18.09.2014 03:57

Politiker im Style-Check

Das sind die Stilikonen und die Modesünder

Wie modisch sind unsere Politiker? Ein Rundgang im Bundeshaus mit dem Stilexperten Clifford Lilley zeigt, dass viel Potenzial brachliegt.

von
Nicole Glaus

Melden sich Journalisten für den Besuch der Session an, heisst es im Merkblatt: «Alle Medienschaffenden respektieren mit angemessener Kleidung die Würde des Parlaments.» Doch wie sieht es bei den Parlamentariern aus? Zollen sie mit ihren Kleidern dem Bundeshaus den nötigen Respekt? 20 Minuten machte gemeinsam mit dem Stilexperten und Modeberater Clifford Lilley den Kleidercheck.

Die Stilikone: Matthias Aebischer (SP)

Ein anthrazitfarbener, schmal geschnittener Anzug, dazu eine gepunktete seidene Krawatte mit einem hellblauen Hemd und edle Leder-Brogues: So überzeugt der SP-Nationalrat Matthias Aebischer (BE).

Lilley: «Das sieht aus wie ein Anzug von Tom Ford! (Ein Blick auf die Etikette in Aebischers Anzug beweist es: ein Designerstück aus dem Haus Gucci.) Matthias Aebischer weiss definitiv, was er anziehen muss. Bei einem Auftritt im Bundeshaus sollte man genau so aussehen. Ein dunkler, perfekt geschnittener Anzug gehört genauso in die Garderobe wie das kleine Schwarze bei einer Frau. Für mich ist Matthias Aebischer der Style-Man des Tages und erhält von mir 10 Punkte.»

Aebischer: «Ich ziehe eigentlich fast immer einen Anzug an. Das höchste Gut eines Politikers ist die Glaubwürdigkeit - und ein klassischer Anzug hat für mich als Kleidungsstück die höchste Glaubwürdigkeit. Eine Regel, die ich befolge, ist: Man soll sich immer eine Stufe besser anziehen, als man möchte. Dann ist man genau richtig gekleidet.»

Der Modesünder: Jakob Büchler (CVP)

Grau-braun gestreifter Veston, schwarze Buntfaltenhosen und einfache schwarze Lederschuhe; dazu eine hellblaue Edelweiss-Krawatte zum weissen Hemd: Das ist das Outfit von CVP-Nationalrat Jakob Büchler (SG).

Lilley: «Das ist zu sehr Achtzigerjahre: übergross geschnittene Kleider, auffällig, breit geschnittene Krawatten mit speziell übergrossen Druckdesigns. Die Kleidung ist durchaus korrekt und gutbürgerlich, aber Stil ist heute definitiv etwas anderes. Aber eines ist richtig: Zu jedem Auftritt eines Parlamentariers gehört eine Krawatte dazu. Es ist wie früher in der Kirche - eine Sache des Respekts.»

Büchler: «Ein korrektes Auftreten ist für Parlamentarier wichtig. Früher kamen die Nationalräte noch mit Zylinder und Frack an eine Session. Gerade die Jungen nehmen die Kleidung heute aber nicht mehr so ernst. Wenn jemand in Jeans kommt, dann geht das einfach nicht. Die Edelweiss-Krawatte habe ich übrigens vom Schweizer Bauernverband.»

Der Paradiesvogel: Doris Fiala (FDP)

Ein royalblauer Spitzen-Hosenanzug, dazu schwarze Strümpfe und schwarze Lackschuhe: FDP-Nationalrätin Doris Fiala (ZH) erkennt man schon von weitem.

Lilley: «Doris Fiala ist nicht einfach 0815. Mit ihrer mutigen Farb- und Kleiderwahl unterstützt sie ihre rebellische und direkte Art. Sie zeigt mit ihrem Stil, dass sie modisch kein Angsthase ist. Nur die schwarzen Lackschuhe und schwarze Strümpfe haben mich irritiert.»

Fiala: «Wir überlassen hier nichts dem Zufall! Die schwarzen Schuhe trage ich doch wegen meines schwarzen Mantels. Ich stehe halt für klassische Eleganz mit etwas Pfiff. Ich finde, dass die urbane Frau von heute auch im Parlament einen gewissen modischen Glanzpunkt setzen darf. Zudem kleide ich mich der Würde meines Amtes entsprechend. So trage ich auch bei 35 Grad noch Strümpfe - alles andere wäre ein No-Go.»

Die Klassisch-Sportliche: Natalie Rickli (SVP)

Schwarze, eng anliegende Hosen, schwarze Stiefeletten, ein zart-hellblauer Blazer und dazu das passende Foulard: Die SVP-Nationalrätin Natalie Rickli (ZH) fällt nicht zuletzt wegen ihres modernen Kurzhaarschnitts auf.

Lilley: «Ihr gesamtes Erscheinungsbild ist perfekt. Es sieht modisch aus, ohne 'over the Top' zu wirken. Auch die schönen Stiefletten mit den engen schwarzen Hosen passen optimal. Das passende, voluminöse Animalprint-Foulard ergibt dem ganzen Outfit einen modischen Akzent. Das Outfit ist klassisch, gleichzeitig sportlich, mit einer Spur von Eleganz. Die modern kurzgeschnittenen blonden Haare sehen super aus.»

Rickli: «Ich versuche tatsächlich jeweils klassisch und eher etwas schlicht gekleidet zu wirken. Denn ich würde mich durchaus nicht als extravaganten Typ bezeichnen. Für mich ist klar, dass ich mich im Parlament angemessen kleide. Sicher laufe ich zu Hause auch in Jeans und Turnschuhen herum, das gehört meiner Meinung nach aber nicht hierher ins Bundeshaus.»

Die Moderne: Barbara Gysi (SP)

Schwarze Hosen, graue Lackschuhe, eine schlichte Seidenbluse und ein rot-weiss gemustertes Foulard: Mit diesem passenden Accessoire zieht SP-Nationalrätin Barbara Gysi (SG) die Aufmerksamkeit auf sich.

Lilley: «Das Erste, was mir positiv auffällt, ist das Foulard - fast wie ein Bild von Gerhard Richter. Barbara Gysi entspricht unserer Zeit. Sie ist authentisch gekleidet und nicht overdressed. Sie beweist mit diesem Outfit Stil. Mit ihrem radikalen Kurzhaarschnitt unterstreicht sie ihr politisches Engagement.»

Gysi: «Mit meinem roten Foulard setze ich gewissermassen ein Statement zu meiner Parteizugehörigkeit. Es ist aber auch ein Stück Jugenderinnerung: Damals trug ich ein rot-weisses Palästinensertuch. Für mich muss ein Outfit in erster Linie bequem sein.»

Fazit: «Verstaubt und ländlich»

Nach einem Tag in der Wandelhalle zieht Stylist Clifford Lilley Bilanz: «Der Auftritt vieler Politiker ist etwas altertümlich, verstaubt und ländlich. Ich hatte da ehrlich gesagt etwas mehr Stil und Modebewusstsein erwartet.» Besonders bei den Männern seien zu grosse Anzüge und Krawatten, «die schon längst pensioniert werden müssten», übervertreten.

Um den Parlamentariern modetechnisch wieder etwas auf die Sprünge zu helfen, braucht es laut Clifford Lilley einen Stilberater, der den Politikern zur Verfügung steht, und mindestens einen Schneider für Massanzüge im Haus. «Wieder etwas mehr Frische und Style hier in diesem wunderschönen, exquisiten Haus wäre von Vorteil.»

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