Indische Coronavirus-Mutation - «Das Virus verschlingt die Menschen unserer Stadt wie ein Monster»
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Indische Coronavirus-Mutation«Das Virus verschlingt die Menschen unserer Stadt wie ein Monster»

Noch nie wurden an einem Tag so viele Corona-Neuinfektionen gemeldet wie am Sonntag in Indien – die gefährliche Doppelvariante B.1.617 wütet. Besonders schlimm ist die Lage in der Hauptstadt Neu-Delhi, wo die Corona-Toten quasi auf offener Strasse verbrannt werden.

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In Indien erzeugt die Corona-Pandemie kriegsähnliche Bilder: Angehörige in Schutzanzügen verbrennen die Leiche eines am Coronavirus Verstorbenen.

In Indien erzeugt die Corona-Pandemie kriegsähnliche Bilder: Angehörige in Schutzanzügen verbrennen die Leiche eines am Coronavirus Verstorbenen.

Vijay Pandey/ZUMA Wire/dpa
In Indien wütet das Coronavirus – vor allem auch wegen der hochgefährlichen indischen Doppelmutante.

In Indien wütet das Coronavirus – vor allem auch wegen der hochgefährlichen indischen Doppelmutante.

REUTERS
In der Hauptstadt Neu-Delhi kommt man gar nicht mehr nach mit dem Verbrennen von Corona-Toten.

In der Hauptstadt Neu-Delhi kommt man gar nicht mehr nach mit dem Verbrennen von Corona-Toten.

Getty Images

Darum gehts

  • In Indien infizierten sich innerhalb eines Tages so viele Menschen mit dem Coronavirus wie noch nie auf der ganzen Welt.

  • Dem indischen Gesundheitssystem fehlt es an Betten und Sauerstoff-Geräten.

  • «Es ist, als ob wir mitten in einem Krieg seien», sagt eine Mitarbeiterin eines Krematoriums.

  • Die hochgefährliche indische Coronavirus-Mutation ist seit Ende März auch in der Schweiz.

349’691 Neuinfektionen innerhalb von einem Tag: Diese Zahlen vermeldeten die indischen Gesundheitsbehörden am Sonntag. Noch nie hatte ein Land so viele neue Ansteckungen mit dem Coronavirus gemeldet. 2767 Menschen starben am Virus. Krematorien und Friedhöfe sind überlastet. Der Vorrat an medizinischem Sauerstoff ist bedenklich gesunken und Patienten sterben, während sie darauf warteten, einen Arzt zu sehen.

Besonders dramatisch ist die Lage in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. Die Spitäler haben keine Kapazitäten mehr, das Personal ist ausgelaugt und überarbeitet. Ashwin Mittal sucht seit einer Woche verzweifelt ein Spitalbett für seine am Coronavirus erkrankte Grossmutter. In der ganzen Stadt Neu-Delhi fand er keinen Platz für sie: Entweder waren keine Betten frei oder nicht genügend Sauerstoff-Geräte vorhanden, um sie versorgen zu können. «Wenn sie überlebt, dann wegen eines Wunders und nicht etwa wegen einer medizinischen Behandlung», so ein Freund der Familie gegenüber «BBC».

Massenabfertigung in den Krematorien

Vor überfüllten Krankenhäusern starben manche Menschen, während sie auf der Strasse darauf warteten, einen Arzt oder eine Ärztin zu sehen. Beschäftigte des Gesundheitswesens versuchen, Intensivstationen zu vergrössern und die schwindenden Sauerstoff-Vorräte aufzufüllen. Krankenhäuser kämpfen ebenso wie Patientinnen und Patienten darum, knappe Medizinprodukte aufzutreiben, die oft zu überhöhten Preisen verkauft werden.

Nicht besser als in den Spitälern sieht es in den Krematorien aus. In der Stadt Bhopal muss auf eine Feuerbestattung stundenlang gewartet werden, wie dort zu hören war. Mitarbeiter des Krematoriums Bhadbhada Vishram Ghat berichteten, dass sie am Samstag mehr als 110 Leichen verbrannt hätten, obwohl die offizielle Zahl der Toten in der Stadt mit 1,8 Millionen Einwohnern zehn war. «Das Virus verschlingt die Menschen unserer Stadt wie ein Monster», sagte Mitarbeiterin Mamtesh Sharma.

«Wie mitten im Krieg»

Die beispiellose Zahl neuer Leichen zwang das Krematorium, individuelle Zeremonien und ausgiebige Rituale auszusetzen, von denen Hindus glauben, dass sie die Seele aus dem Kreislauf der Wiedergeburt befreien. «Wir verbrennen die Leichen einfach, wenn sie kommen», sagte Sharma. «Es ist, als ob wir mitten in einem Krieg seien.» Der leitende Totengräber des grössten muslimischen Friedhofs von Neu-Delhi, Mohammad Shameem, sagte: «Ich fürchte, dass uns sehr bald der Platz ausgeht.»

Noch im Januar hatte Ministerpräsident Narendra Modi das Coronavirus für besiegt erklärt. Die Inderinnen und Inder seien dadurch verleitet worden, auf Massnahmen zur Verringerung der Ansteckungsgefahr zu verzichten, sagte Dr. Krutika Kuppalli, Assistenzprofessorin für Medizin an der Abteilung für Infektionskrankheiten der Medical University of South Carolina in den USA. Sie hätten aber besser weiterhin Abstand halten, Masken tragen und grosse Menschenmengen vermeiden sollen.

Modi wird dafür kritisiert, hinduistische Festivals und grosse Wahlkampfveranstaltungen zugelassen zu haben, die Experten zufolge zur Ausbreitung des Virus beitrugen.

Seit Ende März in der Schweiz

Aufgrund der schrecklichen Bedingungen, die in Indien herrschen, reagieren andere Staaten. Italien hat am Sonntag alle Flüge von und nach Indien verboten. Wer sich in den letzten 14 Tagen in Indien aufgehalten hat, darf nicht mehr einreisen, teilte Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza mit. Auch der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn hat am Samstag ein weitgehendes Einreiseverbot für Inderinnen und Inder verhängt. «Deutschland steht Seite an Seite in Solidarität mit Indien», sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Man bereite nun eine Unterstützungsmission vor und werde Nothilfen an das Land liefern.

Die indische Coronavirus-Mutation breitet sich nicht nur in Indien aus. Seit Samstag ist bekannt, dass sich die Virus-Mutation schon in der Schweiz befindet. Ein erster Fall wurde bereits Ende März nachgewiesen und von einem Passagier via einem Transitflughafen in die Schweiz eingeschleppt. Das BAG prüft nun, Indien auf die Quarantäneliste zu setzen.

Die indische Coronavirus-Variante B.1.617 gilt als hochgefährlich, weil sie gleich zwei Mutation des Spike-Proteins in sich trägt. Sie steht deshalb im Verdacht, resistenter gegen Impfungen zu sein und auch Geimpfte und Genesene anstecken zu können.

(DPA/her, AFP/her)

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