Schläger-Opfer von Kreuzlingen: «Das Urteil zeigt, dass Kuscheljustiz herrscht»
Aktualisiert

Schläger-Opfer von Kreuzlingen«Das Urteil zeigt, dass Kuscheljustiz herrscht»

Das Bundesgericht hat das Urteil gegen zwei Schläger von Kreuzlingen aufgehoben. Eines der Opfer, Kieran Wohlgemuth, sagt, was für Gefühle dies bei ihm auslöst.

von
Qendresa Llugiqi
Kieran Wohlgemuth ist froh, dass er den Angriff überlebt hat. (Bild: zvg)

Kieran Wohlgemuth ist froh, dass er den Angriff überlebt hat. (Bild: zvg)

Drei Jugendliche hatten im Jahr 2009 am Bahnhof Kreuzlingen zwei Jungs grundlos verprügelt und anschliessend verletzt liegen gelassen. Dafür wurden sie vom Thurgauer Obergericht zu hart bestraft – zu diesem Schluss kam das Bundesgericht. Es hat am Mittwoch die Beschwerden von zwei Tätern gutgeheissen.

Der Entscheid des höchsten Schweizer Gerichts stiess bei vielen 20-Minuten-Lesern, aber auch bei Politikern auf Unverständnis. Kieran Wohlgemuth (25), eines der Opfer, kann die Aufregung verstehen. Für ihn sei aber bereits klar gewesen, dass es so kommen werde, sagt er zu 20 Minuten: «Dass in der Schweiz Kuscheljustiz herrscht, kann ich nach diesem Urteil klar bestätigen», so Wohlgemuth. «Es wird viel geredet, gehandelt wird aber kaum.» Er selber könne nichts dagegen machen. Deshalb habe er das Schreiben des Bundesgerichts bereits ins Altpapier geworfen und schaue in die Zukunft.

«Sie wollten einfach zuschlagen»

Immerhin seien die Täter dadurch bestraft worden, dass die Polizei Videoaufnahmen der Schläger veröffentlicht hat. «Die ganze Schweiz weiss, was das für Leute sind», sagt Wohlgemuth, der heute als Deckenmonteur arbeitet. «Jeder kennt ihre Gesichter und alle werden mit dem Finger auf sie zeigen – ihr Leben lang.»

In der Nacht des Angriffs hatte Wohlgemuth mit einem Kollegen in einem Club in Konstanz gefeiert. Als sie später zum Kreuzlinger Bahnhof liefen, um nach Hause zu fahren, wurden sie in der Unterführung plötzlich von drei anderen Jugendlichen attackiert. Wieso die Schläger sie angegriffen haben, wisse er bis heute nicht. «Sie wollten einfach zuschlagen, was dabei herauskommt, war denen egal», so Wohlgemuth.

Die Täter haben sich nie richtig entschuldigt

Er sei froh, dass er den Angriff überlebt und keine schwerwiegenden Verletzungen davongetragen habe: «An diesem Tag hatte ich wohl einen Schutzengel, der gut auf mich geschaut hat», so Wohlgemuth. Als er das Schläger-Video kurz danach gesehen habe, sei er aber geschockt gewesen. «Ich konnte nur noch daran denken, wie viel Glück ich eigentlich hatte, dass ich nur mit blauen Flecken davonkam.»

Das Bundesgerichtsurteil habe ihn trotzdem aufgewühlt: «Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass sich eigentlich keiner der Täter richtig bei mir entschuldigt hat», sagt er. «Nur einer hat mir einen Brief geschrieben.» Das Schreiben kam bei Wohlgemuth aber nicht so gut an: «Man merkte sofort, dass es nicht von Herzen kam», so der 25-Jährige. «Es wirkte wie von seinem Anwalt diktiert.»

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