Aktualisiert 08.06.2020 14:53

17,2 % Alkohol

Das stärkste Bier der Schweiz reift im Kloster

Im Thurgauer Kloster Fischingen wird das stärkste Bier der Schweiz gebraut. Doch den Machern geht es nicht um Alkohol, sondern um Geschmack.

von
Lucien Maurice Esseiva

Darum gehts

  • Im Thurgauer Kloster Fischingen braut Pilgrim das stärkste Bier der Schweiz.
  • Der Rekord ist zufällig entstanden.
  • Das Rekord-Bier ist jahrzehntelang lagerfähig, schäumt kaum und es wird (wie beim Wein) eine Wertsteigerung erwartet.
  • Verglichen mit dem stärksten Bier der Welt (über 57% Alkohol) ist Pilgrim aber fast schon ein Leichtbier.

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Im Klostergarten stossen Bruder Leo, der Herr aller Schlüssel, und Braumeister Martin Wartmann mit einem Glas Bière d’Abbaye Triple Blanche an. 
Im Klostergarten stossen Bruder Leo, der Herr aller Schlüssel, und Braumeister Martin Wartmann mit einem Glas Bière d’Abbaye Triple Blanche an. 
A. Schoellhorn
Martin Wartmann (73) füllt seine Pilgrim-Biere in Champagnerflaschen ab. Der Korken lässt sich darum hervorragend knallen. 
Martin Wartmann (73) füllt seine Pilgrim-Biere in Champagnerflaschen ab. Der Korken lässt sich darum hervorragend knallen. 
Die Klosterbiere werden aus eigenem Quellwasser gebraut, das auch aus dem Brunnen neben der Brauerei plätschert. 
Die Klosterbiere werden aus eigenem Quellwasser gebraut, das auch aus dem Brunnen neben der Brauerei plätschert. 
A. Schoellhorn

Die Bierbraukunst in Klöstern hat eine lange lange Tradition – das zeigt der weltbekannte St. Galler Klosterplan aus dem Jahr 820, in dem das perfekte Kloster skizziert wurde. Dazu gehören natürlich Kirche, Kreuzgang, Schreib- und Schlafsäle, nicht minder wichtig scheint aber auch das leibliche Wohl gewesen zu sein, denn im 1200 Jahre alten Plan finden sich gleich drei Brauräume.

So stellten sich Mönchen um 820 das perfekte Kloster vor. Ganz wichtig in der Planung: Räume zum Bierbrauen. 
So stellten sich Mönchen um 820 das perfekte Kloster vor. Ganz wichtig in der Planung: Räume zum Bierbrauen. stgallplan.org, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7312636

Was Bierbrauen im Kloster wohl ebenfalls begünstigte, ist die Tatsache, dass Mönche während der Fastenzeit zwar nicht essen, dafür aber trinken durften. Wie viel Bier das war? Dieser Frage widmete der heilige Benedikt in seinen Klosterregeln ein eigenes Kapitel, blieb aber äusserst vage. «Der eine so, der andere so», schrieb er vieldeutig.

Das Thurgauer Bier schlummert in Champagnerflaschen

Auch hinter den dicken Mauern des Klosters Fischingen im Thurgau wird seit über 900 Jahren gebetet, gearbeitet – aber auch Bier gebraut und getrunken. Seit 2014 wirkt in der kleinen Brauerei ein Team um Braumeister Martin Wartmann und kreiert unter dem Namen Pilgrim edle Spezial- und Starkbiere. Am obersten Ende der Sortimentsskala stehen die Grand-Cru-Jahrgangsbiere, die ein Jahr lang in französischen Cognacfässern im Klosterkeller reifen, danach in Champagnerflaschen schlummern und stilecht mit dem passenden Korken verschlossen sind.

Das Grand Cru Jahrgangsbier 2019 ist ausserdem Rekordhalter: Mit 17,2 Prozent Alkoholgehalt ist es das stärkste Bier der Schweiz. Der hohe Wert entstand zufällig im natürlichen Gärprozess – für Martin Wartmann nicht nur Grund zur Freude: «Ab 15 Prozent Alkohol wird Bier als Likör eingestuft, und das zuständige Bundesamt riet uns, das Grand Cru als Alcopop zu deklarieren, und erhob eine Alkoholsteuer von 3.70 Franken pro Flasche», sagt Wartmann.

«Unser Bier trinkt man eher wie Wein.»

Pilgrim Braumeister Martin Wartmann

«Nicht nur der hohe Alkoholgehalt ist einzigartig», sagt Braumeister Wartmann, «auch die Lagerfähigkeit von bis zu mehreren Jahrzehnten macht das Jahrgangsbier zu einem Schweizer Unikat», fügt er an. Dass ein solches Bier nicht als einfacher Durstlöscher taugt, versteht sich fast von selbst. «Unser Bier trinkt man eher wie Wein aus einem Burgunderglas und deutlich wärmer als Lagerbier, also bei über zehn Grad zu einem guten Essen», erklärt Wartmann.

Das Grand Cru hat eine feine Kräuter- und Gewürznote, ist sanft im Geschmack und schäumt wegen des hohen Alkoholgehalts kaum im Glas. Als Sammlerbier erwartet Wartmann, ähnlich wie beim Wein, eine Wertsteigerung über die Jahre.

Die Deutschen brauen das stärkste Bier der Welt

Pilgrim führt zwar mit 17,2 Volumenprozent die Rangliste der stärksten Schweizer Biere an, im internationalen Vergleich geht das Jahrgangsbier 2019 jedoch fast als Leichtbier durch. Spitzenreiter in Sachen Alkoholgehalt ist zurzeit das deutsche Schorschbräu mit unglaublichen 57,7 Prozent. Diese Zahl wird erreicht, indem das Bier ausgefroren wird. Weil Alkohol dabei nicht gefriert, kann er bei diesem Verfahren leicht vom Biersud abgeschöpft werden, übrig bleibt quasi reiner Alkohol. Der hohe Wert lässt Martin Wartmann kalt: «Das hat mit Bier wenig zu tun, das ist eher Schnaps und schmeckt mir nicht sonderlich.»

Überhaupt gehe es nicht um den Alkoholgehalt, sondern um den Geschmack der Biere, in diesen Wettkampf werde seine Brauerei nicht einsteigen. Trotzdem: Unter 10 Prozent wird es kein Pilgrim je in ins Holzfass und die Champagnerflasche schaffen.

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15 Kommentare
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Reto H.

12.06.2020, 11:50

Bier und Schweiz ist wie Ski fahren in Katar. Geht gar nicht.

Heliamphora

12.06.2020, 07:15

Stärkstes Bier mit über 50 Volumenprozent? Das ist kein Bier mehr, denn der Brauvorgang beim Bier beinhaltet weder Destillation, noch Gefrierprozess. Und unter den "normalen" Brauvorgängen ist der Alkoholgehalt schnell gedeckelt - darum müssen ja Starkalkohole destilliert oder anderweitig "verstärkt werden.

LM AA

12.06.2020, 05:43

Wer ein starkes Bier sucht, kommt nicht draus. Mit leichten Bieren kann man mehr saufen.