Aktualisiert 11.11.2011 12:22

Ein Land in der Krise

Das sind Italiens Baustellen

Ein grosses Problem löst sich in Italien wohl bald von selbst, das Problem Silvio Berlusconi. Auf seinen Nachfolger warten aber noch kolossale Aufgaben.

Vieles ist in Italien im Argen.

Vieles ist in Italien im Argen.

Dass Italien ein hohes Staatsdefizit von 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung hat, ist nicht neu. Doch wegen der Marktturbulenzen seit zwei Jahren bewerten Investoren plötzlich die Fähigkeiten des Landes neu, seine Schulden zurückzuzahlen. In der Folge steigen die Zinsen für Staatsanleihen. Am Mittwoch lagen sie über sieben Prozent, dem höchsten Stand seit Einführung des Euro 1999.

Dabei ist Italien eigentlich ein modernes, industrialisiertes Land. Es kann Güter produzieren, die anderswo nachgefragt werden, siehe Fiat, Armani, Benetton. Das Haushaltsdefizit liegt bei vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit unter dem Durchschnitt der Eurozone von sechs Prozent. Und Rom strebt für 2013 einen ausgeglichenen Haushalt an.

IWF sagt Miniwachstum von 0,6 Prozent für 2011 voraus

Dennoch hat das Land mit 1,9 Billionen Euro den weltweit dritthöchsten Schuldenstand aufgetürmt, und die Sorge lautet, dass es nicht mehr produktiv genug ist, das abzuzahlen. Italiens Wirtschaftsleistung lag inflationsbereinigt im vergangenen Jahr um 1,9 Prozent unter der von 2005. Der Internationale Währungsfonds sagt für dieses Jahr ein blutleeres Wachstum von 0,6 und für 2012 von 0,3 Prozent voraus.

Die Wirtschaft ächzt unter hohen Lohnkosten, niedriger Produktivität, fetten Lohnlisten der Behörden, überhöhten Steuern, einer erstickenden Bürokratie und einem Bildungssystem, das einen der niedrigsten Anteile an Hochschulabsolventen unter den reichen Ländern hervorbringt.

«Ernstes Problem bei der Nutzung des Humankapitals»

Tito Michele Boeri von der Bocconi-Universität in Mailand beklagt, dass Italiens Wirtschaft lahmt. Restriktive Arbeitsgesetze und ein träges Bildungssystem liessen vor allem junge Menschen dahinvegetieren ohne gut bezahlte Jobs oder Ausbildung, die sie produktiver machen würde. «Es gibt ein ernstes Problem mit der Art, wie wir das Humankapital in diesem Land nutzen», fasst Boeri zusammen.

Das Universitätsstudium kann sich um Jahre länger hinziehen als in anderen Ländern. Fünf Jahre dauert es bis zu einem Grundabschluss und mehrere weitere für berufliche Spezialisierung. Anwälte müssen in Italien eine Lehrzeit von zwei Jahren durchlaufen. Viele Firmen lassen ihre Auszubildenden ohne Lohn arbeiten. Viele von ihnen bekommen nicht einmal ihre Ausgaben wieder herein.

Bei Universitätsabsolventen liegt Italien weit hinten

Die lange Ausbildungszeit wirkt abschreckend. Nur 20 Prozent der Menschen zwischen 25 und 34 besitzen einen Universitätsabschluss. Damit liegt Italien auf Platz 34 von 37 industrialisierten Ländern, wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ermittelte. Ein Viertel der Italiener unter 30 ist weder in Ausbildung noch in Beschäftigung oder Weiterbildung.

Die Universitäten selbst tragen wenig zur Wirtschaftsleistung bei. Keine von ihnen brachte es unter die Top 200 auf einer Liste der Times. Italien hat zwar prominente Wissenschaftler, doch viele von ihnen arbeiten im Ausland, wo Forschungsgelder und Investitionen leichter zu haben sind.

Der Zugang zu einer ganzen Liste von Berufen ist begrenzt und oft von Beziehungen abhängig: Notare, Taxifahrer, Apotheker. Das System entmutigt Konkurrenten und begrenzt die Möglichkeiten.

Bei Geschäftsstreitigkeiten schlechter als Sudan

Die Bürokratie geniesst einen legendären Ruf. Italien liegt auf Platz 87 des Ease-of-Doing-Index der Weltbank, der für 183 Länder anzeigt, ob die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Geschäftsbetrieb förderlich sind. Das Land befindet sich auf dem 158. Platz, wenn es darum geht, wie schnell ein Streit über einen Geschäftsvertrag gelöst wird - vor Afghanistan, aber hinter dem Sudan, Togo und Kosovo. Für eine Entscheidung braucht das römische Bezirksgericht 1210 Tage. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 518. Steuern fressen 68,5 Prozent der Unternehmensgewinne auf, der Durchschnitt in reichen Ländern liegt bei 42 Prozent.

Italien war schon einmal reformfähig

Doch Italien weiss, wie man sich ändert - wenn es muss. Zu Beginn der 1990er-Jahre drohte Italien wegen übermässiger Haushaltsdefizite nicht in den Euroraum aufgenommen zu werden - eine erniedrigende Aussicht. Daraufhin wurden die Defizite drastisch reduziert. Die Regierung setzte gegen die Gewerkschaften Rentenkürzungen durch. Die Steuereinnahmen stiegen. Staatseigene Betriebe wurden verkauft, um das Minus zu verkleinern. Als Ergebnis wurde Italien 1999 Gründungsmitglied des Euro.

Doch gerade das erwies sich als Fluch. Denn einmal im Euro-Club wurde das Land von Markteinflüssen abgeschirmt, da es eine Währung mit stärkeren Wirtschaftsnationen in Nordeuropa teilte. Die Märkte liehen Italien Geld für nur wenige Hundertstel Prozent Aufschlag verglichen mit dem finanziell soliden Deutschland. Der Reformdruck schwand und Italien konnte seine hohe Verschuldung leicht tragen.

Wende nach der Lehmann-Pleite

Doch dann folgte auf die Lehmann-Pleite im Jahr 2008 die grosse Finanzkrise. Die Investoren nahmen zunächst kleinere Länder wie Griechenland, Irland und Portugal unter die Risiko-Lupe. Italien wurde noch geschont, weil die Staatsschulden reicher Länder als risikofrei galten. Der Wendepunkt kam, als die Führer der Europäischen Union entschieden, dass die Gläubiger Griechenlands nicht mehr 100 Cent für einen Euro zurückerhalten würden.

Jakob Kierkegaard vom Institut für Internationale Wirtschaft in Washington beschreibt die Folgen: «Investoren schauten hin und dachten, wenn man Haircuts mit griechischen Staatsanleihen veranstalten kann, kann man das vielleicht auch mit italienischen, und vielleicht sollten wir beginnen ein Kreditrisiko einzurechnen.»

«Italien wurde zu lange geschützt»

Italien sei «sehr lange Zeit geschützt worden», sagt Kierkegaard. «Ich halte das für ein sehr tiefes und anhaltendes Markt-Versagen», fügt er hinzu. «Sie haben es geschafft, notwendige Reformen so lange aufzuschieben, bis sie akut wurden. Nun sitzen wir in der Patsche.»

Die Regierung Berlusconi hat eine Reformliste vorgelegt, die sich für Ökonomen liest wie aus dem Bericht der OECD über Italiens Probleme von 2011 abgeschrieben. Dieser Report weist darauf hin, dass die meisten Themen dieselben sind wie in seiner Ausgabe von 2009.

(dapd)

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