Suchtgefahr für Kinder: Das Tablet entwickelt sich zum «Babysitter»
Aktualisiert

Suchtgefahr für KinderDas Tablet entwickelt sich zum «Babysitter»

Kinder verbringen immer mehr Zeit mit Tablets – bereits im Alter von weniger als zwei Jahren. Experten warnen davor, solche Geräte als «Babysitter» einzusetzen.

von
lüs

Die Bedienung von Tablets ist kinderleicht – und sie werden schon von den Kleinsten genutzt. Eine diese Woche veröffentlichte repräsentative US-Studie hat ergeben, dass bereits drei Viertel der Kinder im Alter von bis zu acht Jahren Zugang zu Tablets oder anderen mobilen Geräten haben – vor zwei Jahren waren es erst die Hälfte. Der Anteil der unter Zweijährigen, die Tablets nutzen, liegt in den USA mittlerweile bei 38 Prozent – 2011 waren es erst 10 Prozent. US-Forscher berichten bereits von Kindern, die ohne Tablets körperliche Entzugserscheinungen entwickeln. Zudem kann die Nutzung der Geräte zu Haltungsschäden führen.

Corine Kibora, Sprecherin von Sucht Schweiz, beobachtet eine ähnliche Entwicklung wie in den USA auch in der Schweiz. «Das Tablet und das Smartphone sind einfache Mittel, um Kinder zu beschäftigen», sagte sie gegenüber «Le Matin». «Es handelt sich um einen Babysitter, der gratis und rund um die Uhr verfügbar ist.» Auch die Spielzeugbranche springt auf den Trend auf: So verkauft Toys'R'Us in den Schweizer Läden seit dem 31. Oktober das Samsung Galaxy für Kids – ein Tablet, das speziell für Kinder konzipiert ist und es unter anderem ermöglicht, die Nutzungsdauer zu beschränken.

Gregor Waller vom Departement Angewandte Psychologie an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften befasst sich mit der Mediennutzung durch Kinder und Jugendliche. Er würde seinem Sohn kein Kinder-Tablet kaufen: «Für viele Kinder würde es schnell den Reiz verlieren, spannender ist für sie das Gerät, das die Eltern benützen.»

Kinder beim Spiel mit Tablet beaufsichtigen

Tablets ganz von Kindern fernzuhalten, würde Waller nicht empfehlen. «Kleinkinder ab und zu altersgerechte Apps wie zum Beispiel das Memoryspiel auf einem Tablet spielen, solange man sie dabei begleitet.» Zudem empfiehlt er, die Verbindung zum Internet zu kappen, während das Kind daran spielt: «Zum einen lässt sich dadurch verhindern, dass es per Zufall auf einer nicht kindgerechten Website landet, zum anderen ist es dann nicht der Strahlung ausgesetzt.» Natürlich müssten Eltern darauf achten, dass die Tablet-Nutzung nicht überhand nehme: «Denn in erster Linie brauchen Kinder Bewegung und frische Luft.»

Wenn das Tablet das Kind zu sehr fessle, sei es sinnvoll, das Gerät für eine Weile wegzusperren. Auch Corine Kibora von Sucht Schweiz sagt: «Eltern sollten sich dafür interessieren, was ihr Kind sich auf dem Tablet ansieht. Und es darf die Kinder nicht von anderen Aktivitiäten abhalten.» Laut Oskar Jenni, Arzt am Kinderspital Zürich, kann der Umgang mit dem Tablet die Augen-Hand-Koordination bei Kindern fördern. Dies lasse sich aber auch mit einfacheren Mitteln erreichen (siehe Interview).

«Es besteht die Gefahr einer Gewöhnung»

Herr Jenni*, in den USA nutzen bereits 38 Prozent der unter Zweijährigen Tablets. Gibts diese Entwicklung auch bei uns?

Oskar Jenni: Auch in der Schweiz gibt es in immer mehr Haushalten Tablets. Ich gehe deshalb davon aus, dass auch bei uns die Zahlen zunehmen. Die Fähigkeiten, ein Tablet zu brauchen, haben Kinder aber frühestens im 2. oder erst im 3. Lebensjahr.

Warum ist das Tablet für die Kleinen so attraktiv?

Kinder haben einen grossen Drang, nachzuahmen, was wir Erwachsene tun. Wenn sie sehen, dass ein Tablet die Aufmerksamkeit ihrer Eltern fesselt, wollen sie es auch nutzen. Das können Eltern in einem gewissen Mass auch zulassen. Aber eben nur mit Mass.

Wo sind die Grenzen?

Ein Kind im Vorschulalter sollte nicht mehr als zwei bis dreimal in der Woche für eine halbe Stunde ein Tablet benutzen. Das Tablet darf aber den Umgang mit konkreten Dingen und Erfahrungen nicht konkurrenzieren. Es darf auch nicht die Funktion eines «Babysitters» übernehmen, sondern soll im Idealfall im Beisein der Eltern angewendet werden. Sonst besteht die Gefahr einer Gewöhnung. Das Kind wird das Spiel mit dem Tablet immer wieder fordern.

Das heisst, die Kinder werden süchtig?

Aus der Fachliteratur sind solche Fälle aus den USA bereits bekannt. Es ist denkbar, dass sie früher oder später auch in der Schweiz auftreten können.

Kann ein Kind vom Umgang mit dem Tablet für seine Entwicklung profitieren?

Im Gegensatz zum TV ist das Tablet interaktiv und für die Entwicklung der Augen-Hand-Koordination möglicherweise förderlich. Dazu gibt es aber auch ein einfachere Mittel: Mit Malstift und Papier können Kinder dies genauso gut üben. (lüs)

*Oskar Jenni ist Leiter der Abteilung für Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich.

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