Maserati Ghibli II: Das vergessene Bindeglied
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Maserati Ghibli IIDas vergessene Bindeglied

Der Maserati Ghibli erlebte mehrere Wiedergeburten. Seit 2013 gibt es ihn als Sechszylinder-Limousine, doch bereits 1992 wurde er präsentiert.

von
B. v. Rotz

Manche leben dreimal, so zumindest erging es dem Maserati Ghibli, dem berühmtesten und bekanntesten Sportwagen des Autoherstellers aus Modena. Seit 2013 ist der Ghibli als Sechszylinder-Limousine am Start, was bei Puristen zu hochgezogenen Augenbrauen führte. Wie konnte man da die Typenbezeichnung «Ghibli», die auf einen Wüstenwind zurückgeht, an eine Limousine mit einem V6-Motor heften?

Doch so überraschend kam die Wiederverwendung der klangvollen Bezeichnung nicht: Bereits in den 1990er-Jahren gab es einen viersitzigen Ghibli mit Sechszylindermotor, intern Tipo AM336 genannt.

Verwirrende Ahnengalerie

Der Maserati Biturbo wurde bereits 1981 präsentiert. Das kompakte Coupé war modern konzipiert und mit dem V6-Zweiliter, drei Ventilen pro Zylinder und doppelter Turboaufladung fortschrittlich. Nur die Vergaser erinnerten an traditionellen italienischen Sportwagen-Motorenbau, wurden denn aber auch schon bald durch eine Einspritzung ersetzt.

Über die nächsten Jahre lösten sich die Modelle in schneller Folge ab, es entstanden Seitenlinien und Varianten. Biturbo S, Biturbo II, Biturbo S II, Biturbo Si, 222, 222E, 2.24v, 222SE, 222SR, 2.24v II oder 222 4V hiessen die Coupés, dazu gestellten sich noch Viertürer mit Bezeichnungen wie 425, 420 oder 430. Und auch offene Varianten wurden produziert, sie hiessen Spyder.

Führungswechsel

Der Erfolg gab Maserati recht, die Stückzahlen stiegen auf mehrere Tausend pro Jahr an. Doch finanziell entwickelte sich die Firma weniger positiv als erhofft: Besitzer De Tomaso musste verkaufen und Fiat übernahm 1989 zuerst 49 Prozent und bis 1993 die gesamte Firma.

Unter neuem Regime erschien 1990 der Maserati Shamal mit neu entwickeltem Achtzylindermotor und einer durch Marcello Gandini neu gestalteten Karosserie. Dies hätte das Ende der Biturbo-Reihe sein können, doch am 23. April 1992 präsentierte Maserati auf dem Turiner Autosalon mit dem Ghibli die letzte Variante des zweitürigen Biturbo.

Kompaktes Sportcoupé

Die Freiheitsgrade für Gandini waren beschränkt, als er den Ghibli zeichnete. Bodengruppe und Karosseriebasis mussten vom Biturbo übernommen und Glasanteile, Türen sowie Dachbereich mussten weiterverwendet werden. Gandin schaffte es aber, dem Ghibli ein eigenständiges Design zu geben, das in Teilen an den Shamal angelehnt war. Das Coupé wirkt stimmig, für manche Geschmäcker fast ein wenig zu elegant und unauffällig. Nur der aufgesetzte Kofferraumdeckel, den man auch vom BMW M3 kennt, irritierte manchen Betrachter.

Innen war der Ghibli aber ein typischer Maserati jener Zeit, mit grosszügig verteiltem Holz, Connolly-Leder und edlen Teppichen. Nicht fehlen durfte auch die Analoguhr in der Mitte des Armaturenbretts.

Dynamisch

Knapp 1,35 Tonnen, gerade einmal 4,223 Meter Länge und 1,775 Meter Breite machen den Ghibli zusammen mit dem 284 PS starken 2,8-Liter-V6-24-Ventil-Motor zum quirligen Pistenräuber. Der Wagen fühlt sich herrlich handlich an, bremst vertrauensbildend und lässt sich ohne grossen Aufwand schnell bewegen. Die Werksfahrleistungen von 5,7 Sekunden für den Sprint von 0 bis 100 km/h und die 260 km/h Spitze nimmt man dem Coupé ohne Zweifel ab.

Der Ghibli, von 1992 bis 1997 in 2183 Exemplaren gebaut, konnte zwar seinem grossen Namen bezüglich Eleganz und Auffälligkeit nicht ganz gerecht werden, dafür war er zu sehr auf Understatement getrimmt, aber als letzte und wohl beste Biturbo-Variante hat er sicherlich einen guten Platz in der Maserati-Ahnengalerie verdient.

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