Fehlendes Selbstvertrauen: Das Spiel der verpassten Chance
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Fehlendes SelbstvertrauenDas Spiel der verpassten Chance

Roger Federer ist die Wimbledon-Revanche an Jo-Wilfried Tsonga missglückt. Doch nicht nur das: Die Weltnummer 3 hat es versäumt, sich und der Konkurrenz ein Zeichen zu setzen.

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Enttäuscht zieht Roger Federer nach der Niederlage gegen Jo-Wilfried Tsonga von dannen. (Bild: Keystone)

Enttäuscht zieht Roger Federer nach der Niederlage gegen Jo-Wilfried Tsonga von dannen. (Bild: Keystone)

Nach dem frühen Aus von Rafael Nadal und Andy Murray hätte Roger Federer in Montreal die Gelegenheit gehabt, nach einer durchzogenen ersten Saisonhälfte ein Lebenszeichen von sich zu geben. Mit dem ersten Turniersieg seit Januar 2011 hätte er der Konkurrenz und seinen Fans zeigen können, dass er noch da ist. Doch der Schweizer schied beim «Roger's Cup» bereits im Achtelfinal aus. Gerade gegen Tsonga, gegen den er im Wimbledon-Viertelfinal nach einer 2:0-Satzführung noch ausschied, wäre ein geglückte Revanche enorm wichtig gewesen. Nun muss Federer wieder einmal unangenehme Fragen beantworten.

Um es gleich klarzustellen: Gegen Jo-Wilfried Tsonga in Höchstform zu verlieren, ist keine Schande. Federer spielte solid, hatte in den entscheidenden Phasen aber stets das Nachsehen. Der Franzose zeigte im siebten Duell mit dem Baselbieter eine hervorragende Leistung und setzte sich verdient durch. Mit dem Aufschlag und der wuchtigen Vorhand dominierte er die Ballwechsel und auch mit der sonst eher unbeständigen zweihändigen Rückhand vermochte der «Tennis-Ali» zu überzeugen. Ausserdem hielt er die Fehlerquote tief und gestand Federer so nur wenige Chancen zu.

Das fehlende Selbstvertrauen

Und genau da liegt der Hund bei Federer begraben. Wie schon so oft in diesem Jahr konnte er auch in Montreal gegen Tsonga seine Chancen nicht nutzen. Im Startsatz liess der Schweizer drei Breakmöglichkeiten aus und gab das Tiebreak mit erstaunlich wenig Gegenwehr ab. Das erste Break gleich zu Beginn des dritten Satzes hatte er sich mit einem Doppelfehler und drei Vorhandfehlern selbst zuzuschreiben. Danach war die Gegenwehr gebrochen, Tsonga brachte die Partie mit 7:6, 4:6 und 6:1 locker nach Hause.

Unüberwindbarer Federer gewinnt Ballwechsel

Federer wartete nach der zehnten Niederlage des Jahres mit den gewohnten Erklärungen auf: Der Gegner habe sehr gut gespielt. Es sei noch früh im Turnier und der Anfang der Hartplatz-Saison. Es fehle die Matchpraxis. Er habe nicht erwarten können, sein bestes Tennis zu zeigen. Während sein Gegner vor Selbstvertrauen nur so strotzte, war bei Federer davon nichts zu sehen. Im Gegensatz zu seinen besten Tagen scheint der 30-Jährige bei den Big Points auf den Fehler des Gegners zu warten, anstatt selbst die Initiative zu übernehmen. Auf ein Aufbäumen warteten die Fans nicht nur gegen Tsonga in Montreal, sondern auch davor gegen den Franzosen in Wimbledon, gegen Nadal in Paris oder gegen Melzer in Monte Carlo vergebens.

In Topform noch immer Spitzenklasse

In Topform gehört Federer nach wie vor zur aboluten Spitze auf der Tour. Beim Triumph gegen Novak Djokovic im Halbfinal des French Open hat er dies eindrücklich unter Beweis gestellt. Doch was Federer fehlt, sind mehrere solche Spiele hintereinander. So könnte er sein altes Selbstvertrauen wiederfinden. Wie beispielsweise zum Ende der letzten Saison, als er im «goldenen Herbst» hintereinander die Turniere von Stockholm und Basel sowie die World Tour Finals in London in beeindruckender Manier gewann. Der Schweizer konnte seine Topform schliesslich ins nächste Jahr mitnehmen und siegte im Januar auch in Doha. Mit der Halbfinal-Niederlage gegen Novak Djokovic beim Australian Open und zwei weiteren Pleite gegen den Serben kam dann der Bruch. Mit jeder Niederlage tauchten mehr und mehr Fragen auf, die am Selbstvertrauen nagten.

Nach dem frühen Aus in Montreal trainiert Federer nun noch einige Tage in der kanadischen Metropole, bevor er in Cincinnati seinen Titel aus dem Vorjahr verteidigen muss. Eine Siegesserie vor dem US Open, das Anfang September auf dem Programm steht, wäre nicht nur für das fehlende Selbstvertrauen, sondern auch für die Weltrangliste enorm wichtig. In Montreal hat Federer als Vorjahresfinalist 510 Punkte eingebüsst. Wenn er Djokovic und Nadal nicht aus den Augen verlieren und selbst wieder zum Nummer-1-Kandidat aufsteigen will, braucht es eine deutliche Formsteigerung.

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