worden. Amerikanische Medien haben Italien harsch kritisiert.

Welche Argumente könnten die USA zusätzlich herbeiziehen bei der Frage: Auslieferung ja oder nein?

Ein Aspekt ist sicher der, dass Amanda Knox in erster Instanz freigesprochen wurde. In den USA existiert der Rechtsgrundsatz «Ne bis in idem» (lat. für «nicht zweimal in derselben Sache»). Danach darf jemand, der einmal von einem Gericht freigesprochen wurde, nicht erneut für die gleiche Tat belangt werden.

Und was könnten die USA noch gegen eine mögliche Auslieferung hervorbringen?

Die USA werden sicher darauf beharren, dass die Rechte der Verteidigung verletzt wurden. Deshalb denke ich nicht, dass die Vereinigten Staaten einer Anfrage auf Auslieferung einfach so nachkommen würden. Kritisiert wurde, wie mit den Beweismitteln am Tatort umgegangen wurde. Diese Umstand hat auch das Berufungsgericht von Perugia kritisiert. Nun muss man aber abwarten. Die italienische Justiz arbeitet nicht sehr schnell - eineinhalb bis zwei Jahr wird man warten müssen. Und auch wenn Amanda Knox verurteilt wird, die USA werden sie wohl kaum einfach so ausliefern. (do)

Wird Amanda Knox in Italien vor Gericht erscheinen?

Ihr Anwalt Ted Simon legte sich am Dienstag in mehreren Fernsehinterviews nicht darauf fest, ob Knox zu dem vom höchsten italienischen Gericht angeordneten neuen Prozess nach Italien zurückkehren werde. Erst solle die Entscheidung der höchsten Instanz geprüft werden, sagte Simon dem Sender CNN. Er betonte zugleich, dass Knox nicht verpflichtet sei, persönlich zum Prozess zu erscheinen. Ihr italienischer Anwalt Carlo Dalla Vedova erwartete hingegen nicht, dass die 25-Jährige für den Prozess anreisen werde.

Kernfrage ist Juristen zufolge, ob Knox nach Italien ausgeliefert werden könne, falls sie im neuen Verfahren schuldig gesprochen und dieses Urteil von Berufungsinstanzen bestätigt werde. Wahrscheinlich werde Italien in einem solchen Fall eine Auslieferung beantragen, sagte Rechtsexperte Paul Callan in einem CNN-Interview. Es sei aber fraglich, ob die USA diesem Ersuchen folgen würden. Insgesamt halten es US-Experten aber für eher unwahrscheinlich, dass es zu einer Auslieferung kommen würde. Knox-Anwalt Simon betonte, ein solcher Schritt sei zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht «in der Landschaft». (sda)

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