Aktualisiert 17.04.2019 18:19

Knall bei ABBDas steckt hinter dem Abgang des ABB-CEO

ABB-Chef Spiesshofer ist abgetreten. Was sind die Gründe? Warum jubelt die Börse? Die wichtigsten Antworten.

von
Dominic Benz
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Ulrich Spiesshofer tritt überraschend als CEO von ABB ab.

Ulrich Spiesshofer tritt überraschend als CEO von ABB ab.

Keystone/Walter Bieri
Spiesshofer dürfte sich gegen eine weitere Aufspaltung von ABB gewehrt haben. «Er ist ein Zusammenhalter», sagt Corina Hennig, Anlagespezialistin bei der Bank Cler, auf Anfrage.

Spiesshofer dürfte sich gegen eine weitere Aufspaltung von ABB gewehrt haben. «Er ist ein Zusammenhalter», sagt Corina Hennig, Anlagespezialistin bei der Bank Cler, auf Anfrage.

Keystone/Walter Bieri
Offenbar habe es keinen Konsens über die künftige Firmenstruktur von ABB gegeben, so Hennig,

Offenbar habe es keinen Konsens über die künftige Firmenstruktur von ABB gegeben, so Hennig,

Keystone/Alessandro Della Bella

Es ist der grosse Knall bei ABB: Ulrich Spiesshofer gibt per sofort seinen Posten als CEO ab. Das teilte der Schweizer Industriekonzern am Mittwochmorgen mit. Was steckt hinter dem Abgang? Und warum ist der Kurs der ABB-Aktie nach der Ankündigung im Hoch? 20 Minuten hat die wichtigsten Antworten:

Was ist passiert?

Spiesshofer war seit 2013 Chef von ABB. Doch nach insgesamt 14 Jahren beim Konzern ist jetzt Schluss. Spiesshofer tritt überraschend ab, Präsident Peter Voser übernimmt interimistisch. Laut Mitteilung haben sich ABB und Spiesshoffer «drauf geeinigt, dass er von seiner Funktion zurücktritt». Der Suchprozess für einen neuen CEO wurde eingeleitet.

Wie soll man die offizielle Begründung interpretieren?

Laut dem Kommunikationsexperten Andreas Bantel hat ABB wie in solchen Fällen üblich eine codierte Sprache verwendet. So stehe das Wort «geeinigt» oft für eine Trennung ohne Einigkeit. «Das klingt nach Harmonie, damit man gegenseitig das Gesicht wahren kann», sagt Bantel zu 20 Minuten. Für ihn ist angesichts der Wortwahl klar, das der kleinste gemeinsame Nenner vorgelegen haben muss: «Man hat sich darauf geeinigt, dass man sich nicht einig ist.»

Was ist die Rolle der Grossaktionäre?

Zu den grössten ABB-Aktionären gehören die schwedischen Investorunternehmen Investor AB (10,7 Prozent) und Cevian Capital (5,3 Prozent). Letztere drängte seit Jahren auf eine Verschlankung der Konzernstruktur und eine Abspaltung der Stromsparte. Dagegen wehrte sich Spiesshofer. Ende 2018 gab ABB dem Druck nach und verkaufte die Sparte an die japanische Hitachi. Seit kurzem ist nun auch Artisan Partners mit 3 Prozent Grossaktionär. Die US-Investmentgesellschaft verlangt eine weitere Aufspaltung des Industriekonzerns.

Was steckt hinter Spiesshofers Abgang?

Spiesshofer dürfte sich gegen eine weitere Aufspaltung von ABB gewehrt haben. «Er ist ein Zusammenhalter», sagt Corina Hennig, Anlagespezialistin bei der Bank Cler, auf Anfrage. Offenbar habe es keinen Konsens über die künftige Firmenstruktur von ABB gegeben. Wie der Interimschef an einer Telefonkonferenz sagte, ist es wegen eines kulturellen Wandels bei ABB zu Spiesshofers Abgang gekommen.

Was kommt jetzt auf ABB zu?

ABB steckt mitten in einer Transformation. Mit der Abspaltung der Stromsparte ist der Konzern schmaler aufgestellt. Er konzentriert sich nun auf die neuen Geschäftsbereiche Elektrifizierung, Industrieautomation, Antriebstechnik sowie Robotik und Fertigungsautomation. Laut Anlagespezialistin Hennig dürfte der Ruf der Aktionäre nach einer weiteren Aufspaltung grösser werden. ABB selbst betont, die Unternehmensstruktur weiter vereinfachen und die angekündigten Kosteneinsparungen erzielen zu wollen.

Wie steht ABB da?

ABB hat gleichzeitig mit dem Rücktritt zwei Wochen früher die Zahlen für das erste Quartal präsentiert (siehe Box). «Diese sind solide», sagt Hennig. Die Zahlen habe man jetzt vorlegen müssen, da es sonst wegen des Chefwechsels Spekulationen gegeben hätte. ABB sei gut aufgestellt. Das Geschäftsmodell sei vereinfacht, die bisherige Matrixstruktur aufgelöst und die Kostenstruktur gestrafft worden.

Warum steigt der Aktienkurs?

Die Börse jubelte nach dem Rücktritt. Der Aktienkurs legte um über 6 Prozent zu. Für die «Handelszeitung» ist das Plus «ein schwungvoller Tritt in den Allerwertesten, ein Kick zur Tür hinaus». Auch für Hennig ist die Kursexplosion bitter für Spiesshofer. Die Investoren würden damit zu verstehen geben, dass der «Bremser» nun endlich weg sei. Die Hoffnung auf einen steigenden Aktienkurs ist gross. Seit Jahren dümpelt dieser bei 20 Franken herum. In der CEO-Zeit von Spiesshofer hat der Kurs (ohne Dividende) um minus 0,24 Prozent nachgegeben. Zum Vergleich: Der Schweizer Aktienindex SPI legte in derselben Zeit um 50 Prozent mehr zu.

Höhere Umsätze, weniger Gewinn

Im ersten Quartal stieg der Umsatz von ABB um 6 Prozent auf 6,85 Milliarden Dollar und der Auftragseingang um 1 Prozent auf 7,61 Milliarden Dollar. Jedoch war der Industriekonzern im gleichen Zeitraum weniger profitabel. Der operative Gewinn (EBITA) nahm zwar um 2 Prozent auf 766 Millionen Dollar zu, die entsprechende Marge sank allerdings um einen halben Prozentpunkt auf 11,2 Prozent. Der Reingewinn lag mit 535 Millionen um 6 Prozent unter dem Vorjahresquartal. Die Profitabilität wurde laut ABB durch die Integration der von General Electric übernommenen Sparte Industrial Solutions belastet.

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