Aktualisiert 14.02.2013 17:10

Oscar Pistorius

Das verrückte Leben des «Blade Runners»

Oscar Pistorius hat in der Nacht auf Donnerstag seine Freundin erschossen. Erst hiess es aus Versehen - jetzt wird daran gezweifelt. Es ist der Tiefpunkt im bewegten Leben des «Blade Runners».

von
fox

Oscar Pistorius durchlebte in seinen 26 Jahren viele Hochs und Tiefs. Schon bei seiner Geburt am 22. November 1986 war klar: Der Junge wird ein spezielles Leben führen. Denn Klein-Oscar kam ohne Wadenbeine auf die Welt. Schon nach elf Monaten wurden ihm die Beine unterhalb der Knie amputiert. Dank speziell angefertigten Prothesen lernte er das Laufen trotzdem.

Der tiefgläubige Pistorius wuchs ziemlich normal auf. Er machte Sport, wie andere Kinder und spielte lange Rugby. Seine Mutter Shela lehrte ihn früh, seine Behinderung nicht als Handicap zu sehen. Das Durchsetzungsvermögen prägte ihn derart, dass er während eines Rugby-Spiels, als ihm ein Gegner bei einem Tackling eine Prothese abriss, auf einem Bein über die Touchdown-Linie hüpfte. Es war das Jahr, als seine Mutter starb. Neben einem Bibelspruch auf dem Schulterblatt hat er sich auch das Geburts- und Todesdatum von ihr auf den rechten Oberarm tätowiert lassen.

2003 bedeutete eine erneute Rugby-Verletzung das «Karrierenende» für Pistorius. Als Teil der Rehabilitation musste der damals 17-Jährige oft laufen. So kam er durch Zufall zur Leichtathletik. «Nur acht Monate nach dem Sprinttraining-Start ging ich nach Athen an die Paralympics 2004», erinnerte sich der Sprinter einst. Mit Gold über 200 m und Bronze über 100 m schlug der Südafrikaner ein wie eine Bombe. Trotzdem sagt er: «Ich hätte selbst dort nicht gedacht, dass das mit der Leichtathletik weitergeht.»

Der Kampf um die Olympia-Teilnahme

Inzwischen hat Pistorius fünf olympische Goldmedaillen gewonnen, eine silberne und eine bronzene. Dazu kommen sechs WM-Titel und eine silberne Auszeichnung. Doch Pistorius wollte mehr. Er, der sich nie als behindert sah, sondern als «ohne Beine», wollte bei den Nicht-Behinderten starten.

So trat er 2007 erstmals bei den Nichtbehinderten an. Seither gehen die Diskussionen hoch, ob seine Karbon-Prothesen ein Vorteil sind oder nicht. Im Januar 2008 entschied der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF, dass diese gegen die Wettkampfregel 144.2 verstossen. Dort steht, dass technische Hilfsmittel verboten sind. Pistorius zog den Fall vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne. Und tatsächlich: Der Entscheid wurde zurückgenommen. Pistorius habe zwar gewisse Vorteile, doch beim Start oder in der Kurve auch Nachteile. Der Weg zur Olympia-Qualifikation war frei.

Erster behinderter Athlet an der WM und Olympia

Im Juli 2008 versuchte der Südafrikaner in Luzern die Olympia-Limite zu knacken. Damals erklärte er gegenüber 20 Minuten Online: «Ein Paar Prothesen kostet rund 3000 Dollar, das ist gar nicht mal so viel. Aber die Balance und das Körpergefühl sind viel schlechter als mit normalen Gehhilfen.» Für eine Olympia-Qualifikation reichte es damals nicht. Auch für die Staffel wurden vier andere (schnellere) Südafrikaner nominiert.

Doch im Juli 2011 knackte der «Blade Runner» auf seinen «Cheetahs» die WM-Limite und qualifizierte sich als erster beidbeinig-amputierter Athlet für die WM in Daegu. Über 400 m schied er im Halbfinal als Letzter aus, doch mit der Staffel holte er Silber. Pistorius wurde allerdings nur im Halbfinale – als das Team Landesrekord aufstellte – und nicht im Finale eingesetzt. Sportlich ging es weiter aufwärts: Auch die Qualifikation für Olympia 2012 gelang dem Mann aus Sandton. Doch es gab auch Rückschläge. Bei den Paralympics 2012 wenig später wurde Pistorius über 200 m vom Brasilianer Alan Fonteles Cardoso Oliveira besiegt. Pistorius erklärte danach: «Ich will Alans Leistung nicht schmälern, aber ich kann mit seiner Schrittlänge nicht mithalten. Das ist absolut lächerlich.»

Gefängnis und Speedboat-Unfall

Sportlich machte Pistorius im Dezember 2012 nochmals von sich reden, als er in Doha über 200 m ein Pferd besiegte. Sein Stellenwert in Südafrika und der Sportwelt ist aber hoch. Schon als 16-Jähriger bekam er mit der Ikhamanga-Auszeichnung eine der bedeutendsten Ehrungen Südafrikas überreicht, das «Time Magazine» führte ihn 2012 als einer der 100 einflussreichsten Menschen weltweit ein und mit Sponsorendeals von Ossur (Prothesenhersteller), Nike, BT, Oakley oder Thierry Mugler soll er jährlich rund zwei Millionen Dollar verdienen.

Doch immer lief es nicht rund für Pistorius. Bei einem Speedboat-Unfall im Februar 2009 zog er sich Kopf- und Gesichtsverletzungen zu, nach eigenen Aussagen entging er nur knapp dem Tod. Im September des gleichen Jahres musste der Sportstar zudem eine Nacht im Gefängnis verbringen, weil er einer 19-Jährigen angeblich die Nase verletzte, als er die Türe zuschlug. Pistorius bestreitet die Tat.

Frauengeschichten und eine üble Drohung

Sein Umgang mit Frauen liess zuletzt immer wieder aufhorchen. Von seiner langjährigen High-School-Freundin Vicky Miles trennte er sich, danach gab es Gerüchte um das russische Model Anastassia Khozissova. Samantha Taylor erklärte im letzten November: «Oscar ist nicht der, für den er gehalten wird.» Eineinhalb Jahre seien die beiden zuvor zusammen gewesen. Dann tauchte Pistorius bei den südafrikanischen Sports Awards mit Reeva Steenkamp auf. «Wir sind nur Freunde», erklärte das Model und sprach von Zufall, dass sie im gleichen Auto kamen und am gleichen Tisch sassen. Taylor meint dazu: «Oscar hat einen speziellen Umgang mit Frauen. Vermutlich ist sie nicht die einzige, die er hat.»

Wenige Tage später eskalierte ein Streit mit TV-Produzent Quinton van der Burgh. Pistorius beschuldigte van der Burgh, während einem Motorsport-Event mit seiner Freundin eine Affäre gehabt zu haben. Als sich Supersports-Reporter Marc Batchelor – ein Freund von van der Burgh – einmischte, soll Pistorius gedroht haben, ihm beide Beine zu brechen. Van der Burgh erzählte, er hätte bei jenem Streit um sein Leben gefürchtet. Jetzt also soll er seine Freundin Steemkamp für einen Einbrecher gehalten und erschossen haben. Es ist vorerst der Tiefpunkt in einem bewegten Leben, das wohl noch weitere unerwartete Wendungen nehmen wird.

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