Studie «Junge Schweizer*innen 2021» - «Das Vertrauen in die Zukunft ist bei ‹Generation Reset› nachhaltig gestört»
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Studie «Junge Schweizer*innen 2021»«Das Vertrauen in die Zukunft ist bei ‹Generation Reset› nachhaltig gestört»

Verlustängste, geplatzte Träume und das Gefühl, nicht vorwärts zu kommen: Durch die Corona-Pandemie werden junge Menschen immer wieder «zurück zum Start» geschickt, sagt der Jugendforscher Simon Schnetzer.

von
Daniel Krähenbühl
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Nichts ist mehr planbar, alles muss verschoben und kurzfristig entschieden werden: Dies habe den Heimatbezug und den Bezug zur Familie geändert, zeigt eine neue Studie.

Nichts ist mehr planbar, alles muss verschoben und kurzfristig entschieden werden: Dies habe den Heimatbezug und den Bezug zur Familie geändert, zeigt eine neue Studie.

Pexels/Ivan Samkov
Für die Studie «Junge Schweizer*innen 2021» hat die Agentur jim & jim 1202 junge Menschen in der Deutschschweiz befragt.

Für die Studie «Junge Schweizer*innen 2021» hat die Agentur jim & jim 1202 junge Menschen in der Deutschschweiz befragt.

20min/Matthias Spicher
«Bei der Generation Reset ist mehr Demut und Dankbarkeit eingekehrt, denn die jungen Menschen merken: Es ist nicht selbstverständlich, dass sie einen Job kriegen», sagt Simon Schnetzer, Jugend- und Trendforscher und Mitverfasser der Studie.

«Bei der Generation Reset ist mehr Demut und Dankbarkeit eingekehrt, denn die jungen Menschen merken: Es ist nicht selbstverständlich, dass sie einen Job kriegen», sagt Simon Schnetzer, Jugend- und Trendforscher und Mitverfasser der Studie.

piomars/Simon Schnetzer

Darum gehts

  • Für eine Studie hat die Agentur jim & jim insgesamt 1202 Jugendliche und junge Erwachsene in der Deutschschweiz befragt.

  • Die Zuversicht und das Vertrauen in die Zukunft sei bei ihnen nachhaltig gestört, sagt der Studienautor Simon Schnetzer.

  • «Das Gefühl, keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben, ist allgegenwärtig und erdrückend», sagt der Jugendforscher.

Zuhause bleiben statt mit Freunden und Freundinnen Spass zu haben. Keinen Job finden oder ihn verlieren, statt beruflich durchzustarten. Wieder zu den Eltern ziehen, statt bereits die eigene Wohnung einzurichten: Junge Menschen fühlen sich momentan wie im Spiel Eile-mit-Weile, sagt der Jugendforscher Simon Schnetzer: Kaum sind sie fast am Ziel, werden sie zurück auf den Start gesetzt.

Herr Schnetzer, was macht die Generation Reset aus?

Es sind diejenigen 15- bis 27-Jährigen, die vor oder nach den Übergängen stehen – sei das im Studium oder im Beruf. Einige machten bereits ihre ersten Schritte im Berufsleben und müssen jetzt zwangsweise wieder bei Null anfangen.

Was bedeutet Reset für sie?

Die Zuversicht und das Vertrauen in die Zukunft ist bei ihnen nachhaltig gestört. Nichts ist mehr planbar, alles muss verschoben und kurzfristig entschieden werden. Diese Ungewissheit zieht sich durch alle Bereiche. Etwa bei Beziehungen: Eine Fernbeziehung mit jemandem aus Barcelona etwa können sich – im Gegensatz noch zu vor Corona – viele nicht mehr vorstellen.

Zudem hat sich auch der Heimatbezug und der Bezug zur Familie geändert. Man besinnt sich zurück zum Ursprung, zu den stärksten Vertrauensbeziehungen. Gleichzeitig hat sich die Beziehung zu Personen ausserhalb des engsten Kerns verändert.

Wie meinen Sie das?

Etwa in einer WG bestand oder besteht die Gefahr, dass jeder «die Gefahr» mit nach Hause bringt, man geht sich darum aus dem Weg, verzichtet auf gemeinsame Abende. Das Misstrauen, dass sich in alle Beziehungen eingeschlichen hat, prägt das menschliche Miteinander. Trifft man etwa seinen besten Kollegen, weiss man nicht recht, ob man ihn umarmen soll oder nicht.

Zwar geht Corona auch der jungen Generation auf den Wecker, aber trotzdem wollen sie ihre Eltern oder Grosseltern nicht in Gefahr bringen. Natürlich gibt es viele, die Partys besuchen, weiterhin daten und auch mit fremden Menschen Sex haben. Aber es gibt auch viele, die Rücksicht nehmen. Bei denen sitzt die Angst zum Teil wahnsinnig tief.

Wie hat Corona die Generation Reset verändert?

Die Zahlen der Studie stammen noch aus der Zeit vor dem zweiten Lockdown, aber da war bereits klar: Es wird dramatisch. Die psychischen Auswirkungen der Krise auf die 15- bis 27-Jährigen ist enorm gross. Viele leiden unter psychischen Krankheiten, sie sehen keine Perspektiven für ihre Zukunft. Die Versprechungen, dass es mit dem Impfen besser wird, bringen ihnen nicht viel. Sie fühlen sich in der Diskussion zwischen Politikern und Wissenschaftlern ohnmächtig und entmündigt. Das Gefühl, keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben, ist allgegenwärtig und erdrückend.

Was spannend ist: In der Umfrage haben wir gesehen, dass gläubige Menschen weniger negativ beeinträchtigt und mit einer positiveren Einstellung aus der Krise kommen. Der Glaube scheint also zu helfen.

Wie verändert die Corona-Pandemie die Generation Reset im Vergleich zu ihren Vorgängern?

Die Generationen Y und Z waren der Ansicht, dass sie einen Anspruch auf Spass bei der Arbeit und auf eine gute Work-Life-Balance haben. Mit einer souverän vorgetragenen Erwartungshaltung wurde das auch selbstbewusst eingefordert. Bei der Generation Reset ist mehr Demut und Dankbarkeit eingekehrt, denn die jungen Menschen merken: Es ist nicht selbstverständlich, dass sie einen Job kriegen. Bei ihnen treten nun aber ganz neue Fragen auf, etwa ob das Geschäftsmodell des Arbeitgebers Perspektive hat, ob er systemrelevant ist oder ob man in einer Krise ganz schnell vom Fenster weg ist. Gleich wichtig oder sogar noch wichtiger für die Generation Reset ist der digitale Raum.

Welche Apps oder Plattformen sind diesbezüglich im Trend?

Instagram ist nicht mehr cool: Niemand erlebt mehr was, niemand reist, niemand geht auf Partys. Kurzum: Es ist langweilig. Tiktok und vergleichbare Plattformen bleiben hingegen enorm wichtig – obwohl die jungen Menschen die Grenzen der digitalen Glückseligkeit spüren und während Corona gelernt haben, das Miteinander im Real Life wertzuschätzen. Denn: Wo gehen die jungen Menschen momentan hin, um wahrgenommen zu werden? Da gibts nichts anderes als die sozialen Plattformen. Man geht also auf Tiktok und versucht dort, mit Tanzeinlagen oder Challenges möglichst viel Aufmerksamkeit und Likes zu generieren. Die Generation Reset investiert also viel Zeit und Mühen in die eigene Online-Präsenz auf Social Media.

Das ist aber ein Spagat: Einerseits merken sie, dass es sie nicht wirklich glücklich macht. Geht es einem mit 500 Followern wirklich besser? Andererseits fehlt es an Alternativen.

Viele junge Menschen leiden an psychischen Krankheiten. Wie sehen mögliche Lösungsansätze aus?

Junge Menschen wollen nicht Opfer der Krise, sondern Teil der Lösung sein. Man müsste junge Menschen in die Position bringen, ihre Zukunft mitzugestalten. Jede Stadt, Gemeinde oder Schule sollte in einer monatlichen Zukunftswerkstatt eine Plattform bieten, um die grössten Herausforderungen zu diskutieren und anzugehen. So könnte man einerseits gegen die soziale Verarmung vorgehen, andererseits Projekte lancieren, die das Leben der jungen Menschen besser machen. Statt alles zu verbieten, könnten sie sich in lokalen Safe Spaces in einem geschützten Rahmen treffen.

Dabei muss man nicht nur an die jetzige Pandemie denken, sondern bereits an ein allfälliges nächstes Mal. Mir geht es dabei um die Generationengerechtigkeit: Eltern dürfen arbeiten gehen, Unis dürfen Prüfungen durchführen, aber den jungen Leuten wird alles verboten. Gibt man ihnen zu lange keine sinnstiftenden Aufgaben, fallen sie in eine psychologische Abwärtsspirale. Wer seine Fähigkeiten nicht einsetzen kann, kriegt das Gefühl, er oder sie sei wertlos. Das wiederum könnte zu Langzeitarbeitslosigkeit führen. Wir als Gesellschaft sind aber abhängig davon, dass Junge möglichst schnell in das Erwerbsleben integriert werden. Wir können es uns nicht leisten, junge Menschen in die Tatenlosigkeit abdriften zu lassen.

Wie verändert die Corona-Pandemie die Sicht auf die Wissenschaft und auf die Politik?

Lockdown, zerstörte Zukunftspläne, die soziale Distanz zu Freunden und Familie, Freizeit ohne Sport und Kultur: Das alles stellt in beispiellosem Mass das Vertrauen der jungen Bevölkerung auf die Probe. Man kann also klar sagen, dass das Vertrauen in die Politik und in die Wissenschaft momentan auf den extremen Prüfstand gestellt wird. Die Bereitschaft, ihnen Vertrauen zu schenken, ist gesunken. Je stärker man in seinen Freiheiten eingeschränkt ist, desto weniger ist man bereit, Entscheidungen mitzutragen, denen man nicht vertraut.

Was das Fass vom Überlaufen momentan noch abhält, ist der Wunsch, seine eigene Familie und die Nächsten zu schützen. Darum halten sich viele an die Regeln, darum ist die Systemwut noch nicht explodiert. Wichtig ist jetzt daher, dass man Vertrauen aufbaut: In den Selbstwert, zwischen Menschen, in die Politik und in die Zukunft.

«Junge Schweizer*innen 2021»

Für die Studie «Junge Schweizer*innen 2021» hat die Agentur jim & jim im vierten Quartal 2020 insgesamt 1202 Jugendliche und junge Erwachsene in der Deutschschweiz zu Themen aus ihrer Lebens- und Arbeitswelt in einer Online-Umfrage befragt. Mehr Infos dazu gibt es unter www.jungeschweizer.ch.

Die Studie wird im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt. Im Frühling 2021 wurden ebenfalls die beiden Partnerstudien «Junge Deutsche« und «Junge Österreicher:innen» veröffentlicht. Zudem werden die Befragungen in regelmässigen Abständen wiederholt.

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