Kannibalismus auf See: Das traurige Ende des Schiffsjungen Parker
Aktualisiert

Kannibalismus auf SeeDas traurige Ende des Schiffsjungen Parker

Er war nicht der erste Schiffbrüchige, der von seinen Kameraden gegessen wurde, doch ein Gerichtsfall machte Richard Parker posthum zur Berühmtheit.

von
jcg

Ende 1884 wurde vor einem Gericht im englischen Exeter ein ganz und gar aussergewöhnlicher Fall verhandelt. Angeklagt waren die Seeleute Tom Dudley, Edwin Stephens und Edmund Brooks. Sie hatten, nachdem ihr Schiff gesunken war, den siebzehnjährigen Schiffsjungen Richard Parker getötet und aufgegessen. An den Richtern war es nun, zu entscheiden, ob die Männer dafür bestraft werden mussten.

Das Unheil hatte seinen Lauf genommen, als die Männer vier Monate zuvor in Seenot geraten waren. Sie waren im Begriff, die Mignotte, eine englische Jacht, im Auftrag eines australischen Rechtsanwalts nach Sydney zu überführen. Dabei gerieten sie am 5. Juli im Südatlantik ungefähr 1400 Kilometer von Kap Hoorn entfernt in einen fürchterlichen Sturm, der die Yacht innert Minuten zum Sinken brachte. Kapitän Dudley befahl seine Crew ins Rettungsboot. Die Männer waren gerettet. Vorerst.

Zwei Büchsen Rüben und eine Schildkröte

In der Eile war es den Seeleuten nur gelungen, zwei Dosen Rüben einzupacken. Süsswasser hatten sie keines an Bord des rund vier Meter langen Bootes. Es gelang ihnen schliesslich, eine Schildkröte zu fangen, die sie untereinander aufteilten. Zusammen mit den Rüben hatten sie so bis zum 15. oder 17. Juli Nahrung.

Bereits Tage zuvor hatten die Männer damit begonnen, ihren Urin zu trinken. Die drei erfahrenen Seebären vermieden es tunlichst, Meerwasser zutrinken. Der unerfahrene Analphabet Parker hatte da weniger Hemmungen, was ihm schliesslich zum Verhängnis werden sollte. Am 20. Juli wurde er krank und seine Kräfte begannen zu schwinden.

Parkers Todesurteil

Den älteren Männer kam das auf makabere Art gelegen. Sie hatten bereits seit einigen Tagen mit dem Gedanken gespielt, wie in solchen Situationen üblich, das Los über ihr gemeinsames Schicksal entscheiden zu lassen. Der, den es treffen sollte, wäre von den anderen gegessen worden. Doch sie konnten sich nicht dazu durchringen, in der Frage um Leben und Tod Hölzchen zu ziehen.

Mit der Krankheit des Schiffsjungen wendete sich das Blatt. Dudley und Stephens beschlossen, Parker zu töten. Sie waren zum Schluss gekommen, dass für Parker keine Hoffnung mehr bestand und niemand den unverheirateten Burschen vermissen würde. Sie waren zudem der Überzeugung, dass sein Blut nicht mehr geniessbar wäre, wenn er an seiner Krankheit sterben würde. Und so schlitzte Dudley mit Stephens' Einverständnis Parkers Kehle durch.

Kein Schuldbewusstsein

Dudley und Brooks langten anschliessend kräftig zu, während Stephens kaum etwas von Parker ass. Am 29. Juli schliesslich rettete das deutsche Segelschiff Moctezuma die Schiffbrüchigen. Noch an Bord des Seglers begann besonders Dudley lang und breit von ihrem Akt der Verzweiflung zu erzählen. Er und seine Freunde waren sich keiner Schuld bewusst, denn es war damals keineswegs ungewöhnlich, dass Schiffbrüchige zum Überleben ihre Kameraden assen.

Und so gaben die Seeleute auch in England ihr Handeln freimütig zu und glaubten sich durch die «Gebräuche der See» (Customs of the sea) geschützt. Tatsächlich war bis zu diesem Zeitpunkt kaum je ein Überlebender für eine solche Tat verurteilt worden. Inzwischen hatte in England allerdings der Wind gedreht. Den Behörden waren die Gebräuche ein Dorn im Auge, liessen sie doch Mörder ungeschoren davonkommen. Dass Dudley gestanden hatte, Parker ohne vorherigen Losentscheid getötet zu haben, war für die Richter deshalb ein Geschenk des Himmels. Sie konnten nun der Frage nachgehen, ob die Seeleute den Schiffsjungen töten durften, um ihr eigenes Leben zu retten.

In der Verhandlung machte die Verteidigung das Vorliegen eines Notstands geltend und hoffte, so den Angeklagten eine Verurteilung wegen Mordes ersparen zu können. Doch die Richter wollten davon nichts wissen. Sie verurteilten Dudley und Stephens wegen Mordes zum Tode. Brooks, der als Kronzeuge auftrat, kam davon, weil er am Mord an sich nicht beteiligt gewesen war. Zwar ass er auch von Parker, da aber Kannibalismus nicht strafbar ist, konnte man ihm das nicht vorwerfen.

Sympathie in der Bevölkerung

Dudley und Stephens behielten schliesslich ebenfalls ihr Leben. Ihre Todesstrafe wurde vom Innenminister in eine sechsmonatige Haftstrafe umgewandelt. Dieser Schritt war nicht zuletzt dadurch beeinflusst, dass die Verurteilten in der Bevölkerung einige Sympathien genossen. Das Schicksal der drei Schiffbrüchigen war weitherum bekannt, Zeitungen in ganz Europa hatten darüber berichtet. In der Öffentlichkeit war der Konsens, dass die Männer bereits genug durchgemacht hatten. Auch Dudley, der nach seiner Strafe eine erfolgreiche Existenz in Australien gründete, akzeptierte bis zu seinem Tode nicht, dass seine Verurteilung gerecht gewesen sein solle.

Unter Juristen in der angelsächsischen Welt ist der Fall bis heute bekannt. Er wird in der Juristenausbildung oft behandelt, wenn es darum geht, den Wert von Menschenleben in Extremsituationen gegeneinander abzuwägen. In der Schweiz dürften die Männer mit einer milden oder gar keiner Strafe davonkommen, da sie im entschuldbaren Notstand (Art. 18 StGB) handelten.

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