Korrigierte Reproduktionszahlen: Das solltest du im Streit um den R-Wert wissen
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Korrigierte ReproduktionszahlenDas solltest du im Streit um den R-Wert wissen

Als der Bundesrat härtere Massnahmen gegen das Coronavirus beschloss, lag der R-Wert bereits tiefer als geschätzt. Die wichtigsten Antworten zur Verwirrung um den R-Wert.

von
Bettina Zanni
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Für den 4. Dezember schätzte die ETH den R-Wert auf 1,13, was einem exponentiellen Wachstum entspricht. Danach wurde er nach unten korrigiert.

Für den 4. Dezember schätzte die ETH den R-Wert auf 1,13, was einem exponentiellen Wachstum entspricht. Danach wurde er nach unten korrigiert.

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Hat der Bundesrat angesichts der nach unten korrigierten R-Werte am 11. und 18. Dezember zu scharfe Massnahmen beschlossen?

Hat der Bundesrat angesichts der nach unten korrigierten R-Werte am 11. und 18. Dezember zu scharfe Massnahmen beschlossen?

Esther Michel
Die allermeisten Kantone weisen laut Tanja Stadler, ETH-Professorin und Mitglied der Covid-19-Taskforce, zurzeit einen höheren R-Wert als 0,8 auf. 

Die allermeisten Kantone weisen laut Tanja Stadler, ETH-Professorin und Mitglied der Covid-19-Taskforce, zurzeit einen höheren R-Wert als 0,8 auf.

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Darum gehts

  • Mehrmals wurde der R-Wert vom 4. Dezember nach unten korrigiert.

  • Der R-Wert müsse dann stark korrigiert werden, wenn sich die Reproduktionszahl gerade stark ändere, sagte Martin Ackermann, Präsident der Covid-19-Taskforce.

  • Die aktuell tiefe Reproduktionszahl verheisst noch keine Besserung.

  • Die Schätzung des R-Werts gibt laut ETH-Professorin Tanja Stadler immer nur einen Trend an.

Die Reproduktionszahl, auch als R-Wert bekannt, hat am Dienstag für grosse Verwirrung gesorgt. Wütende Gastronomen und Fitnessbetreiber verlangten bereits die Wiederöffnung ihrer Betriebe. Bekannt wurde, dass sich der Bundesrat bei seinen Entscheiden für die neuen Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus auf eine zu hohe Reproduktionszahl abgestützt hatte.

Für den 4. Dezember schätzte die ETH den R-Wert auf 1,13, was einem exponentiellen Wachstum entspricht. Eine Woche später korrigierte sie diesen auf 1,05 herunter – und am 28. Dezember lag die Berechnung des R-Werts für den 4. Dezember auf exakt 1. Die wichtigsten Antworten zum R-Wert-Chaos:

Hat der Bundesrat angesichts der nach unten korrigierten R-Werte am 11. und 18. Dezember zu scharfe Massnahmen beschlossen?

Die allermeisten Kantone weisen laut Tanja Stadler, ETH-Professorin und Mitglied der Covid-19-Taskforce, zurzeit einen höheren R-Wert als 0,8 auf. Die Taskforce habe hingegen wiederholt darauf hingewiesen, dass bei den momentan enorm hohen Fallzahlen eine Halbierung alle zwei Wochen sinnvoll wäre. «Was einem R-Wert von 0,8 entspricht.» Zudem hält sie fest: «Der R-Wert ist eine statistische Schätzung, die immer im Gesamtkontext verwendet werden soll, und keine Grundlage für automatische Entscheidungen.»

Aktuell liegt die Reproduktionszahl laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) bei 0,86. Ist die Halbierung der Fallzahlen also in Sichtweite?

Patrick Mathys, Leiter der Sektion für Krisenbewältigung im BAG, stellte am Dienstag klar, dass diese Reproduktionszahl mit Vorsicht zu geniessen sei. Auch Tanja Stadler sagt: «Die Aussagekraft des aktuell geschätzten R-Werts ist aufgrund der Festtage, der wenigen Tests und der unsicheren Datenlage beschränkt.» Die Experten seien überzeugt, dass der aktuelle R-Wert nicht das reale Infektionsgeschehen wiedergebe und die tatsächliche momentane Reproduktionszahl höher liege.

Warum wurde der R-Wert vom 4. Dezember so oft nach unten korrigiert?

Der R-Wert müsse dann stark korrigiert werden, wenn sich die Reproduktionszahl gerade stark ändere, sagte Martin Ackermann, Präsident der Covid-19-Taskforce, an der Medienkonferenz vom Dienstag. Dies sei in den betreffenden Tagen der Fall gewesen. Die Schätzung des R-Werts gibt laut Tanja Stadler immer nur einen Trend an, wie sich die Infektionszahlen vor circa zwei Wochen entwickelt haben. Die Taskforce fokussiere deshalb nicht auf tagesaktuelle R-Werte, sondern berücksichtige den 7-Tage-Durchschnitt zusammen mit anderen Indikatoren bei der Lagebeurteilung.

Ist auch künftig möglich, dass der R-Wert erneut nachträglich korrigiert wird?

Wochenendeffekte und Feiertage sorgen laut Stadler in den Daten generell für ein «Rauschen». Damit zufällige Fluktuationen nicht zu stark abgebildet würden, müsse dieses geglättet werden. «Diese Glättung der Zahlen erfolgt kontinuierlich – die Glättungswerte der Zahlen vom heutigen Tag werden in der Zukunft mit weiteren Daten nachkorrigiert.» Dadurch werde auch der geschätzte R-Wert nachkorrigiert.

Ist damit zu rechnen, dass der Bundesrat dadurch unpassende Massnahmen treffen kann?

Die vom Bundesrat als entscheidungsrelevant definierten R-Werte für die Kantone würden nur noch mit einer Verzögerung von 14 bis 17 Tagen gemeldet, sagt Stadler. So würden Nachkorrekturen verkleinert. «Seit dem 4. Dezember mussten die kantonalen Werte meistens um weniger als 5 Prozent angepasst werden, in einzelnen Fällen betrug die Nachkorrektur maximal 10 Prozent.»

Wie genau ist der R-Wert?

Die statistischen Schätzungen des R-Werts zielten darauf ab, den «wahren» R-Wert möglichst genau wiederzugeben, sagt Stadler. Doch die Schätzungen könnten vom «wahren» R-Wert abweichen.

Wann weicht der R-Wert vor allem ab?

Die Abweichungen treten laut Stadler insbesondere auf in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik, bei niedrigen Fallzahlen und bei Problemen in den zugrunde liegenden Daten. Da all diese Schätzungen verzerrt oder mit gewissen Unschärfen behaftet sein könnten, würden deshalb R-Werte basierend auf verschiedenen Daten wie Anzahl bestätigter Fälle, Positivität, Hospitalisierungen und Todesfälle geschätzt. «Die verschiedenen R-Werte werden zusammen mit weiteren Indikatoren zur Lagebeurteilung herbeigezogen.»

R-Wert

Die Reproduktionszahl oder der R-Wert gibt an, wie viele Personen eine infizierte Person im Schnitt ansteckt. Liegt die Zahl unter 1, nimmt die Gesamtheit aller angesteckten Personen ab. Liegt die Zahl über 1, nimmt die Summe aller angesteckten Personen zu. Laut der ETH erfolgt die Berechnung der Zahl täglich auf Basis umfangreicher Zahlen zu den Testergebnissen und weiterer Daten aus dem nationalen und internationalen Umfeld.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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