Chemie-Katastrophen: Das teuflische Düngemittel

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Chemie-KatastrophenDas teuflische Düngemittel

Ammoniumnitrat ist seit dem 19. Jahrhundert ein Grundstoff für viele Düngemittel. Immer wieder kommt es damit zu verheerenden Explosionen. Was macht den Stoff so gefährlich?

von
dhr

Es sind Bilder wie aus einem Kriegsgebiet: Die Ammoniumnitrat-Explosion in einer Düngemittelfabrik hat das Städtchen West im US-Bundesstaat Texas verwüstet. Bis zu 15 Menschen kamen ums Leben, rund 80 Häuser wurden zerstört.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ammoniumnitrat mit verheerenden Folgen in die Luft geht. Einige der schlimmsten Chemie-Katastrophen aller Zeiten gehen aufs Konto der Chemikalie, die Hauptbestandteil vieler Düngemittel und Sprengstoffe ist. Das Salz, das aus der Neutralisation von Ammoniak mit Salpetersäure (NH3 + HNO3 —> NH4NO3) entsteht, ist als Düngemittel besonders geeignet, weil es chemisch gebundenen Stickstoff (N) enthält.

Bis zu 15 Tote nach Explosion in Texas

Enorme Sprengkraft

Die meisten anorganischen Mineraldünger (organischer Dünger wird aus pflanzlichen und tierischen Abfällen hergestellt) sind leicht entzündlich oder explosiv. Ammoniumnitrat wird wegen der grossen Explosionsgefahr in aller Regel nur in Mischungen als Dünger verwendet. Als Sprengstoff finden Derivate des Ammoniumnitrats (Donarit, Ammonex, Andex) vornehmlich im Bergbau Verwendung, weil Zündempfindlichkeit, Verbrennungstemperatur und Explosionsgeschwindigkeit eher gering sind. Die hohe Sprengkraft der Chemikalie beruht darauf, dass sie als Feststoff in ausnahmslos gasförmige Stoffe zerfällt, wenn eine starke Initialzündung stattfindet. Das entsprechende spezifische Schwadenvolumen (das Gasvolumen in Litern, das bei vollständiger Umsetzung von 1 kg Explosivstoff entsteht) ist mit 980 l/kg sehr hoch. Zum Vergleich: Bei der Explosion von 1 kg TNT entstehen lediglich 740 l Gas.

Dünger-Fabrik in Texas explodiert

Welches ungeheure Zerstörungspotenzial sich hinter diesen nackten Zahlen versteckt, wird in den verheerenden Unfällen sichtbar, die sich regelmässig mit Ammoniumnitrat ereignen. So kam es am 21. September 1921 zum bisher wohl schlimmsten Industrieunglück Europas, als in einem BASF-Zweigwerk in Oppau (heute Teil von Ludwigshafen am Rhein) rund 4500 Tonnen Düngemittelgemisch explodierten. 561 Menschen starben, mehr als 2000 wurden verletzt. Nahezu sämtliche Gebäude in Oppau wurden zerstört; sogar im 25 Kilometer entfernten Heidelberg wurden noch Dächer abgedeckt.

Mit Dynamit gelockert

In Oppau explodierte das Ammoniumnitrat, weil Arbeiter den kompakten Stoff in den Silos mit Dynamit lockern wollten. Den gleichen Fehler machten Angestellte in der Fabrik «Produits Chimiques de Tessenderloo» (PCT) im belgisch-limburgischen Tessenderlo. Dort flogen am 29. April 1942 200 Tonnen Ammoniumnitrat in die Luft. 189 Tote und über 900 Verletzte waren die Folge; der Ort wurde verwüstet.

Video: «De ramp van Tessenderlo» (niederld.)

(Quelle: Youtube/cinice9)

Fast genau fünf Jahre später traf es den Hafen von Texas City. Am 16. April 1947 geriet dort der französische Frachter «SS Grandcamp» in Brand. Zahlreiche Leute hatten sich im Hafen eingefunden, um die Feuerlöscharbeiten zu beobachten, als die 2300 Tonnen Ammoniumnitrat an Bord des Schiffs explodierten. Beim schlimmsten Industrieunfall in der US-Geschichte fanden mindestens 581 Menschen den Tod. Die Schockwellen der Detonation wurden noch 100 Kilometer entfernt in Louisiana wahrgenommen.

Video: Texas City Explosion»

(Quelle: Youtube/Jeff Quitney)

Weitere Unglücksfälle mit Ammoniumnitrat finden Sie in der Bildstrecke oben. (dhr/sda)

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