Aktualisiert 04.08.2010 19:05

Naomi CampbellDas Supermodel und der Blutdiamant

Ein Diamanten-Geschenk bringt Naomi Campbell vor Gericht. Sie muss als Zeugin im UNO-Kriegsverbrecherprozess gegen Liberias Ex-Präsident Charles Taylor aussagen.

von
pbl

Naomi Campbell rastet im Interview mit ABC aus.

In London hat das Model Polizisten bespuckt, in New York einem Hausmädchen ihr Handy an den Kopf geknallt – mit der Justiz hat die «Queen des Zorns» Erfahrung, doch dieser Gerichtstermin wird schwer: Naomi Campbell soll gegen den «Herrn der Blutdiamanten» aussagen. Über Charles Taylor erzählte man in Westafrika Grauenhaftes: Als Rebellenführer habe er Blut ermordeter Bauern getrunken, um sich mit Dschungelgeistern zu verbünden.

Einige Leute wundert es daher wenig, dass das Model Naomi Campbell jetzt zögerte, diesem Mann wieder in die Augen zu sehen. Vor 13 Jahren soll er die Britin mit einem sogenannten Blutdiamanten beschenkt haben. Am Donnerstag soll die 40-Jährige dazu als Zeugin vor dem UNO-Sondergericht aussagen. Taylor wird die Mitverantwortung für Massenmorde, Folterungen, Vergewaltigungen und die Zwangsrekrutierung von Kindern vorgeworfen.

Campbell in der Zwickmühle

Ob ihre Angaben vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal bei Den Haag beitragen, den 62-jährigen Ex-Diktator für immer hinter Gitter zu bringen, ist allerdings fraglich. Diese Hoffnung der amerikanischen Staatsanwältin Brenda Hollis könnte wie eine Seifenblase platzen. Campbell wäre nicht die erste Zeugin im Taylor-Prozess, die Angst hat.

Selbst als Untersuchungshäftling soll der Ex-Kriegsherr noch eine ebenso hörige wie brutale Gefolgschaft haben. Zudem dürfte ein Eingeständnis Campbells, von einem Despoten einen Edelstein akzeptiert zu haben, ihrer Karriere kaum zuträglich sein. Vielleicht wird Campbell nur wiederholen, was sie im April in einem Studio des US-Senders ABC erklärte: «Ich habe keinen Diamanten bekommen», fauchte sie ihre Interviewerin an. Als die nachhakte, fegte die Britin aus dem Studio und schlug auf eine Kamera ein.

Das Grauen von Sierra Leone

Der Kinohit «Blood Diamond» von 2006 mit Leonardo DiCaprio vermittelt eine Vorstellung vom Grauen des Bürgerkrieges in Sierra Leone, dem zwischen 1991 und 2002 mehr als 120 000 Menschen zum Opfer fielen. «Markenzeichen» waren Verstümmelungen. Die «Revolutionary United Front» (RUF) des halbirren Taylor-Kumpanen Foday Sankoh hackte Dorfbewohnern Hände, Nasen und Ohren ab. Ihren Feldzug um die Macht in dem rohstoffreichen Land finanzierte sie mit Diamanten, die in Sklavenarbeit geschürft wurden.

Taylor war damals Präsident des Nachbarlandes Liberia. Er soll Mordtaten der RUF dirigiert, sie mit Waffen versorgt und dafür Rohdiamanten im Wert von hunderten Millionen Dollar kassiert haben. Der Angeklagte bestreitet das: «Ich habe nie Diamanten bekommen, weder in Mayonnaise-Gläsern noch in Kaffeedosen.» Eindrucksvoller als durch die Bestätigung Campbells, einen Blutdiamanten von ihm bekommen zu haben, könnte er kaum widerlegt werden, meint Staatsanwältin Hollis.

Bei der Vorladung stützte sie sich auf Angaben der US-Schauspielerin Mia Farrow und der damaligen PR-Agentin des Models, Carole White. Sie hatten ausgesagt, Campbell habe ihnen von dem Diamantenpräsent erzählt. Unklar ist allerdings das Ausmass. Während Farrow von einem grossen Diamanten berichtete, sagte White der Londoner «Daily Mail», es seien «sechs kleine Diamanten, ungeschliffen» gewesen, sie habe sie gesehen.

Wo sind die Diamanten?

Schauplatz der Klunker-Geschichte war Kapstadt. An einem lauschigen Septemberabend des Jahres 1997 hatte Südafrikas Präsident Nelson Mandela etliche Prominente zu einem Charity-Dinner um sich versammelt. Kricket-Star Imran Khan war dabei, Erzbischof Desmond Tutu und Michael Jacksons Produzent Quincy Jones. Bilder zeigen Campbell an der Seite von Taylor, der sich angeblich selbst eingeladen hatte. Der habe mit Campbell geflirtet, erzählte White. Noch in der selben Nacht sollen Bodyguards von Taylor an die Tür ihres Schlafzimmer geklopft und das verhängnisvolle Geschenk überbracht haben.

Die Geschichte wird noch mysteriöser: Campbell habe die Diamanten nicht behalten, sagte White Ermittlern des UNO-Tribunals. Sie habe Probleme befürchtet, sollte der Zoll bei ihr Rohdiamanten ohne Herkunftsbescheinigung finden. «Sie sagte, sie werde die Steine Nelson Mandelas Children's Fund schenken.» Die «Daily Mail» fragte bei der Organisation nach. Die Antwort: Man habe niemals Diamanten von Frau Campbell erhalten. (pbl/sda/dapd)

Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen

Wenn Naomi Campbell am Donnerstag aussagt, dürfen Fotografen das britische Supermodel weder beim Betreten noch beim Verlassen des Gerichtsgebäudes knipsen. Dies entschieden Richter des Tribunals in Den Haag am Dienstag. Die Sorgen Campbells um ihre Sicherheit und ihre Privatsphäre seien berechtigt, erklärten die Richter. Ihre Zeugenaussage werde allerdings wie üblich von den Kameras im Gerichtssaal aufgezeichnet. Campbell wurde auch das Recht zugesprochen, bei ihrer Zeugenaussage einen Anwalt zur Seite zu haben.

Campbell definitiv vor Gericht

Das Sondertribunal für Sierra Leone hat einen Antrag der Anwälte des liberianischen Ex-Präsidenten Charles Taylor abgelehnt, den Termin für die Aussage des britischen Topmodels Naomi Campbell zu verschieben.

«Der Antrag wird hiermit verworfen», hiess es in einer Entscheidung des Gerichts in Den Haag am Mittwoch. Damit steht einer Vernehmung Campbells am Donnerstag als Zeugin im Kriegsverbrecherprozess gegen Taylor nichts mehr im Wege.

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