Mörderische Regime: «Das verlangt die Geschichte»
Aktualisiert

Mörderische Regime«Das verlangt die Geschichte»

Die Roten Khmer hatten in den 70er Jahren unvorstellbare Verbrechen begangen. Im Prozess gegen ein Mitglied der Führungsriege der «Steinzeitkommunisten» will die Staatsanwaltschaft den 1,7 Millionen Opfern des mörderischen Regimes zu später Gerechtigkeit verhelfen.

«Das verlangt die Geschichte», sagte eine Vertreterin der Anklage, Chea Leang, zu Beginn des zweiten Prozesstags am Dienstag. Angeklagt ist der frühere Leiter eines berüchtigten Foltergefängnisses, Kaing Guek Eav, genannt Duch. Er muss sich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Folter und Mord vor dem UN-unterstützten Tribunal verantworten.

Seit 30 Jahren warteten die Opfer der Roten Khmer auf Gerechtigkeit - darauf, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen würden, sagte die Staatsanwältin. «Seit 30 Jahren hat eine Generation Kambodschaner gehadert, um eine Erklärung für ihr Schicksal zu bekommen», sagte sie. Der 500 Plätze fassende Zuschauerbereich war am Dienstag den zweiten Tag in Folge voll besetzt - es mischten sich teils verstümmelte Opfer des Regimes mit Jurastudenten und Neugierigen.

Duch hatte das S-21 genannte Folterlager Toul Sleng in der Hauptstadt Phnom Penh geleitet, in dem 16 000 Männer, Frauen und Kinder brutal gefoltert und schliesslich vor den Toren der Stadt umgebracht wurden. Der 66-Jährige ist geständig. Zu Beginn der Vorverhandlung im Februar hatte er um Vergebung für seine Taten gebeten. Nach dem Sturz der Roten Khmer 1979 war Duch für 20 Jahre untergetaucht, bis er 1999 im Nordwesten Kambodschas aufgespürt wurde. Die juristische Vorbereitung des Prozesses hat Jahre gedauert. Duch ist der erste von insgesamt fünf ranghohen Roten Khmer, die sich vor Gericht verantworten müssen.

Die Aufarbeitung der Vergangenheit spielt bei den Prozessen eine grosse Rolle: Täter und Opfer wohnten nach dem Ende der Schreckensherrschaft der Roten Khmer wieder nebeneinander, die Verbrechen wurden nicht thematisiert. Bis heute hat die blutige Geschichte der Roten Khmer beispielsweise noch nicht Eingang in die Schulbücher des Landes gefunden.

Schläge, Elektroschocks, Ausreissen von Fuss- und Zehennägeln

Die Anklageschrift wirft Duch vor, aus den Insassen unter furchtbarer Folter das Geständnis «konterrevolutionärer Aktivitäten» herausgepresst zu haben. Gefangene seien mit Schlägen, Elektroschocks, dem Ausreissen von Fuss- und Zehennägeln, dem Überziehen von Plastiktüten und anderen grausamen Praktiken gefügig gemacht worden. Die anschliessende Hinrichtung der Insassen war laut Anklage von vornherein beschlossene Sache. Das Folterlager Toul Sleng, eine frühere Schule, die mitten in einem Wohngebiet liegt, ist heute ein Museum.

Die Roten Khmer unter ihrem 1998 verstorbenen Führer Pol Pot verwandelten Kambodscha nach ihrer Machtübernahme 1975 in ein gigantisches Zwangsarbeitslager, in dem sie nach ihrer Ideologie die traditionelle Gesellschaft auslöschen und beim «Jahr Null» neu anfangen wollten. Schätzungsweise bis zu zwei Millionen Menschen verhungerten, starben an Krankheiten oder wurden exekutiert. 1979 wurden die Roten Khmer nach dem Einmarsch vietnamesischer Truppen gestürzt. (dapd)

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