10.11.2020 06:33

Renato Steffen im Interview«Das war befremdend für mich»

Die Oktober-Länderspiele verpasste Renato Steffen, weil er an Covid-19 erkrankte. Zurück im Team schildert er seine Zeit in der Quarantäne, seine Bedenken und seine Gedanken über den Fussball.

von
Eva Tedesco
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Renato Steffen erkrankte im Oktober an Covid-19 und verpasste deshalb die Länderspiele vor einem Monat. 

Renato Steffen erkrankte im Oktober an Covid-19 und verpasste deshalb die Länderspiele vor einem Monat.

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Jetzt ist der Wolfsburg-Söldner wieder dabei und rückte am Montag im Teamhotel in der Nähe von Basel ein. 

Jetzt ist der Wolfsburg-Söldner wieder dabei und rückte am Montag im Teamhotel in der Nähe von Basel ein.

Daniela Frutiger/freshfocus
Von der Corona-Erkrankung hat sich der ehemalige YB- und FCB-Flügelspieler gut erholt, nur der Geschmacksinn ist noch nicht da. 

Von der Corona-Erkrankung hat sich der ehemalige YB- und FCB-Flügelspieler gut erholt, nur der Geschmacksinn ist noch nicht da.

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Darum gehts

  • Seit Montag bereitet sich die Nati auf die letzten drei Spiele des Jahres vor.

  • Am Mittwoch testet die Schweiz in Belgien, danach folgen die kapitalen Spiele gegen Spanien und die Ukraine in der Nations League.

  • Diesmal mit von der Partie ist Renato Steffen, der im Oktober wegen einer Corona-Erkrankung fehlte.

  • Der Wolfsburger erzählt von seiner Quarantäne, Ängsten und Folgen für den Fussball.

Renato Steffen verpasste die Oktober-Länderspiele. Jetzt ist der Wolfsburg-Söldner zurück in der Nati und rückte zur Vorbereitung auf die anstehenden Länderspiele gegen Belgien (am Mittwoch), Spanien (14. November in Basel) und die Ukraine (17. November in Luzern) im Teamhotel ein. Pflichtbewusster denn je mit Maske und auf Social Distancing bedacht. Das hat seinen Grund: Steffen war im Oktober an Covid-19 erkrankt.

Renato Steffen, die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Einzig der Geschmacksinn ist noch nicht wieder zurück. In den letzten Wochen habe ich noch ein wenig gespürt, dass etwas in der Lunge blockiert. Aber es geht mir von Woche zu Woche besser.

Hat Sie die Krankheit verändert, oder anders gefragt: Sind Sie jetzt vorsichtiger?

Ich war immer vorsichtig, schon wegen meiner Familie und meiner Eltern. Aber jetzt bin ich noch mehr sensibilisiert, auf meine Mitmenschen zu achten. Ich weiss jetzt auch, was es bedeutet, in Quarantäne zu sein und nichts machen zu können.

«Es war sehr befremdend für mich als Vater, mich von meinem Sohn zu distanzieren.»

Führen Sie das bitte genauer aus?

Wir mussten noch vor unserem Abflug in Athen (1:2 in der Europa League gegen AEK Athen, Red.) einen Corona-Test machen. Die Resultate waren aber bei unserer Rückkehr noch ausstehend, und so bin ich erst einmal nach Hause gefahren. Um 18 Uhr kam dann das Testresultat. Ich habe aber schon gespürt, dass ich positiv bin. Mein Körper hat sich so komisch angefühlt, und ich war schlapp, und darum hatte ich mich schon in ein Zimmer zurückgezogen. Aber weil es Kontakt gab, musste auch meine Familie in häusliche Quarantäne. Wir haben versucht, uns möglichst aus dem Weg zu gehen, aber ich habe einen kleinen Sohn, der das noch nicht versteht. Das war sehr befremdend für mich als Vater, mich von ihm zu distanzieren. Es ist wahnsinnig schwierig, die Familie nicht so lieben und so drücken zu können, wie man sich das wünscht.

Sie haben auch die Oktober-Länderspiele verpasst. Denkt man da überhaupt an Fussball?

Ich habe versucht, die Situation anzunehmen, und hatte gute Gespräche mit Nati-Trainer Vladimir Petkovic, der mir auch sofort seine Unterstützung anbot, wenn ich sie brauchen sollte. Trotz der Enttäuschung hat er mir ein gutes Gefühl gegeben.

Wie schwierig war und ist es, immer positiv bleiben zu müssen?

Es war schwierig, weil ich natürlich auch an Physis verloren habe und deshalb Bedenken hatte, wie fit ich danach sein würde. Das war der Moment, in dem es ein wenig gearbeitet hat in meinem Kopf. Gut war, dass meine Familie da war. Ich konnte viel mit meiner Frau sprechen und die Downs besser aufarbeiten.

Welchen Aussenblick hatten Sie auf die Nati, auf die Stimmung rund um die Nations League?

Ich habe die Spiele natürlich gesehen und eigentlich eine gute Stimmung ausmachen können. Natürlich waren die Resultate nicht optimal, aber man muss auch die Gegner sehen und dass wir immer noch in einem Prozess sind, in dem wir als Team noch stärker werden müssen. Vielleicht ist man mit der Nationalmannschaft manchmal zu kritisch. Aber wir haben auch selber den Anspruch, zu den Topteams gehören zu wollen, und müssen dann mit dieser Kritik umgehen können.

Machen Sie die Stimmung nur von den Resultaten abhängig?

Wenn man gewinnt und so den Leuten draussen Freude schenken kann, wird auch die Aussendarstellung besser. Wenn man gewinnt, ist man automatisch besser drauf, die Stimmung ist positiv, und man sieht etwas, das vielleicht noch nicht so gut ist, weniger dramatisch. Mit Erfolg können wir die Fans mit ins Boot holen.

«Fussball ist unser Job, aber wir spielen auch, weil wir Freude daran haben.»

Entfremdet sich der Fussball wegen Corona und den leeren Stadien von den Fans?

Vielleicht der Fussball von den Fans… Wir versuchen aber auf diversen Plattformen vom Leben in der Mannschaft ein wenig nach aussen zu tragen. Es ist schwierig, aber wir versuchen alles, dass ein wenig davon bei den Fans ankommt. Aber der Fussball ohne Zuschauer ist nicht das Gleiche. Das wissen wir, aber das wissen auch die Fans. Wenn beide Seiten probieren, auch Freude an Kleinigkeiten zu haben, werden wir die Situation meistern. Fussball ist unser Job, aber wir spielen auch, weil wir Freude daran haben. Und auch die Fans schauen Fussball, weil sie die Leidenschaft für den Sport haben. Auch wenn derzeit andere Dinge im Leben zentral sind, versuchen wir den Leuten Freude zu bereiten.

Die Botschaft vom deutschen Teammanager Oliver Bierhoff am Montag war: Spass haben und spielen. Würden Sie das auch so formulieren?

Wenn man Spass hat, merkt man das. Und wenn eine Mannschaft keine Freude hat, dann stimmen auch die Resultate nicht. Spass steht sehr weit oben, aber man muss dennoch professionell an die Sache herangehen. Die Balance ist entscheidend. Oliver Bierhoff hat das gut gesagt.

Fehlt der Nati vielleicht genau das letzte Quäntchen Spass, um wieder erfolgreicher zu sein?

Ich finde, die Stimmung ist gut im Team. Wir haben auch keine Grüppchen, wie das in anderen Mannschaften vorkommt. Ich komme immer mit einem Lächeln hierher und gehe mit einem Lächeln wieder zum Club zurück, und das kann ich nur, wenn das Lächeln erwidert wird. Das sehe ich bei jedem einzelnen Spieler. Das ist am Ende auch das Geheimnis dieser Mannschaft: Sie ist im Kollektiv sehr stark und hat auf jede Situation eine Antwort. Ich bin froh, dass wir so ein tolles Team haben.

Zum finalen Glück fehlt wohl der Klassenerhalt in der Gruppe A. Dazu braucht die Schweiz noch mindestens vier Punkte. Wie schätzen Sie die Chancen gegen Spanien und die Ukraine ein?

Es warten zwei sehr schwierige Aufgaben. Man hat schon im Hinspiel gesehen, dass Spanien ein starker Gegner ist, der einem kaum Zeit zum Schnaufen lässt. Es gilt, gute Lösungen zu finden. Bei den Ukrainern läuft viel über ihre Physis, und da müssen wir dagegenhalten. Wenn wir besser in den Zweikämpfen abschneiden und zielstrebiger gegen vorn arbeiten, bin ich zuversichtlich, dass wir gute Resultate gegen die beiden Teams machen können.

Kobel zwickt es im Rücken, und er muss passen

Gregor Kobel kann nicht zur Nati einrücken. Der Keeper des VfB Stuttgart klagt über Rückenschmerzen und bleibt für weitere medizinische Abklärungen in Deutschland. Nati-Trainer Vladimir Petkovic bot Kobel als Nummer 3 hinter Yann Sommer und Yvon Mvogo anstelle von Jonas Omlin (muskuläre Probleme) auf. Für den Stuttgarter rückt David von Ballmoos von Meister YB nach. (ete)

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