21.11.2017 10:26

Schweizer StrassenverkehrDas Smartphone wird zum Unfallrisiko Nr. 1

Während weniger Tote auf das Konto von Rasern und Betrunkenen gehen, gibt es mehr Unfälle, weil Lenker auf ihr Handy schauen.

von
Simon Ulrich
In einer 20-Minuten-Umfrage gaben 10% der Teilnehmer an, beim Autofahren Nachrichten zu schreiben.

In einer 20-Minuten-Umfrage gaben 10% der Teilnehmer an, beim Autofahren Nachrichten zu schreiben.

Keystone/Monika Skolimowska

Letzte Woche machte 20 Minuten den Fall eines Postauto-Chauffeurs publik, der während der Dienstfahrt mit seinem Smartphone hantierte. In einer nicht repräsentativen Umfrage wurden die Leser gebeten, ihre eigenen Handy-Sünden beim Autofahren zu reflektieren.

Die gute Nachricht: Für mehr als die Hälfte der rund 8800 Teilnehmer (56 Prozent) ist das Smartphone am Steuer tabu. Aber: Jeder Zehnte schreibt beim Fahren Textnachrichten und surft im Internet. Immerhin 7 Prozent gaben an, das Gerät ausschliesslich für Telefonate zu benutzen. 16 Prozent greifen zwar zum Handy, allerdings «nur in ganz dringenden Fällen». Zusammengefasst lässt sich sagen: Ein Drittel der Teilnehmer hat beim Autofahren bereits sein Smartphone benutzt.

Andere Umfragen bestätigen oder übersteigen diese Zahlen. 2015 gaben im Rahmen des Esra-Projekts (European Survey of Road users' safety Attitudes) 29 Prozent der befragten Schweizer an, schon mindestens einmal Textnachrichten beim Fahren verfasst zu haben. 35 Prozent hatten schon mindestens einmal mit dem Handy telefoniert.

Intelligentere Fahrzeuge begünstigen Ablenkung

Die Handy-Sünden schlagen sich auch in der Unfallstatistik des Bundesamts für Strassen (Astra) nieder: In der ersten Jahreshälfte 2017 gab es im Schweizer Strassenverkehr mehr Schwerverletzte wegen Unaufmerksamkeit und Ablenkung (249) als wegen Alkohol (124) und Geschwindigkeit (237). Auch die Anzahl der Ausweisentzüge wegen Ablenkung ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 7,3 Prozent gestiegen.

«Der Anteil der Unfälle wegen Ablenkung nimmt seit Jahren zu», sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Die Entwicklung gehe einher mit dem technischen Fortschritt. «Weil die Autos immer einfacher zu bedienen sind, haben wir mehr Kapazitäten für anderes und folglich mehr Ablenkungsmöglichkeiten.» Darunter falle aber nicht nur das Smartphone. Essen, Kaffeetrinken oder Rasieren während der Fahrt seien nicht minder gefährlich. Rohrbach warnt: «Im immer dichter werdenden Strassenverkehr mag es solche ablenkenden Tätigkeiten erst recht nicht leiden.»

Hohe Dunkelziffer

Schlüsselt man die Kategorie Unaufmerksamkeit und Ablenkung in seine Untergattungen auf, so zeigt sich, dass die Anzahl Unfälle, die sich wegen Bedienung eines Telefons ereigneten, zwischen 2011 und 2016 von 113 auf 144 gestiegen ist. Die Zunahme erfolgte vor allem bei Unfällen mit Sachschaden oder Leichtverletzten. Grundlage dieser Auswertung sind die Unfall-Aufnahmeprotokolle der Polizeien.

Diese Zahlen seien allerdings mit Vorsicht zu geniessen, mahnt Nicolas Kessler, Mediensprecher bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu). «Oft wird bei Unfällen, die wegen Unaufmerksamkeit und Ablenkung passieren, keine spezifische Ablenkungsquelle wie zum Beispiel ein Smartphone protokolliert.» Gerade Mobiltelefone würden nach Möglichkeit der Polizei verschwiegen. «Die Leute wissen, dass die Handynutzung nicht erlaubt ist und geben deshalb lieber einen anderen Unfallhergang an», erklärt Kessler. Folglich sei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

Handyverbot im Auto kein Thema

Um diese zu verringern, würden bei der Ermittlung von Ursachen die verschiedensten Anhaltspunkte und Fakten mit einbezogen, sagt Christoph Gnägi, Mediensprecher der Kantonspolizei Bern. «Dazu gehört unter Umständen auch die Überprüfung von elektronischen Geräten auf deren Verwendung.» Solche Auswertungen erfolgten jedoch nur auf Verfügung der verfahrensführenden Staatsanwaltschaft, fügt Andreas Mock, Sprecher der Kapo Solothurn, an. «Die Massnahmen müssen verhältnismässig sein.»

Trotz anteilsmässiger Zunahme von Unfällen durch Ablenkung: Ein totales Handyverbot im Auto, wie es etwa in Portugal gilt, sei in der Schweiz undenkbar, sagt Astra-Sprecher Rohrbach. «Das ist politisch schlichtweg nicht durchsetzbar.» Man müsse den Menschen zutrauen, einen vernünftigen Umgang mit dem Gerät zu finden. Kessler stimmt zu und fügt an: «Das Handy bleibt trotz Unfällen, die es provoziert, ein wichtiges Alarmierungsmittel. Auch dadurch war es möglich, Leben zu retten.»

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