Falsch ausgelegt - Das steckt hinter dem «Warnbrief» von Moderna und Pfizer
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Falsch ausgelegtDas steckt hinter dem «Warnbrief» von Moderna und Pfizer

Ein gemeinsames Schreiben der mRNA-Impfstoffhersteller sorgt für Aufregung. Darin enthalten sein sollen Informationen, die der Bundesrat nicht mit der Öffentlichkeit teilen will. Doch stimmt das?

von
Fee Anabelle Riebeling
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Dieser Brief der Covid-19-Impfstoff-Hersteller Moderna und Pfizer macht seit einigen Wochen die Runde. Auch 20 Minuten hat ihn mehrfach von Leserinnen und Lesern erhalten. 

Dieser Brief der Covid-19-Impfstoff-Hersteller Moderna und Pfizer macht seit einigen Wochen die Runde. Auch 20 Minuten hat ihn mehrfach von Leserinnen und Lesern erhalten.

Screenshot 20min
Kombiniert wird das Schreiben dabei stets mit der Bitte, die darin enthaltenen Informationen öffentlich zu machen – damit «die Gesellschaft auch diese Seite der Impfung kennenlernt und nicht nur die des Bundesrats.»  (Im Bild: Bundesrat Alain Berset, 8. September 2021)

Kombiniert wird das Schreiben dabei stets mit der Bitte, die darin enthaltenen Informationen öffentlich zu machen – damit «die Gesellschaft auch diese Seite der Impfung kennenlernt und nicht nur die des Bundesrats.» (Im Bild: Bundesrat Alain Berset, 8. September 2021)

20min/Simon Glauser
Dabei enthält der Brief Informationen, die schon lange bekannt sind. Darin wird thematisiert, dass die mRNA-Impfstoffe sowohl von Moderna als auch von Pfizer in sehr seltenen Fällen eine Myokarditis (Herzmuskelentzündung) oder eine Perikarditis (Entzündung des Herzbeutels) auslösen können. Das Schreiben ist echt.

Dabei enthält der Brief Informationen, die schon lange bekannt sind. Darin wird thematisiert, dass die mRNA-Impfstoffe sowohl von Moderna als auch von Pfizer in sehr seltenen Fällen eine Myokarditis (Herzmuskelentzündung) oder eine Perikarditis (Entzündung des Herzbeutels) auslösen können. Das Schreiben ist echt.

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Darum gehts

  • Angeblich soll verschwiegen werden, dass es nach der Impfung gegen Covid-19 in sehr seltenen Fällen zu Herzproblemen kommen kann.

  • Als entsprechend brisant bewerten Vertreter dieser Meinung ein gemeinsames Schreiben der Impfstoffhersteller Moderna und Pfizer.

  • Dabei sind die Informationen alles andere als geheim.

  • Das steckt dahinter.

«Wichtige sicherheitsrelevante Informationen zu den mRNA-Impfstoffen gegen Covid-19» – so beginnt der Brief, den die Impfstoffhersteller Moderna und Pfizer in Abstimmung mit Swissmedic Mitte August verschickt haben. Darin wird thematisiert, dass die Impfstoffe der beiden Unternehmen in sehr seltenen Fällen eine Myokarditis (Herzmuskelentzündung) oder eine Perikarditis (Entzündung des Herzbeutels) auslösen können.

Das Schreiben ist echt und richtet sich an medizinische Fachpersonen. Doch mittlerweile wird es unter der Bezeichnung «Warnbrief» auch ausserhalb dieser Gruppe herumgereicht – meist mit dem impliziten Hinweis darauf, dass die darin enthaltenen Informationen von Bundesrat und Massenmedien totgeschwiegen werden sollen, um die Impfkampagne nicht zu gefährden.

Stimmen tut dies jedoch nicht. Die im Schreiben enthaltenen Informationen sind – eins zu eins, für alle zugänglich und in deutscher, englischer, französischer sowie in italienischer Sprache – auf Swissmedic.ch abrufbar.

Eine Art Beipackzettel für Profis

Dass mit einem solchen Schreiben das medizinische Fachpersonal, welches dieses Präparat verabreicht, über unerwünschte oder sehr rare Nebenwirkungen informiert wird, ist alles ausser aussergewöhnlich, sondern eine reine Vorsichtsmassnahme – ähnlich den Beipackzetteln, die sowohl bei frei verkäuflichen als auch rezeptpflichtigen Medikamenten beiliegen. Darin sind auch alle bekannten Nebenwirkungen aufgeführt.

Bei dem «Warnbrief» handele es sich um «eine DHPC (Direct Healthcare Professional Communication)», mit denen Pharmafirmen medizinische Fachleute über neu erkannte Arzneimittelrisiken und therapierelevante Änderungen der Fachinformation informieren, so Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi. Solche Schreiben werden entsprechend auch in der «Schweizerischen Ärztezeitung» veröffentlicht.

Herzprobleme bei 0,00127 Prozent der Impfungen

Niemand bestreitet, dass es infolge der mRNA-Impfung gegen Covid-19 zu einer Myokarditis oder Perikarditis kommen kann. Forschende, Medien und auch Swissmedic haben schon lange vor der Versendung des Schreibens von Pfizer und Moderna auf einen möglichen Zusammenhang hingewiesen. Auch bei 20 Minuten war dies mehrfach Thema. Genauso wie die Feststellung, dass es nur in sehr seltenen Fällen, dazu kommt.

Bis Ende August 2021 wurden in der Schweiz 9’660’805 Dosen mRNA-Impfstoff verabreicht, im gleichen Zeitraum wurden Swissmedic im Zusammenhang mit den mRNA-Impfstoffen «123 Verdachtsfälle von Myokarditis und/oder Perikarditis gemeldet», so Jaggi (siehe Box). Das bedeutet: Das Risiko für eine Entzündung am Herzen beträgt 0,00127 Prozent und ist damit verschwindend gering. Zudem waren die Verläufe laut Jaggi «mehrheitlich unproblematisch». Die Betroffenen waren überwiegend männlich und das mittlere Alter lag bei 39 Jahren.

Mehr Fälle nach Moderna, aber …

Von den bis Ende August gemeldeten Fällen traten 20 in Zusammenhang mit Pfizer/Biontechs Comirnaty auf und 102 mit Modernas Spikevax. In einem Fall ist der Impfstoff bislang nicht bekannt. Das lasse aber nicht darauf schliessen, dass der Impfstoff von Moderna häufiger Nebenwirkungen auslöse als der von Pfizer/Biontech, so der Swissmedic-Sprecher. «Es wird in der Schweiz einfach mehr davon verabreicht.» Auf rund 6,4 Millionen Moderna-Dosen kommen rund 3,2 Biontech-Dosen (Stand: 31. August 2021)

Was bei der Einordnung der gemeldeten Herzentzündungen nicht ausser Acht gelassen werden darf, ist, dass sowohl Myokarditis als auch Perikarditis auch bei einer Sars-CoV-2-Infektion auftreten können, sogar bei Kindern. «In der Altersgruppe die am meisten betroffen ist – junge männliche Erwachsene – ist die Wahrscheinlichkeit um ein mehrfaches höher, wegen Covid-19 eine Myokarditis zu erleiden», so Jaggi. Zudem könne es auch ohne Infektion oder Impfung zu einer solchen kommen, etwa wenn man nach einer Erkältung zu früh beginnt, Sport zu treiben.

Für medizinische Laien sei in dem Schreiben vor allem der Satz wichtig, der darauf hinweist, dass der Nutzen der Impfungen auch weiterhin die möglichen Risiken überwiegt.

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