Aktualisiert 09.08.2011 07:58

Notstand in OstafrikaDas traurige Gesicht der Hungersnot

Minhaj Gedi Farah ist sieben Monate alt. Er wiegt etwas mehr als 3 Kilo - so viel wie ein Neugeborenes. In seinem Gesicht widerspiegelt sich das Elend der Hungernden.

von
K. Houreld/K. Kazziha
AP

Die Haut des Babys knittert wie papierdünnes Leder, wenn die Mutter ihm sacht über die eingefallenen Wangen streicht. Minhaj Gedi Farah ist sieben Monate alt und wiegt nur gerade mal 3400 Gramm. Die Augen des Jungen starren übergross aus dem knochigen Gesicht, jede Rippe zeichnet sich ab, die Ärmchen gleichen dürren Zweigen - das Bild der Not am Horn von Afrika.

Hilfsorganisationen befürchten, dass in der Region wegen der Hungersnot 800 000 Kinder wie Minhaj sterben könnten. So schnell wie möglich versuchen sie, Nahrung in die gefährlichen und bislang abgeschnittenen Dürreregionen Somalias zu bringen. Wer weiss, wie viele hungernde Kinder noch dort sind, weit entfernt von den Ärzten und Helfern und ihren Nährlösungen im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia.

Überlebenschance 50:50

Minhaj hat es ins Lazarett geschafft. Seine Überlebenschance schätzt die Krankenschwester Sirat Amine auf 50:50. Ein Kind seines Alters müsste drei Mal so viel wiegen. Seine Mutter Asiah Dagane wedelt ihm mit einem Zipfel ihres Kopftuchs die Fliegen aus dem Gesicht und versucht, den schwach vor sich hin jammernden Jungen zu trösten. «Es geht mir nicht gut», sagt sie leise. «Mein Baby ist krank. In meinem Kopf bin ich auch krank.»

«Zehntausende sind schon gestorben»

Der Winzling mit dem Greisengesicht ist das jüngste von sieben Kindern. Dagane machte sich mit ihm und vier Geschwistern nach Kenia auf, als daheim in Kismayo alle ihre Schafe eingegangen waren, wie sie mit Hilfe eines Dolmetschers berichtet. Wie zehntausende andere Somalier auf der Flucht vor dem Hungertod marschierte die Familie zu Fuss durch den Staub, wenn sie nicht manchmal von einem Wagen ein Stück mitgenommen wurde.

Nun wacht Dagane auf der Station über ihren Sohn, inmitten all der anderen Mütter mit ihren Babys an Infusionsschläuchen. Manche Kinder schreien, andere liegen apathisch da. In der Mitte des Raums hängt eine Korbwaage - dass viele der Kleinkinder lebensbedrohlich unterernährt sind, sieht man auch so.

Abdi Ibrahim Yara traf vor drei Wochen mit seinen vier Kindern ein, darunter einjährige Zwillinge. 25 Tage lang war die Familie unterwegs gewesen, als seine schwangere Frau an Unterernährung starb. «Zuhause hatten wir ein gutes Leben, aber jetzt ist niemand mehr da», sagt Yara. Die Ankömmlinge im Lazarett, zumeist aus der Mitte Somalias zwischen Kismayo und Mogadischu stammend, klagten alle über schwere Unterernährung, sagt Schwester Abukar Abdule. «Wir müssen sie mindestens eine Woche lang behandeln», sagt sie. «Sie haben nicht zu essen, kein Obdach, kein Wasser. Manche sind krank. Manche sterben unterwegs. Viele Mütter, die hierher kommen, haben Kinder verloren.»

Mehr als elf Millionen betroffen

Mehr als elf Millionen Menschen in Ostafrika leiden nach Schätzung der Vereinten Nationen unter der Dürre. Am schwersten trifft es 3,7 Millionen Menschen in Somalia, wo der Bürgerkrieg die Lage noch verschlimmert und die berüchtigten Al-Schabab-Milizen in manchen Landesteilen Hilfe von aussen verhindern. Mit einer Luftbrücke hoffen die UN nun Notrationen für mindestens 175 000 der 2,2 Millionen Somalier einzufliegen, die bislang noch keine Hilfe erreicht hat. Das könnte den Flüchtlingsstrom nach Kenia verringern, wo schon zigtausende Zuflucht gesucht haben.

Im Flüchtlingslager wird Minhaj von der Krankenschwester begutachtet und gemessen. «Ernstlich, ernstlich unterernährt» sei der Kleine, stellt sie fest. «Wir sagen der Mutter natürlich nie, dass ihr Kind es vielleicht nicht schafft», erklärt die Schwester. «Wir versuchen, ihnen Hoffnung zu geben.»

Update 8.8.2011:

Aufatmen zwei Wochen später: Am 8. August 2011 verbreitet AP die Meldung, Minhaj Gedi Farah gehe es besser, das Leben des Jungen sei nicht mehr unmittelbar in Gefahr. Zur Story.

Spenden gegen die Hungersnot

Die Glückskette nimmt Spenden auf dem Postkonto 10-15000-6 mit dem Vermerk «Afrika» oder online auf www.glueckskette.ch entgegen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.