Aktualisiert 18.12.2008 17:08

JugendschutzDas Tor zur zweiten Webwelt

Aufrufe zur Weltrevolution, interne Dokumente, Filesharing, aber auch Kinderpornographie: Das Tor-Netzwerk war bislang eher etwas für IT-Insider. Jetzt steht es in Teilen jedem offen.

von
Henning Steier

Zwei Programmierer haben eine Seite ins Netz gestellt, auf welcher User nach wenigen Klicks Zugang zu Webseiten aus dem Tor-Netzwerk haben: «In diesem wird Nutzertraffic über mehrere Rechner umgeleitet, die idealerweise in verschiedenen Rechtsräumen oder Kontinenten stehen. Jeder PC - bis auf den letzten im Netzwerk - verschlüsselt die Daten. So ist es beispielsweise für Regierungen schwierig, die Surfer zu identifizieren», erläutert Frank Rosengart vom Chaos Computer Club (CCC). Praktisch ist dies unter anderem für Menschenrechtsaktivisten in China. So können die dortigen Behörden beispielsweise nur schwer nachvollziehen, wer ein bestimmtes Dokument im Netz veröffentlicht hat.

Surfer bleiben nicht mehr anonym

Die weltweit benutzten Rechner werden von Freiwilligen zur Verfügung gestellt. Bislang mussten Nutzer des Tor-Netzwerks eine spezielle Software installieren. Dank der Seite kommt man jetzt auch ohne aus. Wer die Seite ansteuert, surft allerdings nicht mehr anonym. Wer die Inhalte auf den so genannten .onion-Domains abgelegt hat, bleibt aber weiterhin verborgen. Die Anonymisierung wird also einseitig aufgehoben.

«Menschen in der ganzen Welt möchten Material anonym im Netz veröffentlichen. Das Tor-Netzwerk macht dies möglich, doch die Tools sind nicht gerade einfach zu installieren und anzuwenden», wird einer der Programmierer in der Blogosphäre zitiert: «mit unserer Seite wollen wir es jedem Surfer ermöglichen, die Inhalte zu nutzen.»

Nicht nur bei Menschenrechtlern beliebt

Das Tor-Netzwerk ist aber nicht nur bei Menschenrechtlern und Geheimnisverrätern beliebt. Es ist auch ein Tummelplatz für Filesharer und Kinderpornoanbieter. 20 Minuten Online hat sich darauf umgesehen und nach wenigen Klicks einschlägige Inhalte entdeckt.

Zwar wird die Surfgeschwindigkeit deutlich verlangsamt, dafür werden Seiten im Cache abgelegt und sind beim nächsten Mal schneller erreichbar. Zudem haben die aufgelisteten Seiten kryptische Adressen, unter denen man sich zunächst wenig vorstellen kann. All dies ist aber auch für minderjährige Nutzer kein ernsthaftes Hindernis.

«Den Betreibern scheint der Jugendschutz egal zu sein», kritisiert Mauro Vignati von der Melde- und Analysestelle Informationssicherung (Melani) in Bern, die über Gefahren im Internet informiert. Mit wenigen Klicks gelangte auch Vignati auf eine Kinderporno-Seite. «Wir werden die Macher kontaktieren, um sie zu überzeugen, derartige Seiten umgehend aus der Liste zu löschen», kündigte Vignati an.

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