Zugfahren ohne Lokführer: «Das wären ja Geisterzüge»
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Zugfahren ohne Lokführer«Das wären ja Geisterzüge»

Die Südostbahn will in den nächsten Jahren führerlose Züge testen – eine Premiere im Schweizer Streckennetz. Bahnexperten haben Bedenken.

von
Camille Kündig
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Hier ein Zug des Bahnunternehmens im Modernisierungsprozess.

Hier ein Zug des Bahnunternehmens im Modernisierungsprozess.

SOB Südostbahn
Die Südostbahn will das System in zwei bis drei Jahren - als erste offene Bahn der Schweiz - testen.

Die Südostbahn will das System in zwei bis drei Jahren - als erste offene Bahn der Schweiz - testen.

SOB Südostbahn
Beim selbstfahrenden Zug lösen Sensoren an der Lokomotive einen Bremsvorgang aus, wenn sich ein Hindernis auf dem Gleis befindet.

Beim selbstfahrenden Zug lösen Sensoren an der Lokomotive einen Bremsvorgang aus, wenn sich ein Hindernis auf dem Gleis befindet.

Keystone/Gian Ehrenzeller

Züge, die ohne Lokführer unterwegs sind – das könnte schon bald Realität werden. Die Südostbahn (SOB) will das System in zwei bis drei Jahren testen – als erste offene Bahn der Schweiz. Das erklärte Direktor Thomas Küchler gegenüber Radio SRF.

Das Bahnunternehmen, dessen Züge zwischen St. Gallen und Luzern verkehren, ist mit einer Vorstudie zum entsprechenden Projekt fast fertig. Deshalb soll das Systen nun bald in der Praxis getestet werden. Die SOB wolle sich langsam an diese Möglichkeit des Fahrens herantasten, so Küchler zu 20 Minuten. «Es geht darum zu schauen, ob sich ein solches System bewährt, sowohl ökonomisch wie in Bezug auf die Sicherheit.»

Beim automatisierten Bahnfahren gebe es verschiedene Stufen, erklärt er. Während der ersten Testphase werde der Computer das Fahren übernehmen, der Lokführer aber werde weiterhin im Führerstand präsent sein und die Systeme überwachen. In einer weiteren Phase sei es vorstellbar, dass sich niemand im Führerstand befinde, doch jemand an Bord des Zugs sei und in einem Notfall – wie beispielsweise im Fall Salez – handeln könnte.

In einer letzten Stufe würde alles vollautomatisch laufen. Ausserdem würde es dabei nicht unbedingt Personal an Bord haben. Mit den Tests, so Küchler, wolle man herausfinden, wie weit man in diesem Bereich gehen könne.

«Passagiere werden wohl ein mulmiges Gefühl haben»

Walter von Andrian, Chefredaktor der «Schweizer Eisenbahn-Revue», hat bezüglich der lokführerlosen Züge Bedenken. «Ich halte nicht viel von dieser Idee», sagt er. «Es muss ein Lokführer im Führerstand sein, und sei es nur, um bei Unregelmässigkeiten eingreifen zu können.» Dass sich gewisse Züge nun bald selbst durch die Schweiz bewegen sollen, hält er für unrealistisch: «Das wären ja Geisterzüge.»

Es brauche unbedingt jemand an Bord, der die technischen Zusammenhänge begreife, Gefahren erkenne und bei Störungen entsprechende Massnahmen einleiten könne. Ein Zugbegleiter ohne technische Ausbildung könne das nicht, so von Andrian.

«Wie in der Luftfahrt immer mehr automatisiert»

Auch der Präsident von Pro Bahn Schweiz, Kurt Schreiber, beobachtet die Entwicklung genau: «Die Probleme beginnen dann, wenn etwas Unvorhersehbares passiert.»

Ausserdem sagt er: «Die Menschen werden mit einem mulmigen Gefühl einsteigen, wenn sie wissen, es ist kein Lokführer an Bord.»

Ob das führerlose Fahren die Zukunft des Zugverkehrs ist, wisse er nicht. «Sicher ist, dass der Bahnbetrieb immer mehr automatisiert wird.» Das sei auch bei der Fliegerei so. «Mit Ausnahme von Start und Landung übernimmt der Computer heute ja die meisten Aufgaben. Die Piloten sind da, um das Ganze zu überwachen und wenn nötig einzugreifen.» Ähnlich sollte es gemäss Schreiber auch im Bahnverkehr ablaufen. «Ein Lokführer sollte sicher im Führerstand sein, um das Fahren des Zugs zu überwachen.»

Fall Salez: «Mit führerlosem Zug hätte man Zeit verloren»

Ein Zug der Südostbahn war im August Tatort eines tragischen Verbrechens geworden. Ein Mann verletzte mehrere Passagiere mit entzündbarer Flüssigkeit und einem Messer. Zwei Frauen sowie der Täter starben. Der Lokführer hatte damals seinen Zug mit einem ausserplanmässigen Stopp im Bahnhof Salez-Sennwald SG zum Stehen gebracht. Leute auf dem Perron leisteten den Verletzten dann Erste Hilfe. Schreiber: «Hätte es sich in diesem Fall um einen führerlosen Zug gehandelt, wäre dieser bis zum nächsten programmierten Haltepunkt weitergefahren und man hätte Zeit verloren.» Er ist deshalb überzeugt: «Der gesunde Menschenverstand eines Lokführers ist wichtig und lässt sich nicht durch Technik ersetzen.»

Was passieren würde, wenn es in einem selbstfahrenden Zug zu einem Angriff wie im Fall Salez kommen würde, sei schwierig zu beurteilen, sagt hingegen SOB-Direktor Küchler. Die Gefahr von solchen Fällen habe aber nichts mit dem automatischen Fahren zu tun, sondern sei «ein rein gesellschaftliches» Problem.

Die SBB beobachtet die Entwicklungen

Bei der SBB sind führerlose Züge derzeit kein Thema. Grund dafür ist gemäss Sprecher Christian Ginsig die «komplexe Betriebsabwicklung des Führens von Zügen ohne Lokpersonal». Sie würden die nationalen und internationalen Entwicklungen in diesem Bereich natürlich beobachten.

Die Pilotstudie der Südostbahn soll Ende Jahr abgeschlossen sein. Die Bewilligung des Bundesamtes für Verkehr zum Betrieb und zur Finanzierung steht noch aus.

In geschlossenen Systemen gibt es das lokführerlose Fahren bereits

Bisher gibt es in der Schweiz lediglich kleinere Bahnen die ohne Lokführer unterwegs sind. So beispielsweise das Polybähnli in Zürich oder die Metro M2 in Lausanne. Das sind allerdings geschlossene Systeme, die verhindern, dass jemand auf das Gleis gelangt. Zudem müssen sie – im Gegensatz zu den Südostbahnen -– nicht mit anderen Fahrzeugen kreuzen.

Auch Baselland Transport interessiert

Die SOB ist nicht die einzige Schweizer Bahn im Modernisierungsprozess. Die Baselland Transport AG (BLT) stellte Anfangs September ebenfalls ihre Pläne zum führerlosen Fahren vor. Die Waldenburgerbahn (verbindet Waldenburg BL mit Liestal BL) bis 2022 computergesteuert werden.

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