Aktualisiert 31.10.2011 19:35

Sie entdeckten Gaddafi Das sind Libyens junge Helden

Vier blutjunge Rebellen waren die ersten, die den am Kopf blutenden Gaddafi in einem Abwasserrohr entdeckt hatten. Jetzt schildern sie, wie sie den historischen Tag erlebt haben.

von
Manuel Jakob

Er ist erst 21 Jahre jung. Ein ganz normaler junger Mann aus Libyen. Doch jetzt schaut die ganze Welt auf Ahmed Ghazal. Ghazal ist einer der vier Rebellen, die am 20. Oktober den ehemaligen libyschen Machthaber Muammar Gaddafi schnappen konnten. Zusammen mit Omram Yuma Shaban, Nabil Darwish und Salem Bakir befand sich Ghazal in der Nähe des Konvois, der bei Sirte von NATO-Flugzeugen angegriffen worden war – ohne zu wissen, dass es sich um den fliehenden Gaddafi und seine Familie handelte. Keiner der vier Libyer ist über dreissig Jahre alt.

«Wie kann es sein, dass der Könige der Könige hier wie eine Ratte liegt?», habe Ahmed Ghazal gedacht, als er Gaddafi in einer Röhre erblickte. Das erzählte der 21-Jährige der spanischen Zeitung «El País». «Ich habe dieses Bild jeden Abend vor Augen, wenn ich mich schlafen lege.»

Salem Bakir war der erste, der Gaddafi entdeckte. Bakir hatte sich nach eigener Aussage den Rebellen angeschlossen, weil die Soldaten Gaddafis sich in Misrata schmutzigster Methoden bedient haben, weil im Frühling «in meiner Nachbarschaft jeder Mann, der sein Haus verlassen wollte, verhaftet, jedes Kind getötet und jede Frau vergewaltigt wurde». «Er war nur zwei Meter von mir entfernt, als ich ihn sah. Ich war wie gelähmt. Aber sobald ich den Koran, den ich immer auf mir trage, berührt hatte, hatte ich plötzlich die Kraft um zu schreien: ‹Gaddafi ist hier! Gaddafi ist hier!›»

Makabres Schauspiel

Nur Minuten später erreichte das makabre Schauspiel seinen Höhepunkt. Unter «Alla Akbar»-Rufen (Gott ist gross) schlugen und traten viele der Rebellen auf den ehemaligen Despoten ein, den Mann, der sie lange Jahre gepeinigt hatte. Verwirrt und blutend habe Gaddafi im entstandenen Tumult, inmitten von Freudenschreien und -schüssen, um Gnade gefleht und ständig die Frage gestellt: «Was geschieht mit mir? Was geschieht mit mir?»

Begonnen hatte alles am frühen Morgen. Gaddafi und seine Gefolgschaft hatte sich dazu durchgerungen, die Stadt zu verlassen, weil keine Nahrungsmittel mehr aufzutreiben waren. Omram Yuma Shaban erzählte der spanischen Zeitung, wie sie darüber in Kenntnis gesetzt worden waren, dass ein Konvoi die Stadt zu verlassen versuche. «Es sollte sich ein Konvoi von 50 Fahrzeugen aus dem Bezirk 2 der belagerten Stadt in Bewegung setzen», sagte er. «Und wir wussten, dass Mutassim [einer der Söhne Gaddafis, Anm. d. Red.] in der Stadt war. Viele Leute bezeugten uns das, weil sie ihn gesehen hatten. Gleichzeitig sind wir auch davon ausgegangen, dass die NATO den Konvoi attackieren werde.»

Nach 42 Jahren an der Macht plötzlich allein

Viele von Gaddafis Mitstreitern wurden bei dem Angriff getötet. Gaddafi selber ist durch die Explosion am Kopf verletzt worden, konnte sich zwar noch aufrecht halten, aber nicht mehr laufen, geschweige denn rennen, wie Mansour Daw, der ehemalige rechte Arm Gaddafis und einer der wenigen Überlebenden der Expedition, gegenüber «Paris Match» schilderte. «Ich habe ihn an der Schulter gepackt und in Richtung von ein paar Bäumen geschleift, als plötzlich einige der Rebellen auf uns zu schiessen begannen. Deshalb habe ich Gaddafi in den Tunnel gebracht, der uns Schutz bieten sollte.» Diese Abwasserrohre sind es, die kurz darauf Berühmtheit erlangt haben. Weil das Rohr zu eng für sie beide war, habe Mansour Daw rechtsum kehrt gemacht und den Ex-Diktator allein gelassen. Nach 42 Jahren absolutistischer Macht war Gaddafi nun auf sich allein gestellt.

Im nächsten Moment entdeckte ihn Bakir. Dann stürzten sich die vier auf den Mann, nahmen ihm Stiefel und Mütze ab. Und zwei Pistolen. Diese Trophäen zeigten die vier jungen Männer beim Interview dem Reporter von El País. Eine der Pistolen war aus Gold.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.