«Das sind keine News!» - oder doch?
Aktualisiert

«Das sind keine News!» - oder doch?

Mit diesem Zitat weigerte sich eine Sprecherin, eine Hilton-Meldung zu verlesen. Hehre Absichten einer integren Newsfachfrau? Oder diktiert der Unmut des Publikums diesen Kurswechsel?

Die Einschaltquoten sprechen eine deutliche Sprache: Wir interessieren uns für Paris Hiltons Interview mit Larry King; wir interessieren uns nicht für den Krieg im Irak und den Genozid in Darfur. Ergo berichten weltweit Journalisten über Paris Hilton – von der Zellenausstattung bis zum Essensplan. Gleichzeitig gibt es Tote im Irak, Terror in Darfur, Taliban in Afghanistan. Leser und User sind genervt – und lesen und klicken trotzdem fleissig weiter.

Es ist ein Phänomen - die tagtäglichen Paris-News polarisieren. Auch auf 20minuten.ch: Einerseits laufen ihre Geschichten gut. Im TalkBack zum Justizskandal gaben hitverdächtige 564 User ihren Kommentar zum Thema ab. Andererseits zeigten sich viele genervt: Man habe die Hilton satt - Paris interessiere sie nicht. Das Paradoxon: Genervt oder nicht – auch diese User lesen die Artikel und machen sich sogar die Mühe, einen TalkBack-Beitrag zu verfassen.

Wer ist Schuld?

Wenn der Fernsehzuschauer wegschalten würde, wenn die Blondine über den Bildschirm flimmert, würden die Sender auch nicht mehr berichten. Ein gutes Beispiel liefert sicher US-Talkshow-Ass Bill O'Reilly. Im Dezember eröffnete er seinem Publikum konsterniert, das er seine schlechteste Einschaltquote kurz zuvor bei einer Diskussion über den Irak hatte. Beim nächsten Thema Britney Spears blieben dagegen deutlich mehr Zuschauer dabei.

Täglich ist der Leser mit Hilton-Storys konfrontiert - allerdings ist er auch mit Schreckensmeldungen aus dem Irak oder Darfur. Er weiss aber besser über Hiltons Essensplan bescheid als über die Gründe für den Genozid in Darfur. Kein Unterhaltungsredaktor ist Paris-Hilton-Fan – zumindest nicht in dieser Redaktion. Trotzdem gehört das Thema auf die (Entertainment-) News-Agenda. Eher wenige User scheinen Paris-Hilton-Fans zu sein. Der genervte Computernutzer schreibt dennoch im TalkBack, wie doof er das alles findet.

Vielleicht wird dieser Teufelskreislauf jetzt durchbrochen. Die ersten Redaktionen boykottieren Hilton (20minuten.ch berichtete). Mit den Worten «Das sind keine News» weigerte sich eine Nachrichtensprecherin, einen Paris-Beitrag vorzulesen. Auch die Zeitschrift «US-Weekly» hat die Nase voll von diesem Thema. Kommt es zum langersehnten Backlash? «Diese Enthaltsamkeit ist geheuchelt, eine scheinheilige Taktik», findet Vinzenz Wyss, Journalismus-Professor an der Zürcher Hochschule Winterthur im Interview mit «20 Minuten». Das Publikum sei gesättigt mit News über Paris, «darum nehmen Medien nun eine Anti-Haltung ein». Und generieren damit weitere Hilton-News.

(phi/obi)

Deine Meinung