SRF-Direktor Ruedi Matter: «Das sind dreiste Lügen und Verunglimpfungen»
Aktualisiert

SRF-Direktor Ruedi Matter«Das sind dreiste Lügen und Verunglimpfungen»

SRF-Direktor Ruedi Matter kritisiert im Interview die Billag-Gegner scharf. Dafür macht er seinem Publikum eine Liebeserklärung.

von
Jacqueline Büchi
SRF-Direktor Ruedi Matter stellt sich der Service-public-Diskussion.

SRF-Direktor Ruedi Matter stellt sich der Service-public-Diskussion.

Herr Matter, machen Sie als SRF-Direktor derzeit eine schwere Zeit durch?

Nein, warum sollte ich?

Die Billag-Kritiker lassen kein gutes Haar an den Sendungen, die Sie verantworten. Immer wieder taucht der Vorwurf auf, Sie würden Gebührengelder für Formate verschleudern, die mit Service public nichts zu tun hätten.

Diese Vorwürfe sind unter «Abstimmungskampf» abzubuchen. Das würde ich nicht dramatisieren. Wenn es aber darum geht, die Service-public-Diskussion zu führen, nehme ich gern Stellung.

Dann schauen wir uns doch ein paar konkrete Beispiele zusammen an: Tragen «Die grössten Schweizer Talente» etwas zum Funktionieren der Schweizer Demokratie bei?

Für die Demokratie ist zuallererst die Information wichtig. Und dafür geben wir in der SRG rund die Hälfte aller Gebühreneinnahmen aus. Also fast 600 Millionen Franken.«Die grössten Schweizer Talente» ist aus meiner Sicht aber eine hervorragende Sendung: Junge Schweizer, mit und ohne Migrationshintergrund, zeigen als Sänger, Artisten oder Comedians, wofür sie jahrelang gearbeitet haben. Die Sendung zeigt ein Stück Schweizer Realität. Und sie verbreitet Optimismus in einer Zeit, die nicht immer einfach ist.

Quiz-Sendungen, bei denen die Teilnehmer teils hohe Summen gewinnen, werden über Billag-Gelder finanziert. Ist das legitim?

Meist werden nicht mehr als ein paar tausend Franken ausbezahlt – in Quizformaten, die im Werbemarkt erfolgreich sind. Die Billag-Gebührengelder gehen zu rund 85 Prozent in Informations-, Kultur- und Bildungssendungen und in die Produktion von Schweizer Spielfilmen. Sport und Unterhaltung kommen noch hinzu.

Im Interview mit 20 Minuten kritisierte Gewerbeverbandspräsident Hans-Ulrich Bigler, dass Eigenproduktionen wie der «Bestatter» 10'000 Franken pro Minute kosten. Wie rechtfertigen Sie diese Kosten?

Da gibt es nichts zu rechtfertigen. Der «Bestatter» wird vom Publikum heiss geliebt! Er wird zu absolut marktüblichen Preisen extern von einem Unternehmen aus dem Schweizer Filmgewerbe hergestellt.

Soll das SRF Sendungen mit möglichst hohen Einschaltquoten produzieren oder solche, die auf privaten Sendern nicht überlebensfähig wären?

Das finde ich eine seltsame Diskussion. Wir haben den Auftrag, für das ganze und das grosse Publikum Sendungen zu produzieren. Das machen wir mit Leidenschaft und Engagement. Wir lieben unser Publikum und machen Fernsehen in seiner ganzen Vielfalt.

Gibt es Sendungen, die im SRF nichts zu suchen hätten, obwohl sie eine breite Bevölkerung interessieren? Würden Sie beispielsweise die «Bachelorette» ins Programm aufnehmen?

Das käme uns nicht einmal in einem schlechten Traum in den Sinn (lacht).

Wieso nicht? Worin unterscheidet sich diese Sendung aus dem Gesichtspunkt der Relevanz von den «Grössten Schweizer Talenten»?

Ich rede lieber über unser Programm als über jenes der Mitbewerber.

Also: Eine weitere, oft geäusserte Kritik betrifft den Umfang Ihres Angebots: Brauchen wir in Zeiten des Internets wirklich noch zwei Dutzend öffentlich-rechtliche TV- und Radiosender in der Schweiz?

Es gehört zu den Grundwerten unseres Landes, dass es in allen Sprachregionen ein vergleichbares Angebot an Radio- und Fernsehsendern gibt. Deshalb ist es aus meiner Sicht richtig, dass rund 200 Franken der Deutschschweizer Gebühren in die kleineren Regionen fliessen. In der Deutschschweiz haben SRF 1 und SRF zwei unterschiedliche Profile. SRF zwei zeichnet sich aus durch ein vielfältiges Sportangebot. SRF Info wiederholt Informationsinhalte der anderen Sender.Die Kosten dafür sind entsprechend gering. Aber darum geht es in der Abstimmung vom 14. Juni ja gar nicht.

Der Publizist Kurt W. Zimmermann schrieb in der «Weltwoche» eine fiktive Rede für SRG-Generaldirektor Roger de Weck. Quintessenz: Er müsse sich für seine «Masslosigkeit» entschuldigen und Besserung geloben, damit die RTVG-Abstimmung überhaupt noch gewonnen werden könne. Sollte Ihr Chef diese Rede bei Gelegenheit einmal halten?

Wenn ich einen kenne, der keinen Ghostwriter braucht, ist es der grosse Redner Roger de Weck. Zudem glaube ich nicht, dass sich das Publikum an der Vielfalt unseres Programms stört. Wir erreichen jede Woche neun von zehn Schweizern.

Weshalb kommt die SRG vor der Abstimmung über das neue Radio- und TV-Gesetz denn so schlecht weg?

Wir sind in einer Zeit des unglaublichen Wandels. Die SRG ist für diese Herausforderung gut aufgestellt, auch dank der Gebühren. Für andere Player im Markt ist die Situation schwieriger …

Sie glauben also, die Medien würden Stimmungsmache gegen die SRG betreiben, in der Bevölkerung gebe es dagegen keine Ressentiments?

Das wird sich am Abstimmungssonntag zeigen. Ich gehe davon aus, dass am Ende eine Mehrheit Ja stimmen wird, es geht ja um eine Gebührensenkung. Aber Referenden sind immer schwierig. Und die Gegner der Revision führen einen aggressiven Abstimmungskampf, in den sie viel Geld investieren. Die aktuelle «Gewerbezeitung» ist das beste Beispiel: Das ist eine Ansammlung von dreisten Lügen und persönlichen Verunglimpfungen. Ich vermisse bürgerlichen Anstand.

Die Gegner der RTVG-Revision haben Angst, dass das Monopol der SRG im Falle einer Annahme «zementiert» würde. Können Sie der Bevölkerung versprechen, dass bei einem Ja noch eine faire Service-public-Diskussion geführt werden kann?

Ich bin nicht in der Rolle, dem Schweizer Volk etwas zu versprechen. Ich verstehe aber gar nicht, weshalb nachher keine Diskussion mehr möglich sein sollte. Der Bundesrat hat ja einen Bericht angekündigt, auf dessen Basis der künftige Leistungsauftrag diskutiert werden soll. Die Frage ist nur: Führen wir die Diskussion und zahlen dabei hohe Gebühren, oder zahlen wir 60 Franken weniger?

Angenommen, das Stimmvolk lehnt die Revision ab. Würden Sie das als persönliche Niederlage empfinden?

Nein, überhaupt nicht. Wie gesagt: Es geht in der Abstimmung nur um die Gebührenhöhe.

Dann würden Sie aus einem Nein auch keine Konsequenzen ziehen? Weder persönlich noch programmatisch?

Nein, es bliebe ja beim Status quo. Auch bei einem Ja erhielten wir übrigens nicht mehr Geld als heute. Ganz im Gegensatz zu den privaten Sendern.

Weshalb weibeln Sie und Roger de Weck überhaupt für die RTVG-Revision, wenn sich für Sie eh nichts verändert?

Wir weibeln nicht für die Revision. Aber es läuft jetzt eine Diskussion über den Service public. Und dazu äussern wir uns, wenn wir gefragt werden.

Zum Schluss ein kleines Gedankenexperiment: Wie sähe eine Schweiz ohne SRF aus?

Ich würde sagen: grauer als heute. Es gäbe keine «Tagesschau», kein «Echo der Zeit», keinen «Bestatter», keine grossen Fussballspiele, die man ohne Zusatzkosten schauen kann, nicht hunderte Stunden Live-Konzerte auf Radio SRF 3 und Virus. Ja, die Schweiz wäre eindeutig weniger bunt.

Deine Meinung