Einzelkritik: Das Ungeheuer im Swimming Pool
Aktualisiert

EinzelkritikDas Ungeheuer im Swimming Pool

An der WM glänzten Josip Drmic und Xherdan Shaqiri erst mit einer Showeinlage am Swimming Pool, dann mit drei Toren gegen Honduras. In St. Gallen frischten sie Erinnerungen auf.

von
Sandro Compagno

Yann Sommer

Der Goalie hatte mit der Swimming-Pool-Nummer nichts zu tun, dafür im Regen von St. Gallen Zeit für eine 90-minütige Dusche. In Halbzeit eins war er zwei-, dreimal bei Flanken gefordert, nach der Pause dann nur noch damit beschäftigt, sich allein in seiner Platzhälfte warm zu halten.

Stephan Lichtsteiner

Der Rechtsverteidiger war - wie die gesamte Abwehr - in der Defensive kaum gefordert. Offensiv sah man ihn schon schwungvoller. Ob ihn seine entzündete Zehe doch etwas behinderte?

Johan Djourou

Ein guter Auftritt des Abwehrchefs, gewürzt mit einem kapitalen Bock. Sein Fehlpass auf Novikovas eröffnete diesem die Chance, Goalie Yann Sommer aus rund 50 Metern mit einem Heber zu überlisten. Was Sommers Gladbacher Teamkollege Christoph Kramer vor einer Woche im Bundesliga-Spiel gegen Dortmund noch geschafft hatte, misslang dem Litauer. Es ist halt nicht jeder ein Weltmeister.

Fabian Schär

Der zweite Innenverteidiger zeigte defensiv eine fehlerlose Leistung und versuchte sich ab und zu mit einem langen Ball offensiv bemerkbar zu machen. Machte sich in der 68. Minute nachhaltig bemerkbar, als er nach einem Eckball das 2:0 schoss. Sein viertes Tor im neunten Länderspiel. Was für eine Quote für einen Abwehrspieler!

François Moubandje

Der Linksverteidiger aus Toulouse debütierte für den verletzten Ricardo Rodriguez und machte seine Sache so gut, dass er bei seine Auswechslung von den 17'300 mit einer stehenden Ovation verabschiedet wurde. Nun ist Litauen nicht Argentinien, ja nicht einmal Slowenien, und ein abschliessendes Urteil nach dem Spiel gegen eine solch mittelmässige Auswahl nicht möglich, aber der junge Mann mit Wurzeln in Kamerun könnte sich zum valablen Backup für Rodriguez entwickeln. Immerhin hatte er es mit Gegenspieler Arvydas Novikovas zu tun, der Mann von Erzgebirge Aue ist einer der wenigen Litauer mit einer gewissen fussballerischen Qualität. Sah schon in der ersten Halbzeit Gelb und wurde aus diesem Grund von Vladimir Petkovic nach 75 Minuten ausgewechselt.

Valon Behrami

Ist vielleicht der weltweit einzige Weltklasse-Fussballer, bei dem niemand «Schiess!» ruft, wenn er 20 Meter vom gegnerischen Tor entfernt den Ball am Fuss hat. Aber: Es war seine Kopfball-Vorlage, die Schär zum beruhigenden 2:0 veredelte. Abgesehen davon tat er das, wofür ihn jeder Trainer schätzt: Gewann jeden Zweikampf, eroberte viele Bälle und spielte sie auf den am nächsten stehenden Kollegen.

Gökhan Inler

Der Taktgeber im Mittelfeld hatte viele, viele Ballkontakte. Sein Job, die Bälle auch wieder sinnvoll zu verteilen, war gegen die destruktiven Litauer nicht einfach. Spielte dennoch viele kluge Pässe, strahlte Ruhe aus und führte fast so viele Zweikämpfe wie Nebenmann Behrami.

Blerim Dzemaili

Der Mittelfeld-Puncher kam wegen der Absenz von Granit Xhaka mal wieder zum Handkuss und gab Rätsel auf: Versemmelte klarste Torchancen, spielte aber auch den Traumpass auf Mehmedi, der das 1:0 auf dem Fuss hatte, aber nur den Pfosten traf. Ordentliche 90 Minuten, die aber an der internen Hackordnung im Mittelfeld nichts ändern.

Haris Seferovic

Ungemein fleissig, immer anspielbar, oft erster Verteidiger, wenn der Gegner ab und zu mal in Ballbesitz war. Kann man dem Stürmer von Eintracht Frankfurt für seine Leistung einen Vorwurf machen? Wenn, dann nur einen: Er schiesst keine Tore mehr. Seinen Kopfball in der 18. Minute kratzte Goalie Arlauskis sensationell von der Linie, seinen Schuss kurz später holte er aus dem Winkel.

Xherdan Shaqiri

Tat sich in der ersten Halbzeit sehr schwer gegen die tief stehenden Balten, hatte danach aber bei allen vier Schweizer Toren die Füsse im Spiel. Das 1:0 und das 2:0 fielen nach Eckbällen des Mannes, der beim FC Bayern nur Reservist, in der Schweizer Nati aber unverzichtbar ist. Das 3:0 und das 4:0 schoss er selber, und wie: das 3:0 nach Drmic-Flanke als 1,69 m kleines Kopfball-Ungeheuer, das 4:0 trickreich mit der Hacke. Es war fast wie damals am Swimming Pool, nur mit vertauschten Rollen.

Admir Mehmedi

Was für Seferovic gilt, lässt sich auch über Mehmedi sagen: fleissig, oft anspielbar, aber glücklos. Hatte seine grösste Chance nach 55 Minuten, als er alleine vor Goalie Arlauskis auftauchte, den Ball am Schlussmann vorbeischob und an den Pfosten setzte.

Josip Drmic

Schön, wer solche Stürmer auf der Ersatzbank hat: Kam in der 63. Minute für Mehmedi, war ursächlich am 1:0 nur drei Minuten später beteiligt und legte zweimal mustergültig für Shaqiri auf. Starker Teileinsatz!

Gelson Fernandes

Die Allzweckwaffe wurde in der Schlussphase für den gelb-rot-gefährdeten Moubandje eingewechselt. Tadellose Kurzarbeit.

Marco Schönbächler

Der zweite Debütant neben Moubandje kam in der 83. Minute für Seferovic. Er strahlte schon beim Einlaufen, er strahlte beim Schlusspfiff und in der Mixed Zone immer noch. Dazwischen liess er seine unglaublichen technischen Fähigkeiten aufblitzen: Wie er einen 60-Meter-Pass von Schär mal eben mit dem Aussenrist abtropfen liess und sofort den Abschluss suchte, war ein Zungenschnalzer.

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