Aktualisiert 15.12.2010 08:11

Aufstieg einer NationDas spanische Sportwunder

Spaniens Sportler dominieren in Europa, ja auf der Welt. Woran liegt das? Am Training? An der Ernährung? Am Klima? – Oder ist die Antwort Doping?

von
Reto Fehr
Marta Dominguez: Die 3000m-Steeple-Vize-Europameisterin steht im Zentrum der «Operacion Galpo».

Marta Dominguez: Die 3000m-Steeple-Vize-Europameisterin steht im Zentrum der «Operacion Galpo».

In der Weihnachtszeit geschehen fast seit Menschengedenken Wunder. So kommt der Samichlaus aus dem tiefen Wald mit Leckereien und das Christkind bringt uns Geschenke. Während die Kinder noch fest an diese Geschichten glauben, ist dies bei Erwachsenen so eine Sache. Je älter man wird, desto weniger glaubt man an Wunder.

In diesen Tagen erhält die nächste dieser fast unglaublichen Geschichte ihre Kratzer: Das spanische Sportwunder der letzten Jahre. Bei der «Operacion Galpo» (Windhund) werden Dopingvorwürfe unter anderem gegen das spanische Leichtathletik-Schätzchen Marta Dominguez, welche aktuelle 3000m-Steeple-Welt- und Vize-Europameisterin ist. «Dopingarzt» Eufemiano Fuentes soll in diesem Zusammenhang gar erklärt haben: «Wenn ich rede, hätten wir weder den EM- noch den WM-Titel im Fussball.» Fuentes ist seit 2005 eine dubiose Person. Er war Hauptperson bei der «Operacion Puerto», welche im selben Jahr den Radsport erschütterte. Schon damals gabs Gerüchte, dass neben den Herren auf zwei Rädern auch andere (vor allem spanische) Sportler zu Fuentes' Kunden gehörten.

«Die Regierung muss erkennen, dass es ein Doping-Problem in Spanien gibt»

Das alles wirft einen nächsten Schatten auf die grossartigen Erfolge der Sportnation Spanien. Schon im Oktober nach den Enthüllungen um Alberto Contador erklärte UCI-Chef Pat Mc Quaid: «Vielleicht 50 Prozent unserer Dopingfälle kommen aus Spanien. Die Regierung muss erkennen, dass es ein Doping-Problem in Spanien gibt. Ich weiss nicht, ob sie das schon realisiert hat. (...) Bis jetzt scheint es, dass der Kampf gegen Doping dort nicht ernst genommen wird.»

Sicher ist: Die Fussballer sind Welt- und Europameister, Rafael Nadal jagt Federers Grand-Slam-Rekord, im Basketball erreichten die Iberer bei der WM seit 1999 in sechs Austragungen viermal das Endspiel, in der Handball-Champions-League führt seit 20 Jahren kaum ein Weg an den spanischen Teams vorbei und im Radsport haben die Südeuropäer nicht nur die letzten fünf Austragungen der Tour de France gewonnen, sondern dominieren den Sport mit einer Armada von Fahrern.

Wie kommt es dazu? Ist es das sonnige Klima auf der Halbinsel? Die ausgekügelten Trainingsmethoden? Der unglaubliche Fleiss? Die optimale Organisation der Sportverbände? Die richtige Ernährung? Oder haben die Spanier das Sieger-Gen einfach mit in die Wiege bekommen? Eine dieser Erklärungen benutzen Sportler, Trainer und Vereinsbosse jedes Mal, wenn sie darauf angesprochen werden. Eine weitere Möglichkeit verschweigen sie: gezieltes Doping.

Alles begann mit den Olympischen Spielen 1992

2005 versuchte die «Operacion Puerto» dem Vorwurf auf den Grund zu gehen, wurde allerdings von obersten Mächten in Spanien gestoppt. Vielleicht tritt die «Operacion Galpo» eine zweite Enthüllungslawine an. Alejandro Blanco, der Präsident des spanischen Olympischen Komitees, bezeichnete die jüngsten Enthüllungen als «einen schlechten Moment für den spanischen Sport.» Fakt ist auf jeden Fall: Spaniens Sport war nicht immer europaweit, ja gar weltweit führend.

Blanco bezeichnete den Start zum «Spanischen Sportwunder» einst mit dem Zuschlag für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona. Das war im Jahr 1985. Tatsächlich sammelte Spanien an den heimischen Spielen in Barcelona mit 13 goldenen Auszeichnungen so viele wie nie zuvor und kletterte im Medaillenspiegel auf Rang 6. Vier Jahre zuvor in Seoul reichte es mit insgesamt vier Medaillen gerade mal für Platz 25, 1984 in Los Angeles mit einmal Gold und fünf Podiumsplätzen für Rang 20. Seit 1992 kehrten Spaniens Sportler nie mehr mit weniger als elf Medaillen von Olympischen Sommerspielen zurück. Auffallend ist auch bei Europameisterschaften der Leichtathletik, dass die Iberer sich nach 1992 bei fünf Austragungen viermal in den Top 6 des Medaillenspiegels einreihten, zuvor bei 15 Titelkämpfen seit 1934 nur einmal (1982). Ein ähnliches Bild zeigt die Siegerliste der Tour de France, der wichtigsten Radrundfahrt der Welt. Seit 2006 haben ausschliesslich Spanier gewonnen und zehn der total 13 Gesamtsiege von Fahrern südlich der Pyrenäen datieren seit 1992. Radsport – das Lieblingstummelfeld der Dopingbetrüger – ist sowieso fest in spanischer Hand. Seit 2006 dominiert Spanien die Nationenwertung und hat Italien deutlich auf Rang 2 verwiesen.

Auch Mannschaftssportarten erlebten Aufschwung

Eine ähnliche Invasion spanischer Sportler erlebte das Spitzentennis. In den letzten Saisons gehörten am Jahresende jeweils sieben bis zehn Spanier zu den Top 50 im Männertennis. Das war früher anders: 1990 waren es deren vier, 1989 drei, 1988 noch zwei, 1987 und 1986 einer und 1985 gar keiner.

Doch auch in Mannschaftssportarten reiht Spanien Titel an Titel. An der Basketball-WM stand Spanien seit 1999 in vier von sechs EM-Finals, einmal wurden die Iberer Dritte, einmal Vierte. In den 30 Austragungen zuvor gelang der Einzug ins Endspiel gerade zwei Mal. Zudem heisst der aktuelle Titelträger der Euroleague Barcelona. Noch dramatischer ist der spanische Erfolg im europäischen Handball. Seit 1991 feierte man 13 der 20 vergebenen Champions-League-Titel. Davor schafften die Spanier dies seit 1957 nie. Zu guter letzt steht auch der Fussball unter Beschuss. Titelträger Xavi beteuert zwar: «Wir haben die Titel ohne Doping gewonnen.» Wir glauben ihm das. Genauso wie wir den Spaniern in anderen Sportarten glauben, wenn sie sagen die Erfolge seien der Lohn von viel Schweiss, Training, Organisation, Wille und Ernährung. Und wir hoffen für sie und den Sport, dass die entscheidende Zutat für das Sportwunder nicht doch Doping ist.

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