Das war 2003
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Das war 2003

Die Highlights und die Lowlights: Vom Jahrhundertsommer bis zum Golfkrieg, vom Alinghi-Sieg bis zum Kannibalen-Mord. Die Reise durch das Jahr 2003 in Wort und Bild.

Der Krieg in Irak ist geschlagen, Saddam Hussein gefasst, sein Regime beseitigt. Doch Frieden herrscht nicht im Land zwischen Euphrat und Tigris, ebenso wenig wie in Nahost und in Afghanistan. Die Blutspur des Terrorismus lässt die Welt Ende 2003 noch unberechenbarer erscheinen. Zwischen Hoffen und Bangen schwankt die Stimmung im Inland nach dem Ende der Zauberformel im Bundesrat.

Am Unfrieden der Welt, die US-Präsident George Bush mit seinem Feldzug friedlicher und hoffnungsvoller machen wollte, nährt sich der Profiteur des Jahres: der Terrorismus. Verheerende Anschläge, zuletzt auch in der türkischen Metropole Istanbul, lassen ahnen, wie viele Opfer der weltweite Krieg gegen den Terrorismus noch fordern kann. Die Verluste an Personal und Material in Irak, die hohen Kosten der Besetzung des schwer kontrollierbaren Landes haben die USA in kaum noch verhüllte Ratlosigkeit und Nervosität gestürzt. Allerdings dürfte die überraschende Festnahme Saddams dem amerikanischen Präsidenten wieder Auftrieb geben und die Kritik an seinem Vorgehen zumindest im eigenen Land leiser werden lassen.

Trostlos erscheint die Lage im Nahen Osten: Immer wieder wurde die israelische Bevölkerung von Terroraktionen fanatischer arabischer Selbstmordattentäter in Angst und Schrecken versetzt. Und Israel, geführt von Ministerpräsident Ariel Scharon, schlug erbarmungslos zurück. Der Hass ist auf beiden Seiten eher gewachsen. Der geschwächte Palästinenserführer Yassir Arafat ist weder für die USA noch für Israel ein weiterhin akzeptabler Partner - doch es gibt auch noch keinen anderen. Wenig deutet auf eine Beruhigung oder gar Lösung des Nahost-Problems 2004 hin, zumal die Präsidenten-Wahl in den USA neue Initiativen blockiert. Eine der viel versprechendsten wurde von der Schweiz aktiv gefördert: Die Anfang Dezember in Genf formell aus der Taufe gehobene Genfer Initiative israelischer und palästinensischer Politiker wird zunehmend als Anstoss anerkannt, den Nahost-Friedensplan aus der Sackgasse zu führen.

Aufregung hat es 2003 um die atomare Aufrüstung der kommunistischen Diktatur in Nordkorea und die vermuteten Absichten Irans gegeben, gleichfalls in den Besitz von Atomwaffen zu kommen. Beide Staaten schienen zeitweise von weiteren US-Interventionen bedroht, doch die unerwartet schwierige Lage in Irak hat diese Möglichkeit zumindest einstweilen in der Hintergrund gedrängt. In Georgien wurde Präsident Eduard Schewardnadse friedlich gestürzt - Teil eines undurchschaubaren Machtspiels im Kaukasus, an dem das ökonomisch wieder erstarkte Russland ebenso beteiligt ist wie die USA.

Rückschläge mit noch ungewissen Folgen musste zum Jahresende die Europäische Union hinnehmen: Der Stabilitätspakt wackelt nach den Zugeständnissen an Deutschland und Frankreich. Paris und Berlin machten umgekehrt Polen und Spanien für das Scheitern des EU-Verfassungsgipfels verantwortlich. Am Vorabend der Erweiterung ist Krisenmanagement statt Zuversicht angesagt. Die Nachbarländer im Süden und Norden der Schweiz waren vor allem mit sich selbst beschäftigt. In Deutschland rangen rangen die angeschlagene rot-grüne Regierung von Kanzler Gerhard Schröder und die keineswegs völlig geschlossene Opposition aus Union und FDP um die Gestaltung gleich mehrerer umfangreicher Reformpakete. Derweil wächst die Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit der politischen Klasse in Berlin. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi ist bei seiner Machtabsicherung zwar einer Verurteilung durch die Justiz entgangen, wurde zum Ende der wenig glanzvollen EU-Präsidentschaft aber erstmals von Staatspräsident Ciampi zurückgebunden. Und dies in seinem Kerngeschäft: dem Gesetz, das seinem Medienimperium neue Wachstumsmöglichkeiten schaffen soll.

In der Schweiz wird 2003 als das Jahr mit der Abwahl von Bundesrätin Ruth-Metzler Arnold und dem Ende der 44-jährigen Zauberformel in die Geschichte eingehen. Ob die Wahl des zweiten SVP-Bundesrats Christoph Blocher auf Kosten eines der beiden CVP-Sitze in der Regierung über die numerische Konkordanz hinaus die wichtigsten Kräfte in die Konsensdemokratie einbindet oder das Kollegialitätssystem erst recht einer Belastungsprobe aussetzt, war zum Jahresende offen. Zumal die Wahl des Ausserrhoder FDP-Ständerats Hans-Rudolf Merz zum Nachfolger von Kaspar Villiger den Rechtsrutsch im Bundesrat akzentuiert. Das grüne und linke Lager, das bei den Wahlen vom 19. Oktober insgesamt stärker zulegte als die Wahlsiegerin SVP, will mit dem Rückgriff auf die Volksrechte für ein Gegengewicht sorgen. Die schwer geschwächte Mitte von FDP und CVP ist auf der Suche nach neuen Rezepten und Köpfen.

Stand der Wahlherbst ganz im Zeichen der Strategien um Personen und der alles beherrschenden Frage, ob es der SVP gelingt, ihre Führerfigur Blocher in den Bundesrat zu bringen, sind in den wichtigen Sachfragen keine Lösungen in Sicht. Das Parlament brach die Gesundheitsreform nach drei Jahren ab, und in der Sozial- und Rentenpolitik haben sich die Fronten weiter verhärtet. Damit steht auch Pascal Couchepin am Ende seines Präsidialjahrs mit einer dünnen Bilanz da.

In der Schweiz, aber auch in den Nachbarländern besteht immerhin die Hoffnung, dass der Konjunkturfunke endlich auf die Wirtschaft überspringt. Denn darin sind sich links und rechts einig: Ohne nachhaltiges Wirtschaftswachstum sind weder die drängenden Probleme zu meistern, noch der Trend steigender Arbeitslosenzahlen und die lähmende Sorge um die Zukunft zu brechen. Der Zusammenbruch der Winterthurer Erb-Gruppe steht als Mahnmal für die fatalen Folgen des Versagens von Wirtschaftsführern. Bei der Fluggesellschaft Swiss steht auch zwei Jahre nach der staatlichen Milliardenspritzen nicht fest, wohin die Reise führt. Dem Finanzplatz machte der abtretende Finanzminister Villiger ein Geschenk, indem er in zähen Verhandlungen mit der EU das Bankgeheimnis bei der Zinsbesteuerung verteidigte.

Nicht vergessen ist ein anderes Ereignis, das die Menschen ganz persönlich betraf: die Gluthitze des Sommers 2003. Der Freude über das mediterrane Lebensgefühl während der lauen Sommernächte standen die negativen Folgen von Hitze und Trockenheit in der Landwirtschaft und die Sorge um die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels gegenüber. Sieht man vom verheerenden Waldbrand in Leuk ab, kam die Schweiz trotz Fels- und Gletscherabbrüchen vergleichsweise glimpflich davon. In Frankreich starben erschreckend viele alte und kranke Menschen mangels fehlender Versorgung während der Extremtemperaturen. In Portugal und Spanien wurden weite Wald- und Naturschutzgebiete Opfer der Flammen. Und im fernen Australien gefährdeten Buschbrände sogar die idyllische Hauptstadt Canberra. Unheimlicher war die aus Asien kommende Sars-Epidemie, die viele Tote forderte und Schwachstellen im chinesischen Gesundheitssystem unerbittlich bloss legte. In der Schweiz konnte der tückische Erreger unter Kontrolle gehalten werden.

Im europäischen Ausland sorgten zwei Attentate für Schocks: Serbiens reformorientierter Ministerpräsident Zoran Djindjic starb ebenso bei einem Attentat wie die schwedische Aussenministerin Anna Lindh, die in einem Stockholmer Kaufhaus erstochen wurde. In Russland zerstörten die Verhaftung und der tiefe Fall des Ölmagnaten Michail Chodorkowski dessen hochfliegende Pläne. Präsident Wladimir Putin, der Chodorkowskis Fall betrieb, aber sitzt nach dem Wahltriumph der ihn stützenden Parteien fester denn je im Sattel.

Ein besonderes politisches Spektakel war der Sieg des aus Österreich stammenden Muskelmannes und Filmstars Arnold Schwarzenegger bei der Gouverneurswahl im US-Krisenstaat Kalifornien. Auch wenn der Beweis für «Arnies» Eignung als verantwortungsbewusster Politiker aussteht, ein Beweis wurde geliefert: Die USA sind noch immer ein Land der ziemlich unbegrenzten Möglichkeiten. Dies hat der Steirer eindrucksvoll gezeigt. Ein Rückschlag für Amerika war die Explosion der Raumfähre «Columbia» am ersten Februartag, fast genau 17 Jahre nach der «Challenger»-Katastrophe. Sieben Astronauten kamen ums Leben.

In der Schweiz schreckte die Serie von schweren Verkehrsunfällen auf. Wegen rücksichtsloser Raser brachen Tod und Leid über ganze Familien herein. Nebel und Unvorsicht waren auf der Autobahn A1 für eine beispiellose Massenkarambolage verantwortlich. Der Zugzusammenstoss in Oerlikon deckte Sicherheitsmängel bei den SBB auf. Die Bahn hat durch eine Serie von Pannen und notorische Verspätungen auch sonst viel Kredit bei ihren Kunden verspielt.

In der Theaterwelt wurde das Ende der Ära Marthaler am Zürcher Schauspielhaus eingeleitet. Der Deutsche Matthias Hartmann wurde zum neuen künstlerischen Direktor berufen. Die Sportfans im Binnenland Schweiz staunten über den Triumph der Segelyacht Alinghi beim America's Cup in Neuseelands Gewässern. Mit Roger Federer gewann erstmals ein Schweizer Tennisspieler das Turnier von Wimbledon. Köbi Kuhns Fussballer schafften die Qualifikation für die Europameisterschaft in Portugal. Während die Skination Schweiz früheren Erfolgen hinterher rennt, räumte Simone Luder in der Randsportart Orientierungslauf an der WM in Rapperswil mit vier Goldmedaillen ab.

Auch 2003 ist die Liste der bedeutenden Toten lang. Uralt waren die Oscar-Rekordgewinnerin Katherine Hepburn und der Komiker Bob Hope, als sie in kurzer Folge die Bühne des Lebens für immer verliessen: Die Hepburn 96-jährig, Hope gar mit 100 Jahren. Auch der bedeutende Filmregisseur Elia Kazan zählte 94 bei seinem Tod. Filmregisseurin Leni Riefenstahl starb 101-jährig als eine der umstrittensten wie auch legendärsten Frauen Deutschlands. Hollywood-Beau Gregory Peck, der knorrige Charles Bronson sowie die Country-Legende Johnny Cash starben ebenfalls 2003. Italien verlor Giovanni Agnelli, seinen lange Zeit einflussreichsten Industriellen, und mit Alberto Sordi einen der beliebtesten Schauspieler. Und nicht nur Kuba trauerte um den Musiker Compay Segundo, der erst mit 90 ein internationaler Star wurde.

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