Tunesien: Das Vorzeigeland der Revolution ist in der Krise
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TunesienDas Vorzeigeland der Revolution ist in der Krise

«Tunesien könnte ein zweites Somalia werden», so ein Ex-General. Proteste, eine miserabler Ruf der Polizei und eine erstarkte Al-Kaida machen es dem Land immer schwerer zu bestehen.

von
Paul Schemm
AP

Von den Ländern des Arabischen Frühlings galt bislang Tunesien als dasjenige, das die besten Chancen auf demokratische Erneuerung hat. Nun aber erstarkt im Westen des Landes eine extremistische Gruppe, die die innere Sicherheit des nordafrikanischen Staates bedrohen könnte.

Gewalt erschüttert derzeit das Land, in dem vor zwei Jahren der Arabische Frühling begann. Die Ermordung des Oppositionspolitikers Mohammed Brahmi löste tagelange Proteste in Tunesien aus - Brahmi fiel vermutlich einem Anschlag islamischer Extremisten zum Opfer. Womöglich waren es Mitglieder oder Anhänger der Gruppe, die Anfang der Woche in einem Gebiet nahe der algerischen Grenze tunesische Sicherheitskräfte angriff: Acht Soldaten starben.

Experten befürchten eine Destabilisierung und politische Verhältnisse wie in Ägypten, wo nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi Militär und Islamisten im offenen Konflikt stehen - oder gar einen Bürgerkrieg. «Tunesien könnte ein zweites Somalia werden», sagte Ende Juni General Rachid Ammar, damals Oberbefehlshaber der Streitkräfte. «Andere Länder haben die finanziellen Mittel, gegen Terrorismus zu kämpfen, aber wir nicht. Ich sehe in Tunesien Zeichen, die mir Angst machen, und die mich nachts vom Schlafen abhalten.» Wenig später trat Ammar zurück.

Seine Angst hat ihre Ursache vermutlich vor allem in dem, was sich derzeit im Bergmassiv Djebel Chaambi im Westen Tunesiens abspielt. Die Weiten des dortigen Nationalparks sind zu einem Rückzugsgebiet geworden für Kämpfer der Al-Kaida oder ihr nahestehender Gruppen. Unterstützt werden sie von Teilen der Bevölkerung vor Ort, die mit Armut und hoher Arbeitslosigkeit konfrontiert ist.

Der tunesische Ex-Machthaber Zine El Abidine Ben Ali, der als Folge der Proteste 2011 zurücktreten und das Land verlassen musste, war stets hart gegen islamische Extremisten vorgegangen. Möglicherweise deshalb hielt sich die Al-Kaida im Islamischen Maghreb, der nordafrikanische Ableger der Terrororganisation, lange Zeit aus den politischen Konflikten in Tunesien heraus.

Gebirgsregion Djebel Chaambi von Al Kaida bedroht

Dies scheint sich nun zu ändern - was womöglich damit zu tun hat, dass die gemässigt islamistische Regierungspartei Ennahda sich mehr und mehr der säkularen Opposition zuwendet und härter als bisher gegen Salafisten vorgeht. Im März rief Al-Kaida ihre Anhänger in Tunesien in einer Erklärung auf, nicht aufseiten der Salafisten in Syrien zu kämpfen, sondern lieber in der Heimat zu bleiben und sich dort gegen Bemühungen zu wenden, das Land zu säkularisieren.

Vor allem rund um die Gebirgsregion Djebel Chaambi - zwischen der Stadt Kassérine und der Grenze zu Algerien - trifft das Engagement der Al Kaida auf fruchtbaren Boden. In Kassérine ist die Arbeitslosigkeit hoch, Industrie gibt es kaum, die Infrastruktur ist in schlechtem Zustand. Viele Familien leben vom Schmuggel, bringen zum Beispiel illegal Treibstoff aus Algerien über die Grenze. «Jeder hier schmuggelt. Sonst hätte niemand etwas zu essen», sagt ein etwa 30-jähriger Mann. «Die Polizei hat keine Zeit einzugreifen, sie ist mit Banditen und Terroristen beschäftigt.»

Die Polizei - zu Ben Alis Zeiten gefürchtet als Vollstrecker seiner Herrschaft - hat immer noch einen schlechten Ruf in der Stadt. «Alle Polizisten sind Schweine», ist auf Hauswänden in Kassérine zu lesen. «Kassérine war immer eine rebellische Region, und die Haltung der Bevölkerung ist grundsätzlich erst einmal der Ungehorsam», sagt Samir Rahbi, linksgerichteter Politiker vor Ort. «Sie sympathisieren zunächst mit allen, die sich gegen den Staat wenden.»

Militär übernimmt Polizeiaufgaben

Mittlerweile ist es Aufgabe des Militärs, hier gegen Verbrechen und Terrorismus vorzugehen. Nach einem Bombenanschlag auf eine Militärpatrouille im April schickte die Regierung Hunderte Soldaten nach Djebel Chaambi. Diese erklärte zwei Monate später, das Gebiet sei unter Kontrolle. Dutzende Menschen wurden festgenommen - darunter keiner der schätzungsweise 30 Dschihadisten, die sich in Djebel Chaambi verstecken. Dafür fanden die Soldaten neben Ausweispapieren, Lebensmittel- und Waffenlagern auch Hinweise darauf, dass die Extremisten Unterstützung vor Ort geniessen.

Anders als beispielsweise Algerien hat Tunesien nicht die finanziellen Mittel für eine grossangelegte Militäraktion gegen die mutmasslichen Terroristen. Das Land besitzt nicht die notwendige Luftüberwachungstechnik oder Aufklärungsflugzeuge, um das riesige Gebiet zu kontrollieren. Etwas, was die Dschihadisten für sich nutzen könnten, wie der Militäranalyst Mohammed Ahmed befürchtet: «Sie sind derzeit dabei, eine Infrastruktur aufzubauen, Leute zu suchen, die ihre Ideen teilen und sie im Waffengebrauch zu trainieren», sagt er. «Wenn wir nichts tun, werden sie bald mit der aktiven Phase beginnen.»

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