Krieg in Gaza: Das Tunnelsystem der Hamas
Aktualisiert

Krieg in GazaDas Tunnelsystem der Hamas

Die Grenze zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten ist hermetisch abgeriegelt — über dem Erdboden. Darunter aber erstreckt sich ein Tunnelsystem, das der israelischen Armee ähnliche Schwierigkeiten macht wie jenes des Viet Cong den Amerikanern.

Schon seit Jahren wickelt sich unter der Grenze des Gaza-Streifens zu Ägypten ein reger Grenzverkehr ab. Über die rund 800 bis 1000 Tunnel gelangt nahezu alles in den Streifen, was dort benötigt wird: Lebensmittel, Baumaterial, Medikamente, Elektrogeräte — und Waffen.

Wie die US-Armee in Vietnam

Vor allem der Waffentransport könnte nun entscheidend zum Ausgang des gegenwärtigen Kriegs beitragen: Eines der erklärten israelischen Kriegsziele ist die Unterbindung des Schmuggels durch die Tunnel, der die Kämpfer der Hamas mit Waffen versorgt.

Die israelische Armee finde sich dabei in einer ähnlichen Situation wieder wie die US-Armee im Vietnamkrieg, analysiert das amerikanische Online-Portal Foxnews.com. Tatsächlich fanden damals auch die Hightech-Streitkräfte der stärksten Militärmacht kein Rezept gegen die karg ausgerüsteten Einheiten des Viet Cong, die ein gigantisches Tunnelsystem in die Erde gegraben hatten.

In den Tunnels von Cu Chi, die sich schliesslich auf drei Ebenen über eine Gesamtlänge von 200 Kilometern erstreckten, gab es unterirdische Schlafsäle, Waffenkammern, Schulen, Kommandozentralen und Lazarette. Manche Abschnitte verfügten sogar über Elektrizität. Jede Anlage hatte mehrere gut getarnte Ein- und Ausgänge, aus denen Überraschungsangriffe geführt wurden.

Die unterirdischen Gänge waren lediglich etwa 80 cm hoch und 60 cm breit.

Die US-Truppen starteten zwei Offensiven, Operation Crimp und Operation Cedar Falls, um das Tunnelsystem zu vernichten, aber beiden war nur geringer Erfolg beschieden. Auch Angriffe mit B-52-Bombern konnten das System nicht zerstören.

Kampftaktik angepasst

Die israelische Armee habe sich auf die Kriegsführung gegen die Tunnel der Hamas vorbereitet, sagt Yoni Fighel, ein ehemaliger Mitarbeiter des israelischen Geheimdiensts, laut Foxnews.com. Die Armee habe dafür ihre Kampftaktik angepasst und spezielle Technologien entwickelt.

Andere Experten bezweifeln indes, ob es möglich ist, militärisch genutzte Tunnel von solchen zu unterscheiden, die für kommerzielle Zwecke angelegt wurden.

100 000 Dollar für einen Tunnel

Deren Bedeutung ist weiter gestiegen, seit Israel nach der Machtübernahme der Hamas 2006 eine Blockade über den Gazastreifen verhängt hat. Sie sind regelrechte Lebensadern, über die der Streifen von aussen versorgt wird.

Die Anlage eines Tunnels ist dabei eine lohnende Investition: Ein durchschnittlicher Tunnel ist 800 bis 1400 Meter lang, wird in etwa sechs Monaten gegraben und kostet bis zur Fertigstellung umgerechnet ungefär 100 000 Dollar, berichtete Spiegel Online in einer Reportage im Oktober letzten Jahres. Dann aber bringe er dem Betreiber 25 000 Dollar ein — pro Monat.

Zur Zeit aber dürfte die militärische Bedeutung der Tunnel im Vordergrund stehen. Die israelische Luftwaffe bombardierte gleich zu Beginn der Operation «Gegossenes Blei» am 27. Dezember Stellen an der Grenze des Gazastreifens, wo Tunnel vermutet wurden. Eingesetzt wurden dabei so genannte «Bunker Buster» — Bomben, die unterirdisch explodieren. Die Druckwellen sollen die Tunnels zum Einsturz bringen.

Welchen Erfolg die mehrfachen Bombenangriffe hatten, ist derzeit noch nicht abzusehen.

Unterirdische Mauer

Die israelischen Ziele beschränken sich nicht auf die Zerstörung des Tunnelsystems: Aufgrund der Erfahrungen mit der Hizbollah im Libanon, die ihre Arsenale nach dem Waffenstillstand 2006 wieder auffüllen konnte, will Israel die Wiederbewaffnung der Hamas um jeden Preis verhindern. Ohne Tunnel dürfte dies der islamistischen Organisation schwer fallen.

Damit nach einem künftigen Waffenstillstand nicht neue Tunnel angelegt werden können, will Israel sich mit der Stationierung einer internationalen Friedenstruppe an der Grenze nicht zufrieden geben, sondern weitere Massnahmen ergreifen. So soll nach israelischen Plänen auf der ägyptischen Seite der Grenze eine unterirdische Mauer errichtet werden, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Ob Kairo diesem Vorhaben seinen Segen erteilen wird, ist derzeit allerdings noch höchst fraglich.

(dhr)

Deine Meinung