Aktualisiert 18.03.2020 15:42

Corona-Stress in der Liebe«Das Virus stellt die Beziehung auf die Probe»

Beide Partner im Homeoffice, die Kinder daheim und das soziale Leben massiv eingeschränkt: Eine Paarberaterin erklärt, wie Paare den Corona-Stress meistern können.

von
Jacqueline Straub
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Bettina Disler ist Paar- und Sexualberaterin in Zürich und sieht die Corona-Krise als Herausforderung und Chance für Parnterschaften.

Bettina Disler ist Paar- und Sexualberaterin in Zürich und sieht die Corona-Krise als Herausforderung und Chance für Parnterschaften.

Eduard Meltzer
Partner, die es gewohnt sind, tagsüber ihren eigenen Bereich zu haben, müssen nun einen Weg finden, die gemeinsame Zeit auf eine neue Art zu meistern und sich gegenseitig trotzdem ihre Privatsphäre zuzugestehen.

Partner, die es gewohnt sind, tagsüber ihren eigenen Bereich zu haben, müssen nun einen Weg finden, die gemeinsame Zeit auf eine neue Art zu meistern und sich gegenseitig trotzdem ihre Privatsphäre zuzugestehen.

Jacoblund
In Partnerschaften geht es immer darum, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu halten. Fordern die Umstände viel Nähe, sollte man Ideen entwickeln, wie man genug Distanz schaffen kann.

In Partnerschaften geht es immer darum, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu halten. Fordern die Umstände viel Nähe, sollte man Ideen entwickeln, wie man genug Distanz schaffen kann.

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Was sind die grössten Herausforderungen einer Partnerschaft in Zeiten von Corona?

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und alles Neue fordert ihn heraus. Partner, die es gewohnt sind, tagsüber ihren eigenen Bereich zu haben, müssen nun einen Weg finden, die gemeinsame Zeit auf eine neue Art zu meistern und sich gegenseitig trotzdem ihre Privatsphäre zuzugestehen. Sicherlich ist eine der ganz grossen Herausforderungen die Kinderbetreuung: Wie geht ein Paar damit um, seine Kinder plötzlich 24/7 um sich zu haben, ohne dass einem die Decke auf den Kopf fällt? Leider fordert die Corona-Pandemie auch Tote. Ein Verlust in der Familie kann sich sehr belastend auf die Partnerschaft auswirken. Damit umzugehen, ist alles andere als einfach.

Wie überlebt ein Paar diese Zeit?

Neue Umstände fordern Kreativität. Statt sich allein oder als Paar regelmässig mit anderen zu treffen, zu tanzen oder ins Theater zu gehen, müssen die Menschen nun umdenken und improvisieren. Das ist auch eine Chance, sich als Paar neu zu begegnen. Mein Tipp: zusammen Dinge tun, die man sonst nicht tut oder schon immer mal tun wollte. Je kreativer die Ideen, desto spannender der Aufenthalt zu Hause.

Worauf soll man achten, wenn beide Partner im Homeoffice sind und sich auf die Nerven gehen?

Die Partner sollten sich im Vorfeld absprechen, wie sie ihre Homeoffice-Zeiten strukturieren wollen und welche Regeln ihnen wichtig sind. Etwa, ob gemeinsame Pausen geplant werden oder ob man den Tag getrennt in zwei Zimmern verbringt. Manche Paare arbeiten besser zusammen an einem Tisch, andere lassen sich dadurch ablenken. Helfen können Noise-Cancelling-Kopfhörer, so hört man den anderen nicht. Um die Stimmung positiv zu halten, sind gemeinsame, kurze Kaffeepausen hilfreich. Solche kleine Belohnungen erinnern daran, dass beide im selben Boot sitzen.

Wie pflegt man die Beziehung, wenn Kinder und Partner die ganze Zeit um einen rum sind?

In Partnerschaften geht es immer darum, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu halten. Fordern die Umstände viel Nähe, sollte man Ideen entwickeln, wie man genug Distanz schaffen kann. Auch hier ist ein strukturierter Tagesablauf sinnvoll, damit beide Partner genug Zeit für sich einplanen können und die Kinderbetreuung klar aufgeteilt ist. Das bewusste Pflegen der Beziehung ist ebenfalls wichtig: Statt nur vor dem Fernsehen zu sitzen und die Zeit totzuschlagen, sollte das Paar bewusst Quality Time verbringen. Sonst besteht die Gefahr, dass ihnen früher oder später die Decke auf den Kopf fällt.

Belastend dazu kommt, dass viele Hobbys nicht mehr möglich sind ...

Not macht bekanntlich erfinderisch und neue Ideen bringen auch frischen Wind in die Beziehung. Essen Sie mit Freunden via Video-Conference-Call, tanzen Sie zu Hause mal nur zu zweit oder machen Sie es wie die Italiener: raus auf den Balkon und mit den Nachbarn feiern. Momentan wird alles ein paar Stufen runtergefahren. Plötzlich hat man Zeit, mehr nachzudenken, sich miteinander auszutauschen, sich als Paar auch sexuell mehr Raum zu schaffen, vielleicht auch mal etwas Neues auszuprobieren. Wenn ein Paar die Situation als eine Art Projekt angeht, das beide meistern wollen, werden sie gemeinsam kreative Lösungen dafür finden und sich von einer neuen Seite kennenlernen.

Wo lauern die Fettnäpfchen?

Man sollte es vermeiden, seinen Frust am Partner auszulassen. Viele werden jetzt mit ihren persönlichsten Ängsten konfrontiert. Was ist, wenn ich jemandem in meinem Umfeld verliere oder wenn es beruflich bergab geht und ich keine Aufträge mehr habe? Sich darüber bewusst zu sein, dass es allen anderen ähnlich geht, hilft, den Fokus auf die Chancen zu lenken. Nun ist eine gute Zeit, sich mit dem Partner darüber auszutauschen, was man möchte und wie sich diese Ziele umsetzen lassen. Das stärkt die Beziehung.

Wird es nach der Corona-Krise zu mehr Scheidungen kommen?

Wenn Partner es nicht mehr schaffen, ihre Bedürfnisse konstruktiv zu verhandeln, kommt dies jetzt besonders deutlich zum Vorschein. Statt zu verhandeln, wird gestritten. In Zeiten von Homeoffice und Quarantäne treten Schwachstellen ans Licht, die nicht mehr mit Ablenkung kaschiert werden können. Beziehungen werden dadurch auf die Probe gestellt. Einige Paare sehen darin Potenzial und finden wieder zueinander, andere trennen sich.

Gibt es in neun Monaten einen Babyboom?

Wenn das Mehr an verfügbarer Paarzeit lustvoll genutzt wird, kann dies durchaus der Fall sein. Das wäre dann ein positiver «Nebeneffekt».

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