Extremismus: «Das sind Opfer, die sich zu Monstern entwickeln»
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Extremismus«Das sind Opfer, die sich zu Monstern entwickeln»

Wieder stammen zwei junge, radikalisierte Männer (18 und 24) aus Winterthur: Weshalb dieser Ort regelmässig IS-Anhänger hervorbringt und wie eine Radikalisierung abläuft, erklärt Extremismus-Experte Samuel Althof im Interview.

von
Lea Blum
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«In Winterthur hat sich etwas zusammengebraut»: Samuel Althof, Leiter der Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention.

«In Winterthur hat sich etwas zusammengebraut»: Samuel Althof, Leiter der Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention.

nicole pont
Der Verhaftete (24, links) mit einem Winterthurer Freund aus der Jugendgruppe der inzwischen geschlossenen An’Nur-Moschee.

Der Verhaftete (24, links) mit einem Winterthurer Freund aus der Jugendgruppe der inzwischen geschlossenen An’Nur-Moschee.

Foto: zVg
In Wien kam es am Montagabend zu einer Schiesserei, die mehrere Todesopfer forderte.

In Wien kam es am Montagabend zu einer Schiesserei, die mehrere Todesopfer forderte.

Reuters

Darum gehts

  • Nach dem Attentat in Wien hat die Polizei in Winterthur einen 18-jährigen und einen 24-jährigen Schweizer festgenommen.

  • Die Verbindungen des Attentäters in Wien zu den beiden Schweizern ist für den Extremismus-Experten Samuel Althof keine Überraschung.

  • Der Spezialist erklärt, wie Radikalisierung oder nicht funktionierende Deradikalisierung vonstattengeht.

Eine Spezialeinheit der Polizei hat am Dienstagnachmittag in Winterthur im Zusammenhang mit dem Attentat in Wien zwei junge Schweizer (18 und 24) verhaftet. Es ist nicht die erste Radikalisierung in Winterthur: Immer wieder haben sich Jugendliche und junge Erwachsene von Winterthur aus dem IS angeschlossen. Extremismus-Experte Samuel Althof leitet eine unabhängige Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention und erklärt das Phänomen.

Der jihadistische Attentäter von Wien hatte mit der Terrormiliz Islamischer Staat sympathisiert – und zudem Verbindungen zu zwei jungen Schweizern aus Winterthur. Was sagen Sie dazu?

Dieser Zusammenhang hat mich ehrlich gesagt nicht erstaunt. Extremisten suchen sich gegenseitig und werben sich an. Diese Vernetzungen sind heute durch das Internet so global, dass es keine Grenzen mehr gibt. Zudem radikalisieren sich Menschen nie ganz allein – da gehört immer ein Beziehungsnetzwerk dazu.

Winterthur scheint häufig Ort der Radikalisierung von extremistisch motivierten Personen zu sein. Woran liegt das?

In Winterthur hat sich etwas zusammengebraut. Es ist bekannt, dass sich dort im Umfeld der An-Nur-Moschee eine jugendliche Peer Group gebildet hat. Das Problem ist, dass man das zu spät erkannt hat. Normalerweise gibt es keinen starken Zusammenhalt zwischen den Einzelnen. Das ist für eine Moschee aussergewöhnlich. Das Sozialleben ist in einer Moschee sehr anders. Vergleicht man diese zum Beispiel mit einer kirchlichen Institution, die solche Jugendgruppen direkt anbietet. In Winterthur aber kamen sie zusammen um zu plaudern oder Fussball zu spielen. Dann inszenierte sich der psychisch instabilste, der eigentlich Schwächste der Gruppe, gestärkt durch die Ideologie des IS als der Stärkste in der Gruppe und reiste als Kämpfer nach Syrien. Von dort aus sagte er den anderen, sie sollten auch ins Kalifat kommen. Ein Zweiter folgt ihm und es entstand ein Domino Effekt, den man hätte voraussehen können.

Wie kann man einen solchen Effekt verhindern?

Man kann anhand der Informationen, die man über diese Netzwerke hat, nicht jeden Einzelnen nachverfolgen. Man muss von der Vorstellung wegkommen, dass man Terrorismus als Ganzes lösen kann. Wir müssen uns vorsehen nicht eigenen Erlösungsphantasien zu erliegen. Radikalisierte Menschen muss man erst lernen, zu verstehen. Wie und warum konnte sich Radikalisierung durchsetzen? Um das herauszufinden, muss man eine aufwändige und lang anhaltende vertrauensvolle Beziehung zum Menschen aufbauen. Ist bei einem Betroffenen sein Gedankengebäude, seine Ideologie – in sich abgeschlossen, wird es sehr schwer werden ihn dennoch zu erreichen. Da kommen auch Deradikalisierungs- Programme an ihre Grenzen.

Wie baut man eine «vertrauensvolle Beziehung» auf zu jemandem, der extremistisch motiviert ist?

Die Basis um radikalisiert zu werden ist die Dominanz-Orientierung. Stellen Sie sich vor, ein Mensch erlebt schon als Kind eine patriarchalische Struktur. Das Kind lernt beispielsweise, dass der Vater immer Recht hat. Dass Gewalt, auch in psychischer Form, alltäglich ist. Das Kind kann diese Werte verinnerlichen und wird diese selbst anwenden. Und genau das ist die Perversion an dieser Geschichte. In seiner subjektiven Perspektive glaubt es, das Richtige zu tun. Das sind meist die biografischen Grundbedingungen für eine Gewalttat.

Aber Gewaltbereitschaft macht noch keine Radikalisierungwie werden diese Kinder dann zu Extremisten?

Das geschieht auf ganz verschiedene Arten an verschiedenen Orten. Ein Beispiel ist das Gefängnis. Man trifft auf andere Gefangene, findet Freunde, extreme Ideologien. Viele Menschen werden im Gefängnis religiös. Leider sind das häufig Menschen, die Gewalt und Religion verbinden. Wenn dazu noch kommt, dass sie aus kriegsführenden Ländern kommen, Folter und Gewalt erlebt haben, dann ist das ein perfekter Nährboden für eine Radikalisierung. Das sind eigentlich Opfer, die sich zu Monstern entwickeln.

Woran erkennt man, dass sich eine Person radikalisiert?

Wenn sich jemand stark zurückzieht und sich von anderen abgrenzt, im Gefängnis beispielsweise keinen Kontakt zu anderen Gefangenen hat, sich den Bart wachsen lässt und kaum mit sich über andere Ansichten reden lässt. Dazu gibt es kaum Fälle von Radikalisierten ohne schwere primäre Störungen der Herkunftsfamilie. Es gibt zudem ein computerbasiertes Diagnosetool. Helfen würde dann, wenn man sich genug Zeit nimmt, um mit den Betroffenen eine Beziehung aufzubauen. Um zu verstehen.

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