25.03.2016 08:33

BrüsselDas Terror-Netzwerk von Molenbeek

Spuren von fünf Terroranschlägen seit 2014 führen nach Brüssel. Im Stadtteil Molenbeek können Jihadisten unbehelligt planen und operieren.

von
Oliver Fischer

Immer wieder Molenbeek – in diesem Brüsseler Viertel hat sich ein Netzwerk radikaler Islamisten etabliert, auf dessen Konto bislang drei Terroranschläge und ein gescheiterter Versuch gehen. Zudem führen Spuren eines weiteren Attentats nach Brüssel.

1.) Angriff auf das Jüdische Museum in Brüssel

Am 24. Mai 2014 schiesst ein Mann im Jüdischen Museum in Brüssel um sich. Drei Menschen sterben vor Ort, eine weitere Person erliegt später im Spital ihren Verletzungen.

Täter

Mehdi Nemmouche: Während einer fünfjährigen Gefängnisstrafe in Frankreich wird der Franzose radikalisiert und verbringt zwischen 2012 und 2013 ein Jahr in Syrien. Am 30. Mai wird er in Marseille gefasst.

Verbindung nach Molenbeek

Anfang 2014 hat Nemmouche den ersten belegten Kontakt zum Terrornetzwerk von Molenbeek: Er telefoniert mit Abdelhamid Abaaoud, dem Kopf hinter den Anschlägen in Paris im November 2015. Im März 2014 reist er nach Molenbeek, wo er ein Zimmer mietet, den Angriff auf das Museum plant und sich Waffen beschafft. Welche Kontakte er während dieser Zeit pflegte, ist nicht bekannt. Für den belgischen Terrorismusexperten Claude Moniquet ist klar, dass Nemmouche nicht allein handelte: «Vor dem 24. Mai taucht er nicht ein einziges Mal auf Überwachungsbildern des Jüdischen Museums auf. Da gab es andere Personen im Hintergrund.»

2.) Januar-Anschläge in Paris

Am 7. Januar 2015 betreten zwei Männer die Redaktion des französischen Satiremagazins «Charlie Hebdo» und eröffnen das Feuer. Zwölf Menschen sterben in der Redaktion oder in der Nähe auf der Strasse. Am 8. Januar schiesst ein Mann in Montrouge um sich und tötet eine Polizistin. Am nächsten Tag nimmt er in einem jüdischen Supermarkt mehrere Geiseln. Alle drei Täter sterben nach mehreren Tagen Flucht in Feuergefechten mit der Polizei.

Täter

Die Brüder Chérif und Saïd Kouachi sowie Amedy Coulibaly: Alle waren Franzosen, Coulibaly war ein naher Freund der Brüder. Radikalisiert wurden sie durch verschiedene islamistische Prediger unter anderem während Gefängnisaufenthalten. Sie hegten Pläne, in den Irak oder nach Syrien zu reisen, was jedoch keiner tat.

Verbindung nach Molenbeek

Persönliche Verbindungen der drei Täter nach Molenbeek sind nicht bekannt. Doch es gibt Hinweise, dass sich Coulibaly zumindest einige der verwendeten Waffen in Brüssel auf einem Schwarzmarkt von belgischen Waffenhändlern besorgte.

3.) Angriff im Thalys-Zug

Am 21. August 2015 versucht ein Mann in einem Thalys-Schnellzug, das Feuer auf die Passagiere zu eröffnen. Er ist mit einer Kalaschnikow, einer Handfeuerwaffe sowie einem Messer bewaffnet. Er wird von drei amerikanischen Passagieren, zwei davon Soldaten, überwältigt.

Täter

Ayoub El Khazzani: Der damals 26-Jährige ist Marokkaner. Er hat mehrere Jahre in Spanien und Frankreich gelebt, wo die Behörden eine S-Akte über ihn führten; das heisst, er wird als mögliche Gefahr eingestuft.

Verbindung nach Molenbeek

Die letzten Tage vor seinem Angriff wohnt er bei seiner Schwester und einem Bekannten in Molenbeek. Die belgischen Behörden gehen davon aus, dass er Verbindungen zu islamistischen Gruppierungen hatte.

4.) November-Anschläge in Paris

Am späten Abend des 13. November 2015 schlagen Jihadisten an sechs Orten in Paris praktisch zeitgleich zu. 130 Menschen werden getötet, über 350 zum Teil schwer verletzt.

Täter

Abdelhamid Abaaoud: Er war Belgier und gilt als Kopf hinter den Anschlägen. Er hatte sich in Syrien dem IS angeschlossen und taucht in Propaganda-Videos auf.

Hasna Ait Boulahcen: Sie war Abaaouds Cousine und hat ihm nach den Anschlägen geholfen, sich in Saint-Denis zu verstecken. Beide werden bei einer Razzia durch eine selbst gezündete Bombe getötet.

Salah und Ibrahim Abdeslam: Die Brüder waren Franzosen. Ibrahim hat sich im 11. Arrondissement in die Luft gesprengt. Salah flieht aus Paris und reist nach Belgien.

Bilal Hadfi: Der Franzose hat sich beim Stade de France in die Luft gesprengt. Er soll in der Vergangenheit nach Syrien gereist sein.

Chakib Akrouh: Der Belgo-Marokkaner griff mehrere Cafés an.

Mohammed Belkaid: Er soll Hasna Ait Bulahcen Geld geschickt haben. Am 15. März 2016 wird er bei einer Hausdurchsuchung in Belgien getötet. Seine Herkunft ist nicht bekannt.

Hamza Attou und Mohammed Amri: Die beiden Belgier haben Salah Abdeslam bei der Flucht nach Belgien geholfen.

Mohamed Abrini: Der Belgier ist auf der Flucht und gilt als Komplize von Salah Abdeslam.

Fouad Mohamed Aggad, Samy Amimour, Ismaël Omar Mostefai: Die drei Franzosen verübten den Anschlag im Konzertlokal Bataclan.

Zwei nicht identifizierte Männer sprengten sich vor dem Stade de France in die Luft.

Verbindung nach Molenbeek

Abdelhamid Abaaoud ist in Molenbeek aufgewachsen. Die Brüder Abdeslam und Bilal Hadfi lebten in Molenbeek. Salah Abdeslam taucht nach seiner Flucht in Molenbeek unter und entzieht sich vier Monate lang der Verhaftung. Mohammed Belkaid, einer der Helfer von Salah Abdeslam, wird während einer Hausdurchsuchung am 15. März 2016 in Brüssel getötet. Hamza Attou und Mohammed Amri stammten aus Molenbeek.

5.) Anschläge in Brüssel

Vier Tage nach der Verhaftung von Salah Abdeslam in Molenbeek schlagen Attentäter am 22. März am Brüsseler Flughafen Zaventem und in der U-Bahn-Station Maelbeek zu. Mindestens 31 Menschen sterben.

Täter

Die Brüder Khaled und Brahim El Bakraoui: Sie waren Belgier und gehörten zum nahen Umfeld von Salah Abdeslam. Khaled El Bakraoui wird auch mit den Anschlägen in Paris in Verbindung gebracht: Er soll eine Wohnung in der Stadt Charleroi gemietet haben, die von den Paris-Attentätern genutzt wurde.

Najim Laachraoui: Der Bombenbauer war an den Anschlägen in Paris und Brüssel beteiligt. Er ist einer der beiden Attentäter, die sich auf dem Flughafen Zaventem in die Luft gejagt haben. Vor den Attentaten in Paris war er unter falscher Identität mit Salah Abdeslam und dessen Komplizen Mohammed Belkaid nach Ungarn gereist. Seine Herkunft ist nicht bekannt.

Zwei weitere, noch unbekannte Täter sind auf der Flucht.

Verbindung nach Molenbeek

Alle identifizierten Täter lebten in Molenbeek. Mindestens zwei von ihnen hatten Kontakt zu Salah Abdeslam und dürften wie dieser dem Jihadisten-Netzwerk angehört haben.

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