Bundesgezwitscher: Das sind die Twitterkönige im Bundeshaus
Aktualisiert

BundesgezwitscherDas sind die Twitterkönige im Bundeshaus

Niemand zwitscherte in der Wintersession fleissiger als die SP-Nationalräte. Doch noch nutzen lange nicht alle Parlamentarier den Kurznachrichtendienst – vor allem die Ständeräte haben Nachholbedarf.

von
Simon Hehli

SVP-Scharfschreiber Christoph Mörgeli machte sich letzte Woche auf Twitter darüber lustig, dass Lesben und Schwule künftig die Kinder ihrer Partner adoptieren können. «Wann verlangen die Linken auch das Adoptionsrecht für Haustiere?», fragte der ausgebuffte Provokateur – und erreicht genau, was er wollte: einen medialen und öffentlichen Aufschrei.

Dass ein Tweet aus SVP-Kreisen für Wirbel sorgt, ist insofern untypisch, als die Vertreter der Rechtspartei derzeit nicht zu den fleissigsten Twitterern gehören. Die Web-Plattform SoMePolis hat sämtliche Tweets ausgewertet, die während der letzte Woche zu Ende gegangenen Wintersession aus dem Bundeshaus kamen.

Deutlich am aktivsten sind die Sozialdemokraten, sowohl was die Anzahl der Twitterer betrifft, als auch die Anzahl abgesetzter Nachrichten (siehe Grafik). Besonders mitteilsam waren in den drei Wochen der Waadtländer Jean Christophe Schwaab (134 Tweets), Cédric Wermuth (105), Jacqueline Badran (85) und Susanne Leutenegger Oberholzer (80).

Natalie Rickli fehlt der SVP

Den zweiten Platz belegt die CVP, was sie vor allem dem Twitterkönig in ihren Reihen zu verdanken hat: Der ehrgeizige Walliser Yannick Buttet schrieb 146 Mitteilungen. Kaum aktive Twitterer gibt es bei den Kleinparteien BDP und GLP. Bei den Grünen ist der Zürcher Balthasar Glättli praktisch allein für die Präsenz im sozialen Netzwerk besorgt.

Die SVP-Fraktion inklusive Lega dei Ticinesi hat nur fünf Twitterer, wobei Natalie Rickli schmerzlich vermisst wird. Sie hat – auch wegen ihrer Dauerpräsenz in den sozialen Netwerken – ein Burnout erlitten. Bei der FDP sind es acht Nutzer, wobei diese nicht sehr häufig in die Tasten greifen.

Hochbetrieb während der Session

SoMePolis hat auch eruiert, welche Begriffe besonders häufig auftauchen. Spitzenreiter ist das Wort Initiative: Der Nationalrat beriet jene zur Abschaffung der Wehrpflicht und jene für eine Volkswahl des Bundesrates. Zudem begann während der Wintersession der Abstimmungskampf für die Abzocker-Initiative. Auch die Themen EWR und EU, Asyl, Transparenz und IV tauchen regelmässig auf. Die meist genannte Person ist Maya Graf, die neue Nationalratspräsidentin. Bei den einzelnen Fraktionen sind die Schwerpunkte ganz unterschiedlich (siehe Bildergalerie).

Während der Session würden Politiker deutlich häufiger twittern als in den anderen Wochen, sagt Ralph Straumann von SoMePolis gegenüber 20 Minuten Online. Zwar ist die junge Generation von Wermuth bis Lukas Reimann (SVP) unter den häufigen Twitter-Nutzern erwartungsgemäss gut vertreten. Aber auch Ü-40-Vertreter wie Badran, Silvia Schenker, Carlo Sommaruga (alle SP) oder Pierre Rusconi (SVP) halten gut mit.

Tendenziell wird die Gruppe der Twitterer immer grösser und damit auch die Anzahl an Nachrichten. Noch haben aber viele Parlamentarier Nachholbedarf: Nur 52 von 246 verfassten während der Session mindestens eine Nachricht – darunter sind kaum Ständeräte.

Die drei Gruppen von Twitter-Nutzern

Straumann unterscheidet drei Gruppen von Twitter-Nutzern. Die erste bilden Politiker wie Glättli, Buttet oder Reimann, die eine Debatte mit anderen Zwitscherern suchen und entsprechend häufig auf deren Wortmeldungen antworten. So entsteht innerhalb des Netzwerkes eine neue Art von politischer Öffentlichkeit, auch die Wähler können sich in einen Schlagabtausch einklinken.

In der zweiten Gruppe finden sich jene Parlamentarier, die Twitter als kommunikative Einbahnstrasse verstehen. Sie nutzen den Dienst, um die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit auf ihre eigenen Aktivitäten zu lenken und teilen Links, verzichten aber auf Retweets. Die dritte Gruppe wird gebildet durch Politiker alter Schule, die zwar einen Twitter-Account haben, aber sich kaum je zu Wort – so etwa Christoph Blocher.

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