Leser-Debatte: «Das SRF lässt die eigenen Leute im Stich»
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Leser-Debatte«Das SRF lässt die eigenen Leute im Stich»

«Jeder Rappen zählt» sollte nicht für Familien auf der Flucht, sondern für arme Schweizer sammeln. Dieser Meinung sind viele 20-Minuten-Leser. Das SRF verteidigt sich.

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«Jeder Rappen nervt», finden viele Schweizer. Manche drohen auf sozialen Medien gar damit, SRF3 während der Sammelaktion zu boykottieren.

«Jeder Rappen nervt», finden viele Schweizer. Manche drohen auf sozialen Medien gar damit, SRF3 während der Sammelaktion zu boykottieren.

Keystone/urs Flueeler
Auch PR-Experte Klaus J. Stöhlker findet, dass es sich bei der Aktion um reine «Spendenfolklore» handle. Es sei der falsche Weg, Geld für Bedürftige zu sammeln.

Auch PR-Experte Klaus J. Stöhlker findet, dass es sich bei der Aktion um reine «Spendenfolklore» handle. Es sei der falsche Weg, Geld für Bedürftige zu sammeln.

Facebook/jrz
Dass der Sammelmarathon die Leute nervt, zeigt sich auch in den Spendenbeträgen. Seit Beginn 2009 nahm die Spendensumme deutlich ab. 2012 etwa waren es 2 Millionen Franken weniger. 2013 sogar lediglich noch ein Fünftel des Betrags von 2009.

Dass der Sammelmarathon die Leute nervt, zeigt sich auch in den Spendenbeträgen. Seit Beginn 2009 nahm die Spendensumme deutlich ab. 2012 etwa waren es 2 Millionen Franken weniger. 2013 sogar lediglich noch ein Fünftel des Betrags von 2009.

Keystone/urs Flueeler

Die Schweizer regen sich über die SRF-Spendenaktion «Jeder Rappen zählt» auf. Viele kritisieren die Tatsache , dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf diese Art gratis Image-Werbung betreibt, während andere Hilfsorganisationen für ihren Platz im Programm bezahlen müssen. Aber die Mehrheit der 20-Minuten-Leser ärgert sich vor allem über eines: Dass das gesammelte Geld ins Ausland fliesst statt an Bedürftige in der Schweizer Bevölkerung.

Über 650 Leser machen ihrem Ärger in der Kommentar-Spalte Luft. Eine besonders hitzige Diskussion entstand, nachdem jemand unter dem Pseudonym «Nicht alle Schweizer sind reich» folgende Aussage gemacht hatte: «Es ist alle Jahre dasselbe: Die eigenen Leute im Stich lassen und dafür rund um die Welt spenden. Wir haben genügend arme Familien im eigenen Land, die dringend Geld nötig hätten!»

«Wir lassen uns ausbeuten wie Weihnachtsgänse»

«Baba» antwortete darauf: «Wenn du wirklich die ärmeren Menschen in der Schweiz unterstützen wolltest, dann könntest du auch so spenden, ohne Spendenaufrufe.» Auch «Seppetoni» liess das Argument nicht gelten: «Wie viele Schweizer müssen jährlich verhungern?», fragte er. «Wie viele Familien müssen aus der Schweiz flüchten, weil sie verfolgt werden?»

«Gabi» konterte daraufhin vehement: «Wir Schweizer lassen uns immer mehr ausbeuten wie Weihnachtsgänse.» «Arfa» kann diese Äusserungen nicht nachvollziehen: «Langsam frage ich mich, ob die Leute am Leid anderer nicht mehr interessiert sind. Lasst sie doch Spenden sammeln! Seit 2014 sind wir das reichste Land der Welt und da reklamiert man, weil man eine Woche lang Geld sammelt für Menschen, die es mehr nötig haben als wir?»

«Arroganz, Intoleranz und Ignoranz»

Auch «Kääs Müüsli» zeigt sich ob der Schweizer Haltung enttäuscht: «Die Neid-Kultur der Eidgenossen gegenüber benachteiligten Menschen ist rekordverdächtig und nicht mehr zu übertreffen! Was die Kommentatoren hier zum Besten geben, zeugt von Arroganz, Intoleranz und Ignoranz.»

Doch diese Aussagen stossen auf keine Sympathie. «Arfa» bekam für sein Plädoyer 15 Daumen runter und «Kääs Müüsli» sogar 20.

Georg von Schnurbein, Professor am Basler Center for Philanthropy Studies und Experte für Stiftungen und Spenden, zeigt sich erstaunt. Diese Einstellung sei untypisch, sagt er. «Normalerweise spenden die Schweizer viel Geld fürs Ausland.» Seiner Meinung nach liegt der Grund in der Aktion selbst. «Jeder Rappen zählt» sei schon länger in die Kritik geraten, weil es von einem gebührenfinanzierten Sender organisiert werde und auf sehr penetrante Weise Werbung betreibe. «Von einem staatlichen Unternehmen wird erwartet, dass es sich auch für das eigene Land einsetzt.»

«Mehr Aufmerksamkeit als verdient»

Auch das diesjährige Thema «Familien auf der Flucht» spiele in diesem Zusammenhang wohl eine wichtige Rolle, so von Schnurbein. «Menschen geben nicht gerne Geld für das Versagen anderer Menschen aus. Bei Naturkatastrophen wie Hurrikans, Tsunamis oder Erdbeben spenden die meisten viel mehr Geld als bei Bürgerkriegen. Viele sind wohl der Meinung, dass das Land Schuld an der Situation hat und sehen nicht ein, wieso sie diesen Menschen jetzt helfen sollten.»

Von Schnurbein selbst ist der Aktion gegenüber ebenfalls kritisch eingestellt: «Im letzten Jahr wurden bei ‹Jeder Rappen zählt› rund 2 Millionen Franken gesammelt. Dies sei im Vergleich zu den 1,7 Milliarden Franken Spenden, die jährlich in der Schweiz zusammenkämen, nicht viel. «Dieser Event bekommt mehr Aufmerksamkeit, als er verdient.»

50 Millionen Menschen auf der Flucht

Das SRF rechtfertigt sich folgendermassen: «Im Jahr 2011 und 2013 wurde ein Teil der Spenden für die Unterstützung von Menschen in Not in der Schweiz aufgewendet. Die Glückskette als Partner von ‹Jeder Rappen zählt› sammelt zudem laufend für Menschen in Not in der Schweiz, die einen Zustupf brauchen oder durch Unwetter geschädigt wurden.»

Dieses Jahr hätten sich das SRF und die Glückskette für den Spendenzweck «Familien auf der Flucht» entschieden, weil sich im Jahr 2013 laut UNHCR weltweit über 50 Millionen Menschen auf der Flucht befanden – die höchste Zahl seit dem Zweiten Weltkrieg.

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